Neues aus der Praxis Bülowbogen
11.12.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Ich wohne seit vielen Jahren nicht mehr in Schöneberg, gehe aber immer noch zu meinem Arzt in diesem Bezirk. Er ist offen für alternative Heilmethoden, ohne sich der Schulmedizin zu verschließen. Außerdem nimmt er meine leicht erhöhten Bluttfettwerte ernst. So ernst wie sonst keiner in meiner Umgebung.
Ein souveränes Schulternzucken
Es mag damit zusammenhängen, dass er selbst etwas erhöhte Werte hat, über die er offen spricht. Noch versuche er, sie über eine maßvolle Ernährung zu senken, aber bald müsse er wohl auch Medikamente nehmen. Es ist ein Gespräch unter Erwachsenen, das den natürlichen Unterschied zwischen Arzt und Patient respektiert. Ich nehme längst Medikamente, weil ich es mit dem Essen und dem Trinken nicht optimal hinkriege, was er mit einem souveränen Schulterzucken quittiert.
Vor allem die Triglyceride machen mir zu schaffen.
Als ich neulich wieder bei ihm war, um die Werte zu überprüfen, empfing er mich mit einer überraschenden Nachricht: mit seinen 55 Jahren sei er zum ersten Mal auf einem Punkkonzert gewesen.
Die Finger schonen
Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass einer seiner langjährigen Patienten Gitarrist bei der legendären Gruppe «PVC» ist. Sie feiert ein Comeback, und beim Konzert im gleichfalls legendären «Tommy Weissbecker Haus» war mein Arzt dabei.
Eigentlich gehe er ja überhaupt nicht mehr auf Konzerte. Vielmehr schiebe er sich öfter eine DVD von den Stones rein, und versuche, die Riffs von Keith Richards auf seiner Fender Telecast nachzuspielen. Das sei nicht einfach, Richards habe im Alter eine eigentümliche Technik entwickelt, um seine Finger zu schonen.
Ich wusste nicht, dass mein Arzt die Stones bewundert. Er hat das trockene Lachen eines Mannes, der die klassische Musik bevorzugt. Ich habe ihn überhaupt noch nie mit Vergnügungen in Verbindung gebracht.
Eine sensationelle Neuigkeit
Eigentlich ist er das, was man früher einen Armenarzt nannte. An der schäbigen Tür zu seiner Praxis hängt ein Schild «Einbruch zwecklos. Nie mehr als zwanzig Euro in der Kasse». Ich muss nie lange warten, meistens komme ich sofort dran. Es gebe allerdings Stoßzeiten, dann kämen sie alle auf einmal. Am schlimmsten sei es um fünf vor zwölf, manche Patienten kämen dann direkt aus dem Bett, er rieche das. «Ausgeschlafen?», frage er dann.
Aber nun endlich die sensationelle medizinische Neuigkeit. Sie lautet: Triglyceride spielen keine Rolle! Jahrelang habe er geglaubt, er müsse sich um die erhöhten Werte seiner Patienten Sorgen machen. Ein Irrtum, Triglyceride seien völlig egal. Er war auf einem Kongress im Interconti. Die Erkenntnis der Fachwelt: Bei Herzinfarkt spielen sie so gut wie keine Rolle.
Darauf einen Schnaps. Und darauf, dass ich diesen bewundernswürdigen Mann weiter besuchen kann, denn auch meine Cholesterinwerte sind, fast möchte ich sagen: zum Glück, leicht erhöht.

