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Karasek liest: 

Dieser Lehrer ist ein Honk

11. Aug 2006 07:24
«Arme Esel in einer Sackgasse», so erscheinen dem jungen Lehrer Frank McCourt seine Schüler. Die wissen noch nichts von der Macht des gesprochenen Wortes und machen ihren Erziehern das Leben manchmal zur Hölle.

für die NZ von Tal Sterngast

Von Manuel Karasek

Es beginnt alles mit einem Mortadella-Sandwich, das – in einer braunen Papiertüte verpackt – durch ein New Yorker Klassenzimmer fliegt. Wir schreiben das Jahr 1958, und Frank McCourt, der Verfasser des neuen Erinnerungsbuches «Tag und Nacht und auch im Sommer», steht noch ganz am Anfang seiner Lehrerkarriere.

«Ich kam hinter meinen Pult hervor», erzählt der bekannte, in Amerika lebende Bestsellerautor, «und tat die erste Äußerung meiner Lehrerlaufbahn: He.» Das hat nach einem vierjährigen Studium an der New York University durchaus etwas Ernüchterndes. Und es ist charakteristisch für ein Buch, das sich hauptsächlich selbstironisch mit dem vermeintlichen Scheitern eines Pädagogen auseinandersetzt.

Kokette Klage

Frank McCourt
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Frank McCourt, der als Lehrer freilich nicht ahnen konnte, dass die Erinnerungen an seine unglückliche Kindheit («Die Asche meiner Mutter») ihn später reich machen würden, betont in seinem neuen Buch häufig, wie gerne er doch ein strenger, disziplinierter und allseits respektierter Lehrer geworden wäre.

Die Klage kommt gelegentlich etwas kokett daher. Zum einen, weil eine alte Sehnsucht bejammert wird, die sich längst in verschüttete Milch verwandelt hat. Zum anderen aufgrund des Tones, den der 1930 geborene Autor zuweilen anschlägt. Anstatt die aufmüpfige Schülerschaft hart zu bestrafen, erzählt er ihnen von seiner traurigen Kindheit in Irland, von der «Trinkerei seines Vaters», von den Tagen «in den Slums von Limerick» – und ist überrascht, dass «diese New Yorker Teenager immer noch mehr hören wollten.»

Die Herablassung eines Kalifen

Heute ist McCourt davon weniger überrascht. Er weiß, dass er ein von einem Millionenpublikum begleiteter Autor ist, dessen Erzählweise vor allem mit Natürlichkeit verbunden wird. Und wenn er von jener Zeit berichtet, in der er als junger, namenloser Mann noch um Zuhörer buhlen musste, bleibt ihm als Erzähler nichts anderes übrig, als jene unbedingte Ehrlichkeit, die McCourts anekdotenreiche Erinnerungsbücher seit jeher ausmachen.

So schütteln die Fachbereichsleiter ihren Kopf und erklären den Herrn Lehrer für nicht dynamisch genug. Der Held ist in ihren Augen ein Loser, ein Schluffi, ein Honk, ein Pfosten. Und der gemeine, schnöselige Schriftsteller Dahlberg scheint dies auf einer Party zu bestätigen. «Kann unser High-School-Junge schon lesen?», fragt er den Herrn Lehrer mit der besonderen Herablassung selbsternannter Kalifen, «Und wenn ja, was liest er?»

Vom Hund gefressen

Der literarische Partyhengst Dahlberg steht für ein Thema ein, das McCourt fortwährend variiert. Zwar ist nicht McCourts vordringliches Anliegen, das Verhältnis von Sprache und Herrschaft im sozialen Kontext auszuloten. Und doch bringt der Autor die Herkunft immer wieder ins Spiel – sei diese nun sozial oder ethisch determiniert. Die Frage nach der Abstammung stiftet eine Verbindung zwischen dem Lehrer und seinen Schülern – zuweilen sogar einen Pakt.

Besonders schön sind die Passagen, in denen es um die gefälschten Entschuldigungsschreiben der Schüler geht. Die Schularbeit wurde von einem Hund aufgefressen, schreibt eine Schülerin. Und ein anderer behauptet: «Wir sind aus der Wohnung zwangsgeräumt worden und der fiese Sheriff hat gesagt, wenn der Sohn weiter so nach seinem Schulheft schreit werden wir alle festgenommen.»

