Joachim Lottmann: Mein Blog und der «Spiegel»
11.01.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Das Echo war so groß, dass mein Buchverlag Kiepenheuer & Witsch eine Printfassung auf den Markt brachte. Das Buch hieß, wie auch das Blog selbst, «Auf der Borderline nachts um halb eins».
Neben persönlichen Erlebnissen enthielt das Blog vor allem Erlebnisse aus der Berufswelt, und natürlich war mir auch und gerade der «Spiegel» ein Lieblingsthema. Ich wusste natürlich, dass es ein Redaktionsgeheimnis gibt. Um nicht juristisch belangt zu werden, unterschrieb ich niemals eine Erklärung, wonach ich eine Art Schweigegelübde ablegte.
Schon als Fünfjähriger liebte ich diese großen Politikerportraits und den roten Rahmen darum. Ich konnte das noch nicht lesen, aber ich spürte, wieviel Bedeutung dieser Gegenstand für meinen Vater hatte. Er liebte den «Spiegel», und ich tat es daher auch. Ich werde nie vergessen, wie er einmal in seinem ländlichen Wahlkreis im tiefschwarzen Niederbayern einem Kräuterweiblein, das ihn mit der Bibel in der Hand die Tür weisen wollte, den rotumrandeten «Spiegel» entgegenhielt, wie um den bösen CSU-Fluch zu bannen, mit dem ihn das mittelalterliche Geschöpf belegen wollte.
Ich las den Spiegel mein ganzes Leben lang. Nie hätte ich das so sehr geliebte Hamburger Nachrichtenmagazin verraten wollen. Allerdings konnte ich nur schwer verheimlichen, was mit meinen Texten dort geschah. Ich tat mein bestes, aber der Prozess des Umschreibens war nicht aus der Welt zu schaffen. Jeden meiner wunderbaren Artikel musste ich im Schnitt 37 mal (gefühlt) selbst umschreiben, das heißt, ich musste jeden Artikel 37 mal schreiben, und die letzte Version verhielt sich zur ersten stets wie ein Auto aus der Schrottpresse zu einem fabrikneuen Auto.
Mein Blog lief weiter. Selbst im größten Erfolgsfall würden mehr Menschen mein Blog lesen als das Buch. Und irgendwann machte der Verlag den Vorschlag, doch einfach jeweils 20 Seiten eines Lottmann-Buches ins Netz zu stellen. Als Appetitanreger. Ich ließ mir von Mathias Broeckers eine PDF-Fassung meines Originalmanuskripts von «Auf der Borderline nachts um halb eins» anfertigen, und zwar eine Fassung, die noch nicht Fahne geworden, ja noch nicht einmal lektoriert worden war, und stellte sie im November 2007 ins Netz.
Ich hatte damit nichts zu tun. Freilich wurde mir bereits von Gleichgesinnten wie auch von mir persönlich nicht weiter bekannten Kollegen mitgeteilt, dass das gnadenlose Umschreiben der eigenen Texte so demotivierend sei, wie sich das ein Außenstehender nicht vorstellen könne. Mein ins Netz gestelltes Buch war also gelesen worden, von Anfang an.
Dies alles stand womöglich doch ein bisschen zwischen den Zeilen in meinem Buch, und deshalb durfte es nicht erscheinen. Nicht unter der Flagge eines Buchverlages. Aber unter meiner eigenen Flagge eben schon. Indem ich eine Fassung wählte, die zur KiWi-Fassung absolut unidentisch war, brachte ich den Verlag auch nicht in Schwierigkeiten. Daher stellte sich den Verlagsleuten die interessante Frage: Würde das Buch, nachdem es im Internet «verschenkt» worden war (zeitgleich mit dem neuen Album von Radiohead), im normalen Einzelhandel weiterhin verkauft werden, und zwar schlechter oder sogar besser?
Meine Überlegung dazu war eigentlich recht überzeugend: Anders als eine Musikdatei konnte meine Textdatei nicht wie zusätzliche Materie konsumiert und schon gar nicht verschenkt werden. Die meisten Bücher, die in Deutschland gekauft werden, sind Geschenkbücher. Und das gilt noch zwanzigmal mehr zur Weihnachtszeit. Indem ich das Borderline-Buch am 13. Dezember ins Netz stellte, konnte es nur als Anregung zum Buchkauf wirken.
Aber es war erstaunlich, wer mich plötzlich alles las. Spätestens seit der Kleber-Pleite, die ich minutiös und gestochen klar vorausgesagt hatte, starrten alle in der Brandstwiete auf mein Blog. Ich merkte es daran, wer mich alles anrief. All die Kollegen, die zwölf Monate lang griesgrämig und grußlos an mir vorbeigeschlurft waren, riefen nun an, schickten SMS, ließen andere vorfühlen. Vielleicht lag es aber auch nur an der revolutionären Stimmung, die zurzeit im Hause herrscht.
Manche altgediente Redakteure, seit den siebziger Jahren im Haus und die Pensionierung ersehnend, machten nun ihre ersten eigenen Erfahrungen mit so seltsamen Phänomenen wie zum Beispiel der «Netzeitung», um den neuesten Stand im Machtkampf ihrer Chefs mitzukriegen. Die Anzahl meiner täglichen Klicks vervielfachte sich.
Das war schön. Zum anderen tat mir alles furchtbar leid. Diese Zeitschrift war der letzte Stützpfeiler in meinem Leben, der bis in die frühe Kindheit zurückreichte. Gerade weil der Spiegel so anachronistisch war, so autoritär, preußisch, männlich-chauvinistisch, frauenfeindlich bis zum Exzess, aufgeklärt, bildungsbesessen, abendländisch, bürgerlich, politisch, parlamentarisch und militant demokratisch («Sturmgeschütz der Demokratie»): gerade deswegen war er so einzigartig und unersetzbar.
Joachim Lottmann, 46, Berliner Schriftsteller («Die Jugend von heute»), arbeitete 2005 bis 2007 für das Kulturressort des «Spiegel» und führt seit letzten März bei der «taz» das Blog «Auf der Borderline nachts um halb eins», gleichnamig als Buch erschienen (Kiepenheuer & Witsch, 256 S., 9,95 Euro). Ab nächster Woche schreibt der Autor für ein neues Blog mit dem Namen «Joachim Lottmann in der taz».

