netzeitung.deJoachim Lottmann: Mein Blog und der «Spiegel»

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Joachim Lottman (rechts) mit Bob Geldof (Foto: Privat<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Joachim Lottman (rechts) mit Bob Geldof
Foto: Privat
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Schriftsteller und ehemalige «Spiegel»-Redakteur Joachim Lottmann erzählt von Büchern, die online wie offline erscheinen und davon, was sein eigenes Weblog mit der Krise beim «Spiegel» zu tun hat. Teil 2.

Was bisher geschah: Nach einem fulminanten Romandebüt («Mai, Juni, Juli») wendet sich der etablierte Kulturbetrieb schnell wieder von Joachim Lottmann ab. Dieser atmet auf und sucht sein Heil im Internet. Ein Apple wird angeschafft, das Online-Forum «Wir höflichen Paparazzi» mit Artikeln geflutet und ein eigenes Weblog geht online. Gleichzeitig schreibt er an neuen Romanen.
Mein Weblog
Fortan hatte ich ein eigenes Forum, das mir keiner mehr wegnehmen konnte. Ich hatte erstmals keinen Vorgesetzten mehr. Nein, eine neue Dimension der Meinungsfreiheit erreichte nun auch mich. Vorher hatten es schon Milliarden Menschen in Diktaturen gespürt. Dass nun auch ich davon profitieren würde, war die größte Überraschung meines Lebens.

Ich schrieb fast täglich einen Kommentar. Ich setzte Fotos als unterstützende Information und Verifikation neben den Text. Das war insofern günstig, als bis dahin manchen Lesern nicht klar war, ob eine Passage bierernst oder humoristisch gemeint war - wieviel also an der Sache stimmte. Das Foto schuf meistens Klarheit.

Das Echo war so groß, dass mein Buchverlag Kiepenheuer & Witsch eine Printfassung auf den Markt brachte. Das Buch hieß, wie auch das Blog selbst, «Auf der Borderline nachts um halb eins».

Neben persönlichen Erlebnissen enthielt das Blog vor allem Erlebnisse aus der Berufswelt, und natürlich war mir auch und gerade der «Spiegel» ein Lieblingsthema. Ich wusste natürlich, dass es ein Redaktionsgeheimnis gibt. Um nicht juristisch belangt zu werden, unterschrieb ich niemals eine Erklärung, wonach ich eine Art Schweigegelübde ablegte.

«Der Spiegel»
Ich hatte keinesfalls die Absicht, beim Spiegel den Wallraff zu spielen und irgendetwas zu verraten. Tatsächlich wollte ich das genaue Gegenteil tun. Für mich hatte diese Zeitung eine magische Wirkung, die auf meine Kindheit zurückging. Von meinem dritten Lebensjahr an lebte unsere Familie mehr oder weniger im Ausland, und der «Spiegel» war die einzige mediale Verbindung zu Hamburg, unserer Heimat.

Schon als Fünfjähriger liebte ich diese großen Politikerportraits und den roten Rahmen darum. Ich konnte das noch nicht lesen, aber ich spürte, wieviel Bedeutung dieser Gegenstand für meinen Vater hatte. Er liebte den «Spiegel», und ich tat es daher auch. Ich werde nie vergessen, wie er einmal in seinem ländlichen Wahlkreis im tiefschwarzen Niederbayern einem Kräuterweiblein, das ihn mit der Bibel in der Hand die Tür weisen wollte, den rotumrandeten «Spiegel» entgegenhielt, wie um den bösen CSU-Fluch zu bannen, mit dem ihn das mittelalterliche Geschöpf belegen wollte.

Ich las den Spiegel mein ganzes Leben lang. Nie hätte ich das so sehr geliebte Hamburger Nachrichtenmagazin verraten wollen. Allerdings konnte ich nur schwer verheimlichen, was mit meinen Texten dort geschah. Ich tat mein bestes, aber der Prozess des Umschreibens war nicht aus der Welt zu schaffen. Jeden meiner wunderbaren Artikel musste ich im Schnitt 37 mal (gefühlt) selbst umschreiben, das heißt, ich musste jeden Artikel 37 mal schreiben, und die letzte Version verhielt sich zur ersten stets wie ein Auto aus der Schrottpresse zu einem fabrikneuen Auto.

