Ist Kurt Tucholsky noch der Größte?
29.05.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Militarismus, Obrigkeitsglaube, Justizwillkür, Presseunterdrückung, «Beamtenpest»: das waren die großen politischen Themen von Kurt Tucholsky (1890-1935). In dem 1929 veröffentlichten Band «Deutschland, Deutschland über alles» sind sie versammelt.
Der deutsche Revolutionär
Der Band wurde nun von einem kleinen Berliner Verlag neu herausgegeben.* Sein Ziel ist es, junge Leser für Tucholsky zu gewinnen. Eine gute Sache, man sollte also darüber hinwegsehen, dass dieser «Relaunch» ein philologischer Grobian ist, der sich wenig um die originale Erscheinungsweise des Buchs kümmert.
Aber wie aktuell ist der politische Tucholsky noch? Prüfen wir es an seiner Kritik am Berliner Straßenverkehr.
Hört, hört! Ausgerechnet der Verkehr. Wie verharmlosend, wie unpolitisch! - Falsch. Wie spottete Lenin gleich noch? Der deutsche Revolutionär kauft sich erst eine Bahnkarte, bevor er zur Revolution fährt. Der Spott traf leider den falschen, mit dieser Geste bezeugte der deutsche Revolutionär ja nur, wie wichtig ein funktionierender Verkehr ist. Fährt die Bahn nicht, fällt die Revolution aus, so einfach ist das.
Wenn's läuft, dann läuft's
Und wie steht es nun mit dem Berliner Straßenverkehr?
«Es ist eine Qual durch Berlin zu fahren», meinte Tucholsky.
Würde sagen, kommt ein bisschen darauf an, wann und wo einer fährt. Zur Mittagszeit die Potsdamer Straße von Norden nach Süden zu befahren, ist in der Tat qualvoll. Andererseits gibt es nichts Herrlicheres, als nachts über die Stadtautobahn zu cruisen. Die Stadtautobahn gab es zu Tucholskys Zeiten leider noch nicht (die AVUS allerdings schon, sie war 1921 die erste, bald auch privat nutzbare Rennstrecke Deutschlands).
«Es ist keine Ordnung. Es ist organisierte Rüpelei», urteilte Tucholsky weiter über den Verkehr in seiner Heimatstadt.
Das ist bestimmt nicht falsch. Allerdings sind es längst nicht nur die Autofahrer, die rüpeln. Die größten Rüpel findet man heute unter den Radfahrern, die nicht selten rücksichtslos, oft ohne Licht und stets im tiefen Gefühl moralischer Überlegenheit über Strassen und Bürgersteige fegen. Besonders betrüblich, dass so mancher von ihnen Tucholsky wohl zustimmen würde.
Und Tucholsky sagte: «Der Deutsche fährt nicht wie andere Menschen. Er fährt um recht zu haben.»
Klingt toll und ist zum geflügelten Wort geworden. Allerdings war zu seinen Zeiten der Verkehr ethnisch noch homogen. Heute fährt (zum Glück) die halbe Welt durch Berlin, und man muss sagen, dass ein Türke oder ein Bosnier auch nicht gerade mit einem tiefen Unrechtsbewusstsein am Steuer sitzt.
Voice of Germany
Es hat sich eben viel verändert. Nicht nur im deutschen Verkehr. Auch das Verhältnis zu Militarismus und Obrigkeit ist ein anderes geworden, die «Beamtenpest» scheint nicht mehr unbesiegbar, die Presse mag gegängelt werden, die Justiz sich irren, die selben sind sie nicht mehr. Nein, was bleibt, ist eine einmalige, unverkennbare Stimme, die über die Zeiten hinweg aus den Texten von «Deutschland, Deutschland über alles» spricht.
Wie diese Stimme beschreiben? Vielleicht so: Sie enthält alles, was dieser fehlt:
«Manchmal überbrüllt er sich, dann kotzt er. Aber sonst nichts: nichts, nichts, nichts. Keine Spannung, keine Höhepunkte, er packt mich nicht (...). Kein Humor, keine Wärme, kein Feuer, - nichts.»
Soweit Tucholsky über einen gewissen «Adof» (sic), in einem Brief vom 3. März 1933.

