Der Campus-Knigge
06.11.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Als noch geraucht wurde, war alles besser. Damals, ich kann es bezeugen, wurde in den Seminaren noch gedacht. Es gab ein natürliches Band zwischen Rauchen und Nachdenken. Und ein total verqualmter Raum bedeutete nichts weiter, als dass besonders intensiv nachgedacht wurde. Mitte der 80er Jahre schlich sich das Rauchverbot ein. Heute rauchen nur noch wenige Geistesarbeiter.
Aufhübschen
Einer von ihnen hat den Eintrag «Rauchen» im Buch «Der Campus-Knigge. Von Abschreiben bis Zweitgutachten» geschrieben. Er wirft einen warnenden Blick auf die USA, wo gegen das Rauchen ein Krieg geführt wird. «Dem Denken dort unten tut das nicht unbedingt gut».
Allerdings kommen aus den USA auch die schärfsten Campus-Romane. An ihnen haben die Autoren dieser fabelhaften Sammlung akademischer Verhaltensregeln offenbar Maß genommen.
Und natürlich denkt der Wissenschaftler auch heute noch. Er tut eigentlich nichts anderes, selbst wenn er im Internet surft oder Sex hat. Überlegt, welche Tagung er nicht verpassen darf, welche er besuchen muss, wen er dort trifft, und welchen Vortrag er aus der Schublade ziehen und aufhübschen kann.
Überlegt, wo er seinen Vortrag am Vorteilhaftesten publiziert, wie er ihn zu einen Projekt ausarbeitet, wann er die Antragsprosa schreibt, bei wem er Drittmittel anfordert, usf., und irgend einmal kommt er dann, einer «der glücklichsten Momente im Leben eines Wissenschaftlers» -> der Ruf.
Ein beliebtes Spiel
Auch hier muss viel gedacht werden. Wo ist der Lehrstuhl, auf den er berufen wurde? Welche Ausstattung hat er? Soll man einen besseren Ruf abwarten?
Es gibt, meint der «Campus-Knigge» im entsprechenden Eintrag, unendliche «Möglichkeiten, die unter Kollegen zu dem beliebten Fragespiel Anlass geben: 'Wird er ihn annehmen oder nicht?', das gegenüber dem vorausgehenden Spiel 'Wird er den Ruf bekommen oder nicht?' allerdings den entscheidenden Nachteil hat, dass es keine Möglichkeit zu wirklicher Häme bietet.»
Drei Fragen zum Schluss:
- Betrifft solches Verhalten nur männliche Wissenschaftler?
Nein. Einer der schönsten Einträge beschäftigt sich mit dem weiblichen Aussehen. Wie steht es mit der Absatzhöhe? Bedeutet die Perlenkette wirklich immer eine gute Wahl? Und ist «der Hosenanzug beim Vortrag ein Zeichen von zu großem Dominanzstreben (-> Queenbee)?» Fragen dieser Art beschäftigen die Geisteswissenschaftlerinnen.
- Ist der Campus also ein besonders verkommener Ort?
Keinesfalls. Ein «Ministeriums-Knigge» zum Beispiel fiele vermutlich nicht moralischer aus, nur dröger. Aber Einsicht ist der beste Weg zur Besserung: Die Arbeit am «Campus-Knigge» wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mitgefördert.
- Und wo steht das Buch im Kulturkaufhaus?
In der Abteilung «Karriere», wo sonst.