Das ewige Heben und Schleppen

So bekommen diese Weltmeister im Entschuldigen die wunderbare Aufgabe gestellt, einen Brief an Gott zu verfassen, in dem sie mögliche Ausreden und Ausflüchte Adam und Eva in den Mund legen. «Zum ersten Mal in meiner dreijährigen Lehrerlaufbahn», schreibt McCourt, «sah ich Schüler, die so in eine Aufgabe vertieft waren, dass hungrige Schüler sie drängen mussten, endlich Schluss zu machen und hinauszugehen.»

Die Schüler kommen genau wie ihr Englischlehrer aus schlichten Verhältnissen. Viele der Eltern arbeiten in den Hafendocks New Yorks. Eine Arbeit, die McCourt selber gut kennt: Vor seiner Zeit als Lehrer hatte er dort auch geschuftet. «Das ewige Heben und Schleppen und Stapeln», so beschreibt Eddie, der Chef eines der Lagerhäuser, die Tätigkeit in den Kais.

Die ewige Kluft zwischen den Generationen

«Ein paar von den Jungs haben in der Normandie und im Pazifik gekämpft, und was sind sie jetzt? Packesel. Esel mit Tapferkeitsmedaillen. Arme Esel in einer Sackgasse.» Und dem Leser wird klar, dass McCourts Schüler schon jetzt in einer Sackgasse sitzen, aus der sie der Lehrer nicht wird befreien können.

Es geht dabei auch um das Scheitern einer Pädagogik, die sich dem hohen Ideal einer Wissensvermittlung verschrieben hat, für die sich die New Yorker Teenager in McCourts Buch nicht sonderlich interessieren. So ist sein neues Werk eine unaufdringlich präzise Beschreibung der Arbeiterklasse im New York der sechziger und siebziger Jahre – und ein Befund über die ewige Kluft zwischen den Generationen.

Mach das mal fünfzehn Jahre!

Ebenso genau hält der Autor den Alltag eines Lehrers fest: «Fünf Klassen, bis zu hundertfünfundsiebzig amerikanische Jugendliche; launisch, hungrig, verliebt, ängstlich, geil, energiegeladen, provokant», zählt McCourt einmal nüchtern auf. Und fügt hinzu: «Es gibt kein Entrinnen.»

Nein, hier kommt keiner raus. «Mach mal das fünfzehn Jahre», erklärt Eddie ihm einmal und meint damit die ausweglose Situation der Hafenarbeiter, «dann kannst du die Klappe auch nicht mehr halten.»

Immer komprimiert McCourt seine Texte zu Anekdoten. Charme, Witz, das Spiel mit der Redlichkeit, das Ertragen von Realitäten, die Koketterie und das Hadern mit dem Schicksal: all das fließt hier ein. McCourt gelingt damit eine Wohlfühlprosa, die sich von der glatten Oberfläche perfekt gestylter Bestseller aber durch die authentische Wirkung der autobiographischen Erzählung unterscheidet.

Hamlet und James Dean

«Ich plapperte drauflos», gesteht der Ich-Erzähler und leitet damit die Szene ein, in der er als Lehramtskandidat hoffnungslos nervös vor den Prüfern sitzt. Die Prosa McCourts liest sich tatsächlich gefällig, wobei die Gliederung – um einmal im Lehrerjargon zu bleiben – durchaus Mängel in der Pointierung der Handlungsabläufe und Entwicklungslinien aufweist.

Und doch steckt bei aller Gefälligkeit immer etwas dahinter. Wie würde er denn den Unterricht gestalten, wird er gefragt. «Ich würde über James Dean sprechen», erklärt der Ich-Erzähler - weiterhin nervös, «weil Teenager ihn bewundern... und ich würde Hamlets Selbstmord-Monolog erwähnen...und sie dann über ihre eigenen Gefühle in Bezug auf Selbstmord reden lassen, falls sie schon mal welche hatten.»

Aber in seiner ersten Stunden als Lehrer erörtert er nicht solche profunden Probleme. Als sich die Schüler über das Mortadellasandwich nicht einig werden können, isst der Lehrer es kurzerhand selbst. «Das war meine erste Amtshandlung», erzählt er. Und setzt fort, dass er sich die Finger leckte und mit einem «Mmm!» sein Wohlgefallen ausdrückte. «Die Klasse applaudierte, Wow, sagten sie und Große Klasse und Maaaann, seht euch das an.»

Frank McCourt: Tag und Nacht und auch im Sommer. Erinnerungen. Luchterhand 2006, 332 Seiten, 21,95 Euro

 
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