Ein Buch im Netz
Hinzu kam, dass ich gar nicht wusste, wie man das macht. Niemals zuvor hatte ich einen eigenen Text zerstören müssen. Im ganzen Haus war die einzige Ausnahme der Kulturchef. Ausgerechnet er, erkennbar das Schreibgenie unter den Edelfedern, der Heinrich Heine unserer Tage, machte sich die Mühe, den Redakteuren ihre Hausaufgaben abzunehmen und wenigstens ab und zu meine Texte zu redigieren. Er war es übrigens auch, der Schwung in den Laden brachte und die Stimmung hob. Und - der als einziger selbst ein vielgelesenes Blog im Internet führte, wie ich.

Und das ist ja hier auch unser Thema. Ich und das Internet. Das Buch war fertig und ich wartete auf die Fahne. Die kam - aber es fehlten 230 Seiten! Aus schließlich 485 Seiten waren 256 geworden. Wo waren die fehlenden Seiten? Nun, es hatte ein Gespräch zwischen «Spiegel» und Kiepenheuer & Witsch gegeben, ganz inoffiziell, also eigentlich gar nicht.

Mein Blog lief weiter. Selbst im größten Erfolgsfall würden mehr Menschen mein Blog lesen als das Buch. Und irgendwann machte der Verlag den Vorschlag, doch einfach jeweils 20 Seiten eines Lottmann-Buches ins Netz zu stellen. Als Appetitanreger. Ich ließ mir von Mathias Broeckers eine PDF-Fassung meines Originalmanuskripts von «Auf der Borderline nachts um halb eins» anfertigen, und zwar eine Fassung, die noch nicht Fahne geworden, ja noch nicht einmal lektoriert worden war, und stellte sie im November 2007 ins Netz.

Der Sturz Stefan Austs
Als kurz darauf Stefan Aust gestürzt wurde, löschte ich den Eintrag wieder. Ich wollte erst einmal die ganze Fassung selbst lesen, noch einmal, und prüfen, ob nicht doch Stellen enthalten waren, die jemanden in schlechtes Licht rückten. Enthielten sie selbst jetzt noch Sprengstoff, der sich im innerredaktionellen Machtkampf munitionieren ließ, gegen den Chefredakteur, gegen den mutigen Kulturchef?

Ich wartete einige Tage ab, fand nichts Anstößiges bis auf ein paar wenige Sottisen und stellte die PDF-Datei endgültig am 13. Dezember 2007 in mein «taz»-Blog. Inzwischen war im «Spiegel» auch ohne mein Zutun die offene Revolte ausgebrochen. Der Ressortleiter der Kulturredaktion war geschasst worden. Das war wie bei einer Schülerrevolte, wo als erstes ausgerechnet derjenige Lehrer suspendiert wird, der sich als einziger mit den Schülern verstanden hatte.

Ich hatte damit nichts zu tun. Freilich wurde mir bereits von Gleichgesinnten wie auch von mir persönlich nicht weiter bekannten Kollegen mitgeteilt, dass das gnadenlose Umschreiben der eigenen Texte so demotivierend sei, wie sich das ein Außenstehender nicht vorstellen könne. Mein ins Netz gestelltes Buch war also gelesen worden, von Anfang an.

«Borderline»
Ich könnte mir vorstellen, dass gerade Spiegel-Autoren diese spezielle Erfahrung der Selbstzerstörung in ihrem Leben vor dem «Spiegel» gar nicht hatten machen können, da sie über hohe Qualität verfügen und ganz automatisch perfekt schreiben. Wirklich beurteilen kann ich es nicht. Eigentlich stehe ich dem Gedanken sogar skeptisch gegenüber. Schreiben Spiegel-Leute wirklich so gut? Die Feuilletonisten der «FAS» schreiben doch erkennbar um eine Dimension besser.

Dies alles stand womöglich doch ein bisschen zwischen den Zeilen in meinem Buch, und deshalb durfte es nicht erscheinen. Nicht unter der Flagge eines Buchverlages. Aber unter meiner eigenen Flagge eben schon. Indem ich eine Fassung wählte, die zur KiWi-Fassung absolut unidentisch war, brachte ich den Verlag auch nicht in Schwierigkeiten. Daher stellte sich den Verlagsleuten die interessante Frage: Würde das Buch, nachdem es im Internet «verschenkt» worden war (zeitgleich mit dem neuen Album von Radiohead), im normalen Einzelhandel weiterhin verkauft werden, und zwar schlechter oder sogar besser?

