03. Jul 2006 07:13
Es sollte nicht ihre WM werden. Argentinien bleibt trotzdem ein Traum. Dank Jorge Valdano, dem Weltmeister und Philosophen.
Von Michael AngeleSeit langem wächst in mir die Überzeugung, dass Argentinien das einzige Land ist, in dem man vollkommen glücklich werden kann. Gardel und Piazzolla, die Biblioteca National und die Pampas, Buenos Aires und die Nacht... weitere Gründe findet der geneigte Leser im Klassiker «In Patagonien» von Bruce Chatwin.
Die beste Art, sich zu verlieben
Während dieser WM sind zwei Motive dazugekommen, die kaum noch eine andere Wahl lassen, als spanisch zu lernen und dann zügig zu emigrieren. 1. Diego Maradona als Fan im Stadion - ein Schlag ins Gesicht aller zivilisierten Affen von Beckenbauer bis Blatter, oder wie ein Kollege geschrieben hat: «die Hand Gottes zur Faust geballt». 2. Ein Interview mit Jorge Valdano in der «Süddeutschen Zeitung».
Jorge Valdano (geb. 1955) wurde 1986 mit Argentinien Weltmeister, im Endspiel gegen Deutschland schoss er das 2:0. Heute arbeitet er als Autor und Unternehmer. Demnächst wird er die Leitung einer Hochschule übernehmen, die Real Madrid zusammen mit der Europa-Universität von Madrid ins Leben gerufen hat. Auch wenn Valdano, der Fußballphilosoph, in Spanien lebt, schlägt sein Herz natürlich für Argentinien, und wie er in diesen Tagen leiden muss, ahnt man aus den folgenden Worten:
«Ich entdecke für mich in der Regel einen außergewöhnlichen Spieler daran, dass ich anfange, mich in ihn zu verlieben. Und meine Art, mich in einen Spieler zu verlieben, ist, mir zu wünschen, dass seine Mitspieler ihm immer den Ball gegeben. Wenn Messi spielt, ärgere ich mich immer wahnsinnig über die Spieler, die ihm den Ball nicht zupassen. Es ist mir egal, ob Messi Tore schießt. Hauptsache er hat den Ball.»
Bekanntlich durfte Lionel Messi am Freitag den Ball nicht haben.
Wort für Wort
An dieser Stelle ist ein kurzer Abstecher ins Mittelalter nötig. Journalisten waren zu jener Zeit noch völlig unbekannt, es gab jedoch eine Berufsgruppe, die ihnen an gesellschaftlicher Reputation und handwerklichen Fähigkeiten in nichts nachstand. Ich spreche von den Kopisten in den Klöstern. Ihre Aufgabe bestand darin, fremde Werke Wort für Wort zu transkribieren, um deren Ruhm zu mehren, ja überhaupt erst zu ermöglichen.
Der Buchdruck hat die Kopisten weitgehend überflüssig gemacht. Einen parodistischen Abgesang schrieb Flaubert mit seinem Roman «Bouvard et Pecuchet», in dem die beiden «Helden» nach vielen vergeblichen Versuchen, das Reich des Geistes zu erobern, dort endeten, wo sie angefangen hatten: als armselige Abschreiber in einem Büro.
Neuer Glanz
Heute, rund 150 Jahre später haben wir das Internet, und mit ihm sehen wir den Kopisten in neuem Glanz erstrahlen. Wiederum ist es seine edle Aufgabe, den Ruhm fremder Werke zu mehren, indem er sie kopiert.
Und damit zurück zu Valdano. Kürzlich erschien sein Werk «Über Fußball» in einem kleinen Verlag auf Deutsch. Die «Süddeutsche» übertreibt nicht, wenn sie von einem «großartigen Buch» schreibt. Noch ist es vielen unbekannt. Das muss sich ändern:
Jorge Valdano:
Ich glaube an das Wort
Als Argentinien im Endspiel der WM 86 von Mexiko gegen Deutschland gewann, setzte ich mich auf den Boden der Umkleidekabine und dachte, das sei der bestmögliche Platz: etwas, wovon ich mein Leben lang geträumt hatte. Mir schien, dass es nun angesagt wäre zu weinen, doch so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte einfach nicht.
Sieben Jahre später, als ich schon meinen Abschied vom aktiven Fußball genommen hatte, lief ich mit meinem Walkman durch einen Park in der Nähe meiner Wohnung, um meine sportliche Betätigung mit Musik zu begleiten. Ich weiß nicht, wer es getan hat, aber zwischen zwei Musikstücken hörte ich eine Aufnahme meines Tores im damaligen Endspiel, das von einer Stimme bejubelt wurde, die mich an meine Kindheit erinnerte: José María Munoz.
Als die Reportage zu Ende war, fing ich zu weinen an, ohne dass ich es wollte. Als würde diese Reportage meinen Traum vervollständigen, als würde der Fußball ohne die Hilfe des Wortes nicht existieren.
aus: Jorge Valdano, Über Fußball, Bombus Verlag 2006, 265 Seiten, 16,90 Euro