18.03.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Wer lacht, bekommt Ärger
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Zackige Befehle, Psychoterror und Schläge - in Vilnius soll die Brutalität des Sowjet-Regimes in einem Kulturprojekt nachempfunden werden. Zweieinhalb harte Stunden müssen die Besucher in einem Bunker zubringen.
Litauens Hauptstadt Vilnius ist 2009 gemeinsam mit Linz in Österreich die «Europäische Kulturhauptstadt». Ein erstes Projekt läuft schon: «1984. Back in the USSR». Es ermöglicht, Ideologie und Brutalität des kommunistischen Regimes während der Sowjet-Herrschaft in der baltischen Republik zu spüren: in einem rund 4000 Quadratmeter großen Bunker, mehr als fünf Meter unter der Erde.
«Ras, dwa, ras, dwa, dawaj, dawaj, ras, dwa» («Eins, zwei, eins, zwei, schnell, schnell, eins, zwei») hallt es zackig durch die Wälder nördlich von Vilnius. Etwa 30 vorwiegend junge Menschen versuchen, im gebrüllten Rhythmus des Kommandanten zu marschieren. Keiner wischt sich den Regen aus dem Gesicht. Der Marschbefehl in Richtung Bunker quittieren die 30 Stimmen mit einem lautstarken «Jawohl!». An die reizenden Moskauer Mädels des «Back in the USSR»-Hits der Beatles denkt in den nächsten zweieinhalb Stunden wohl niemand von ihnen.
Der Bunker ist in den 80er Jahren als geheime Fernsehsendeanlage erbaut worden. Von hier starteten während der Loslösung Litauens von der Sowjetunion im Januar 1991 sowjetische Truppen einen Angriff auf den Fernsehturm von Vilnius, der 13 Todesopfer forderte. In dem seit damals ungenutzten Bunkerlabyrinth hat der Regisseur Jonas Vaitkus nun die Basis für ein «Überlebensdrama» geschaffen, mit Schauspielern in den Rollen der Systemvertreter und maximal 40 Besuchern in den Rollen der «Bürger der Sozialistischen Sowjetrepublik Litauen».
Leibesvisitation inklusiveDie «UdSSR-Bürger» zwängen sich in abgetragene Arbeitsjacken, sie geben Mobiltelefone und Kameras ab. Nach der Leibesvisitation folgt der Marsch zur Flaggenzeremonie ins Freie - bei jedem Wetter. Wer lacht, muss Kniebeugen oder Liegestützen machen. Dann geht es über eine steile Treppe in den Bunker. Zunächst werden die Teilnehmer im Laufschritt durch die mehr oder weniger dunklen Gänge kommandiert, dann bekommen sie die kommunistische Ideologie eingetrichtert - bis ihr «Jawohl» euphorisch genug klingt. Mit dem Gesicht zur Wand müssen sie Schulter an Schulter stehen. Keiner kichert. Hinter dem Rücken ist das gierige Hecheln des Schäferhundes zu hören - und zu spüren.
Schimmelfeucht ist der Geruch in der Gasmaskenkammer. Beim Überziehen der Maske ist das erste Würgen einer «Bürgerin» zu hören. Alle anderen unterdrücken den Ekel. Mit im Nacken verschränkten Händen kriegt ein des Verrates bezichtigter Mann vom «KGB-Verhörer» eins mit dem Ledergürtel übergezogen. Plötzlich ist der Raum dann total finster. Beim Marschieren im Kreis verliert sich schnell jedes Zeitgefühl: Sind es zwei Minuten, fünf oder 30? Es wären nicht Litauer, würden sie hier und jetzt nicht singen. Ab und zu ist aber auch ein fast hysterisches Lachen der Hilflosigkeit zu hören.
Erniedrigung beabsichtigtZur «Entspannung» folgen ein Besuch im Sowjetladen und zum Schluss ein Sowjet-Dosenessen mit Wodka. War dem KGB-Terror einst keine Grenze gesetzt, so wird in dieser Vergangenheitserkundung zwar niemand absichtlich körperlich verletzt. Doch Willensbrechung, Erniedrigung und Demütigung sind beabsichtigt. Die Demonstration will spürbar machen, wie es sich unter der Besatzungsherrschaft lebte.
Gulag-Tourismus oder Ausflug in die Vergangenheit - egal welches Etikett den zweieinhalb Stunden im Bunker aufgedrückt wird: Sie liegen wohl näher bei einer Therapie als bei einem «Abenteuerpark». Das Öffnen des hohen Stahltores am Ende löst ein tiefes Gefühl der Erleichterung aus. Die Teilnehmer sind einem kontrollierten Leben entkommen, auch wenn das Erlebte nachwirkt - physisch und psychisch. (Judith Lewonig, dpa)