Kommen Sie zurück, Herr Borer!
20.11.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Der Applaus für Herr Wollstein war grenzenlos. Herr Wollstein ist die gute Seele des Einsteins, er behandelt jeden Gast zuvorkommend. Und er tut es wirklich, egal ob einer berühmt ist oder nicht, egal ob einer Politiker ist oder Kulturmensch.
Glanz und Elend der Hauptstadt
Ohne Herr Wollstein würde das Einstein auseinander fallen. Ohne ihn hätten sich an diesem Premierenabend die anwesenden Herren Broder und Biller bestimmt verprügelt. Hätte die Hauptstadtpresse nur schlecht über den Anlass geschrieben. Wäre die Frau, die während der Lesung aus dem neuen Buch über das Einstein laut in ihr Handy sprach, mit Schimpf und Schande vertrieben worden.
So aber richtete sich alles Sehnen und Streben nach oben, wurde größer, heller, inniger. Herr Uhlig-Romero, der Herausgeber von «Berlin Melange», der Gründer des Einsteins, der Künstler und Impressario, sprach von den Nobelpreisträgern, die neuerdings in seinem Haus ein- und ausgingen. Sprach von den Fotoausstellungen mit Reinhard Müller und Dennis Hopper. Sprach von der Sängerin Nancy Sinatra, die bald auch ihre Fotos ausstellen wird - auf ihrer Homepage würde sie sich schon auf Berlin und das Einstein freuen, denn in Amerika seien Berlin und das Einstein der letzte Schrei.
Im Rausch der Tiefe
Und dann erzählte Herr Uhlig-Romero, wie ihm seine Frau, die zauberhafte Argentinierin Mara Romero, das Leben gerettet hat, in dem sie ihm eine Niere spendete. Nur dank seiner Frau sei er noch hier, und er schloss sie in seine Arme.
Es wurde ganz still im Einstein.
In diesem Moment fiel mir der frühere Schweizer Botschafter Thomas Borer ein. Wie würde es ihm hier gefallen! dachte ich, und dachte mit Sympathie an ihn. An seine expressive, gelegentlich die Geschmacklosigkeit mit den Fingerspitzen des Liebenden zart berührende Art.
Kurzer Brief zum langen Abschied
Ich bin Thomas Borer nie begegnet, aber er hat mir einmal einen kurzen Brief geschrieben, drei Zeilen lang. Ich hatte über die grandiose 1. August-Feier 2000 an der Havel im Südwesten Berlins einen Artikel verfasst. «Welch poetischer Artikel, welch gelungene Kombination» schrieb er. Zwar verstand ich das mit der Kombination nicht recht, aber von da an hatte er mich im Sack.
Ich schrieb später nur sehr widerwillig schlecht über ihn. Genötigt von meinen Auftraggebern, die der öffentlichen Meinung willfährig folgten, welche den Sturz des Botschafters und seiner Frau Shawne Borer-Fielding verlangte.
Über sein heutiges Leben als Consulter ist wenig bekannt. «Im Bereich Corporate Finance identifiziert und begleitet Dr. Borer-Fielding Akquisitionen für Investoren», steht irgendwo im Netz. Klingt todlangweilig.
Kommen Sie zurück, Herr Borer! Sie gehören in diese Stadt, und seien Sie versichert, man wird Sie im Einstein mit offenen Armen empfangen.

