netzeitung.deMitte ist der Wahnsinn

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"Als raumklimatisch behaglicher Wert sind 40 bis 60 % Luftfeuchtigkeit anzusehen." (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe "Als raumklimatisch behaglicher Wert sind 40 bis 60 % Luftfeuchtigkeit anzusehen."
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In Berlins Kult-Stadtteil herrschen rigorose Vorschriften zum Lüften von Wohnungen. Die ersten Mieter sind am Durchdrehen.

Von Michael Angele

Jeder weiß: Es ist vernünftig, regelmäßig zu lüften. Wer seine Wohnung in Mitte von einer großen, hier nicht namentlich genannten Immobiliengesellschaft gemietet hat, weiß damit allerdings noch gar nichts.

Er muss nämlich auch wissen, dass er möglichst viermal am Tag lüften sollte. Das gilt für alle, auch wenig benutzte Räume. Dazu alle Fenster gleichzeitig ganz öffnen (Querlüftung, Durchzug), damit sich der Luftaustausch schnell vollziehen kann. Auch wenn es regnet oder kalt ist.

Dauer dieser Stoßlüftung 5 bis max. 10 Minuten.

Nehmen wir an, Sie sind neu in eine solche Wohnung gezogen. Ihnen wurde ein Blatt ausgehändigt, das «Regeln zum Lüften, zum Heizen und zum Bewohnen» enthält. (Die Anlage 2 zu Ihrem Vertrag.) Mit Ihrer Unterschrift haben Sie sich verpflichtet, diese Regeln zu befolgen.

Tut mir Leid, damit haben Sie Ihr Todesurteil unterzeichnet.

Der Prozess

Aber der Reihe nach. Lüften müssen Sie also auch, wenn draussen der gefürchtete Berliner Winter herrscht, wenn Sibirien mit dem Eispickel an die Türe schlägt, wenn beim Rotzen der Schleim noch in den Nasenlöchern gefriert, aber gut, stopp, zurück und Vorsicht: auch bei diesem Stoßlüften darf die Raumtemperatur von ca. 19 Grad Celsius nicht unterschritten werden. Und passen Sie auf, dass während des Lüftens die Thermostatventile an den Heizkörpern geschlossen sind: Die niedrigen Temperatur der einströmenden Frischluft würde die Temperaturfühler täuschen.

Nach dem Lüften sind die Ventile wieder auf die gemerkte Stellung zu öffnen. Sie haben sich die Stellung natürlich genau gemerkt, denn Sie wissen ja, was Punkt 15 besagt: Nur Luft, die ausreichend erwärmt wird, kann Feuchtigkeit im Raum wie ein unsichtbarer Schwamm aufsagen. So kann zum Beispiel Luft mit 0 °C nur 5 Gramm Wasser pro m3 aufnehmen, bei 20 °C sind es bis zu 17,5 Gramm pro m3. Der Sättigungsgrad der Luft kann durch ein Hygrometer gemessen und als relative Feuchte abgelesen werden.

Das Urteil

Seltsam: der Hygrometer, den Sie im Kaufhof am Alex gekauft haben, zeigt den vorgeschriebenen behaglichen Wert von 40 bis 60 % Luftfeuchtigkeit an.

Und doch fühlen Sie sich in Ihrer schönen Wohnung gar nicht behaglich.

Ob es damit zusammenhängt, dass alle Türen zwischen beheizten und weniger oder nicht beheizten Räumen geschlossen sein müssen? Was soll das: «nicht beheizte Räume»? denken Sie, schon leicht fiebrig, die darf es doch gar nicht geben - siehe Punkt 5 der Verordnung: Die Heizkörper sollte auch in wenig benutzen Räumen, insbesondere in Schlafzimmern, niemals abgestellt werden.

Muss man betonen, dass Ihre Bilder an den vergleichsweise kühleren Wänden des Schlafzimmers durch 1 cm dicke Korkscheiben getrennt werden müssen? Die Schränke wiederum nur auf 5 cm hohen Klötzen und in exakt gleich vielen Zentimetern Lüftungsabstand von diesen Wänden stehen dürfen? Ich denke nicht.

Und da wir gerade beim Schlafzimmer sind: Vorhänge, besonders in Ecken, behindert die Belüftung und Trocknung. Das gleiche gilt für Stores.

Am liebsten hätte der «Vermieter» (er ist in Wahrheit keiner!) geschrieben, dass Sie auf Ihre schönen Stores ganz verzichten müssen. Das war mit dem Mieterbund nicht zu machen. Es ist auch nicht nötig.

Denn endlich erkennen Sie, dass man Sie in den legendären Wahnsinn von Mitte treiben will. Für den nun folgenden Schweißausbruch liegen Ihnen unter Punkt 7 genaue Anweisungen vor:

Größere Dampfwassermengen bereits beim Entstehen gezielt weglüften.

Sie folgen auch dieser Regel und heben zu einer letzten Stoßlüftung an.