Meine Überlegung dazu war eigentlich recht überzeugend: Anders als eine Musikdatei konnte meine Textdatei nicht wie zusätzliche Materie konsumiert und schon gar nicht verschenkt werden. Die meisten Bücher, die in Deutschland gekauft werden, sind Geschenkbücher. Und das gilt noch zwanzigmal mehr zur Weihnachtszeit. Indem ich das Borderline-Buch am 13. Dezember ins Netz stellte, konnte es nur als Anregung zum Buchkauf wirken.

Zurück zum Blog
Und tatsächlich zog der Verkauf an. Nach ersten Schätzungen sind im Dezember vierzehnmal so viele «Borderline»-Bücher über den Ladentisch gegangen als im Oktober, als der Marktverkauf startete. So waren die Kollegen von Kiepenheuer & Witsch zwar «not amused» über meinen Alleingang, brachen aber nicht den Stab über mich. Auf keinen Fall hatten sie etwas mit der «Spiegel»-Krise zu tun, wenn selbst ich damit nichts zu tun hatte. In meinem Blog hielt ich mich zurück. Ich schrieb insgesamt nur fünf oder sechs Kommentare: über Stefan Aust, Gabor Steingart, den Kurzzeit-Kandidaten Claus Kleber und kleinere Anmerkungen.

Aber es war erstaunlich, wer mich plötzlich alles las. Spätestens seit der Kleber-Pleite, die ich minutiös und gestochen klar vorausgesagt hatte, starrten alle in der Brandstwiete auf mein Blog. Ich merkte es daran, wer mich alles anrief. All die Kollegen, die zwölf Monate lang griesgrämig und grußlos an mir vorbeigeschlurft waren, riefen nun an, schickten SMS, ließen andere vorfühlen. Vielleicht lag es aber auch „nur“ an der revolutionären Stimmung, die zurzeit im Hause herrscht.

Die Schuldfrage
Außerdem scheint nebenbei ein Paradigmenwechsel eingetreten zu sein: die Internetnachrichten wurden für alle «Spiegel»-Leute urplötzlich wichtiger als die gedruckten. Ganz Deutschland diskutierte über den «Spiegel», und zwar digital, und im eigenen Blatt stand nichts davon drin.

Manche altgediente Redakteure, seit den siebziger Jahren im Haus und die Pensionierung ersehnend, machten nun ihre ersten eigenen Erfahrungen mit so seltsamen Phänomenen wie zum Beispiel der «Netzeitung», um den neuesten Stand im Machtkampf ihrer Chefs mitzukriegen. Die Anzahl meiner täglichen Klicks vervielfachte sich.

Das war schön. Zum anderen tat mir alles furchtbar leid. Diese Zeitschrift war der letzte Stützpfeiler in meinem Leben, der bis in die frühe Kindheit zurückreichte. Gerade weil der „Spiegel“ so anachronistisch war, so autoritär, preußisch, männlich-chauvinistisch, frauenfeindlich bis zum Exzess, aufgeklärt, bildungsbesessen, abendländisch, bürgerlich, politisch, parlamentarisch und militant demokratisch («Sturmgeschütz der Demokratie»): gerade deswegen war er so einzigartig und unersetzbar.

Nichts nichts nichts ist heute noch so wie der «Spiegel». Donnernd kracht diese Kathedrale zu Boden. Und wer war am Ende auch noch schuld? Bitte nicht: Ich und das Internet.

Joachim Lottmann, 46, Berliner Schriftsteller («Die Jugend von heute»), arbeitete 2005 bis 2007 für das Kulturressort des «Spiegel» und führt seit letzten März bei der «taz» das Blog «Auf der Borderline nachts um halb eins», gleichnamig als Buch erschienen (Kiepenheuer & Witsch, 256 S., 9,95 Euro). Ab nächster Woche schreibt der Autor für ein neues Blog mit dem Namen «Joachim Lottmann in der taz».