Alle meine vierten Dezember
04.12.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Also, wo ich heute vor einem Jahr war, weiß ich noch genau: auf dem Jahresempfang der Industrie und Handelskammer Bielfeld. Dann muss ich allerdings schon ein paar Jahre zurückdenken. Ich glaube, es war der 4. Dezember 1999, als ich Wladimir Klitschko bei seinem Kampf gegen Lajos Erös in Hannover unterstützte. Klar vor Augen steht mir dagegen der 4. Dezember 1989: da half ich Vaclav Havel beim Durchtrennen des Eisernen Vorhangs.
Der 4. 12. 1967
Davor war ich ja viele Jahre oberster Richter am Landesgericht Stuttgart gewesen. Ich habe in den alten Agenden nachgeschaut: Just am 4. 12. 1974 erteilte ich meinem Freund Jean-Paul Sartre die Erlaubnis, den Terroristen Andreas Baader in Stammheim zu besuchen.
Mit dem berühmten linksradikalen Philosophen hatte ich mich in Frankreich angefreundet. In den 60er Jahren studierte ich theoretische Physik an der Sorbonne. Sartre war sehr an der Meinung von Naturwissenschaftlern interessiert, außerdem hatte er ein Auge auf meine Geliebte Simone Vilain geworfen, die sich später - wie man weiß - de Beauvoir nannte. Während der Semesterferien half ich mit, das erste Gezeitenkraftwerk der Welt am Atlantik aufzubauen, das übrigens, kleine Laune der Geschichte, exakt am 4. Dezember 1967 ans Netz ging.
An die 50er Jahre habe ich kaum Erinnerungen. Es war ein Jahrzehnt des Miefs und der Enge, auch wenn das Teile des deutschen Feuilletons heute anders sehen wollen.
Joachim Fest und ich
Die Nachkriegsjahre: Wenn man mich fragt, wo warst Du, Adam - so antworte ich: Ich war doch Bürgermeister von Berlin (SPD)! In dieser Funktion weihte ich am 4. Dezember 1948 die Freie Universität feierlich ein. Es war ein Wunder, das ich überhaupt noch lebte. Hoffend, dass ich in einem Provinznest vom Krieg verschont bleiben würde, hatte mich in die innere Emigration nach Heilbronn zurückgezogen.
Werch ein Illtum. An den 4. Dezember 1944 kann ich mich genau erinnern: da wurde ein verheerender Luftangriff auf die Stadt geflogen. Es war einer der schlimmsten Angriffe des zweiten Weltkriegs überhaupt. Mein Untermieter Joachim Fest und ich waren die einzigen Überlebenden.
Zum Schluss noch ein wenig Mediengeschichtliches:
Am 4. 12. 1924 eröffne ich zusammen mit meinem Parteifreund Friedrich Ebert die erste Funkausstellung in Berlin. Wir hatten eine schwere, aber auch schöne Zeit zusammen.
Und am 4.12. 1791 verteile ich, fast ein Kind noch, den Observer auf den schmutzigen Straßen Londons. Es war die erste Sonntagszeitung der Welt, wie ich nicht ohne Stolz anfügen möchte.
Und wer's nicht glauben kann, bitte,
hier findet man die Beweise.
