netzeitung.deJoachim Lottmann: Ich und das Internet

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Ein knallharter Rechercheur: Joachim Lottmann (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ein knallharter Rechercheur: Joachim Lottmann
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Schriftsteller und ehemalige «Spiegel»-Redakteur Joachim Lottmann erzählt von Computern und Netzen und davon, was sein eigenes Weblog mit der Führungskrise beim «Spiegel» zu tun hat. Teil 1.

Technik versteht man ja sowieso nicht. So wenig wie Japanisch, oder sagen wir: wie Französisch. Immer nur jedes zweite Wort, jeden vierten Gedanken. Aber ich muss über das Internet schreiben, und ich tue es, und ich kann es jetzt auch. Denn inzwischen hat sich bei mir in punkto Internet Sensationelles ereignet. Womöglich hat meine kleine Geschichte etwas mit dem Sturz der Chefredaktion des Hamburger Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» zu tun. Vielleicht auch nicht - wir werden es sehen.

Die Vorgeschichte ist die übliche. Das Internet begann bei mir recht spät. Man musste Verträge unterschreiben und bei der Schufa vorsprechen, und einen Handwerker holen und dann noch einen und noch einen. Scheußlicher Vorgang.

Immerhin hatte ich die rettende Idee, einem anderen Schriftsteller seinen Computer samt allen Anschlüssen, Namen, Code-Worten und so weiter komplett abzukaufen. Dafür bezahlte ich tausend Mark, obwohl die Kiste noch einen Marktwert von hundert hatte. Der Schriftsteller konnte es kaum glauben (alle Schriftsteller sind arm) und sagte sofort zu. Ich will nicht mehr über ihn verraten, höchstens vielleicht noch, dass er Thomas Palzer hieß und in den achtziger Jahren einige Krimi-Kurzgeschichten veröffentlichen konnte.

Es war natürlich ein Apple. In diesen Dingen machte ich keine Fehler. Man musste in der richtigen Partei sein. Alle Linken schrieben auf Apple, alle Unpolitischen und Meinungslosen auf dem anderen System (die lasen auch «Focus»). Ich war damals ein unbekannter junger Autor, noch weniger verbreitet als Thomas Palzer, aber das Internet gab mir rasch ein Forum: ich schrieb meine erste Geschichte über Max Goldt im Internet-Forum «Wir höflichen Paparazzi».

Wir höflichen Paparazzi
Es meldeten sich Tausende von Leuten, die das gelesen hatten und einen Kommentar schrieben. Und zwar nicht solche Zwei-Silben-Kommentare wie heute in meinem Blog in der «taz» («oh mann!»... «laber, laber»... «peinlich» etc.), sondern furiose Gegentexte. Ich war bis dahin in der Szene nur als «der Typ, der als Teenager mal dieses Buch geschrieben hatte» bekannt, als zweiter Benjamin Lebert («Crazy»), aus dem ja auch nichts mehr wurde. Und nun auf einmal das. Ein zweites Leben.

Die Folge war, dass mein damaliger Bestseller sofort wiederaufgelegt wurde («Mai, Juni, Juli»). Mein alter Buchverlag trat an mich heran und wollte weitere Romane haben. Ich hatte zum Glück viele in der Schublade. Für Tex Rubinowitz’ «Wir höflichen Paparazzi», dieses Internet-Forum, schrieb ich zehn weitere Geschichten, die erfolgreichste über Kathrin Passig. Sie wurde insgesamt 55.000 mal heruntergeladen und machte die sympathische junge Frau zu dem, was sie heute ist, Bachmann-Preisträgerin und «Spiegel»-Bestsellerliste-Autorin. Noch heute drückt sie mir ergriffen die Hand, wenn wir uns im Nachtleben begegnen, und sagt leise «danke».

Ein Zusammenbruch
Irgendwann brach die gesamte Technik, das ganze Netz dieses Paparazzi-Forums zusammen. Keiner weiß bis heute, wieso. In einer Nano-Sekunde verschwanden die Texte von zigtausenden von Usern, Milliarden von Buchstaben. Erst Jahre später konnte die erste Hälfte des Gesamtwerkes wiedergefunden und ins Netz gestellt werden. Meine Beiträge sind alle erhalten, glaube ich, und man kann sie immer noch abrufen. Spätere Beiträge wären vernichtet gewesen, aber ich schrieb dann irgendwann gar nicht mehr: die etablierten Medien hatten mich ja wiederentdeckt.

Das Internet hatte mich zurück in den herkömmlichen Kulturbetrieb katapultiert, und nun vergaß ich das Internet wieder. Ich fuhr zu Thomas Palzer und fragte: «Na, willst Du Deine Kiste wiederhaben?» Er zeigte mir einen Vogel. Längst war er vom aufgepimpten Apple Würfel Classic zum eisgrauen MacBook 200 Gigabyte umgestiegen. Mit Hilfe eines aufgesteckten Glotzauges auf dem Screen konnte er mit seiner Mutter in Oberbayern modernste Privattelekommunikation betreiben.

Ich schrieb nur noch E-Mails auf dem Würfel. Die Romane wieder mit der Robotron 30 E, meiner elektrischen Schreibmaschine. Der Roman «Die Jugend von heute» war ein großer Erfolg und brachte mich vor allem wieder an technikfaszinierte Leute heran, eben die Jugend. Sie fanden es peinlich, dass ich so alte Geräte hatte. So legte ich mir Anfang 2006 mit Hilfe des Versandunternehmens Ebay einen Apple iMac und gleichzeitig ein Apple iBook zu, beide in gleichem Design und gleicher Farbe, nämlich rund und weiß-blau.

«Zombie Nation»
Den folgenden Roman «Zombie Nation», ein Werk über die alten Leute im Kulturbetrieb, schrieb ich darauf. Es war kein reiner Roman, sondern eine Mischung aus Literatur und Journalismus. Die alten Leute im Kulturbetrieb nahmen mir das Buch «Zombie Nation» ziemlich übel.

Ich war, als «Zombie Nation» auf den Markt kam, gerade in die Kulturredaktion des «Spiegel» eingetreten. Es war ein zeitlicher Zufall, und ich wusste nicht, ob die Leute das Buch nicht mochten, oder ob sie nicht mochten, dass ich mich an den «Spiegel» verkauft hatte. Ich hatte einfach gedacht, nach zwei Romanen in anderthalb Jahren sollte ich einmal etwas anderes machen. Aber anscheinend war der «Spiegel» eine besondere Sache im Journalismus. Wie Bayern München im Fußball. Wer zu den Bayern wechselte, wurde anschließend von den eigenen Fans gehasst.

Jedenfalls war ich nun entzaubert. Ich war nur eine Saison lang der Liebling des Betriebs gewesen. Mit dem Erscheinen von «Zombie Nation» hörte das schlagartig auf. Hätte ich nach der «Jugend von heute» einfach das Schreiben eingestellt, könnte ich mich heute noch herumreichen lassen, könnte Lesereisen bestreiten, ja Preise entgegennehmen und auf Wohltätigkeitsbällen neben Ute Ohoven und Mathias Döpfner sitzen. Und - ich täte es gerne! Ohne Zweifel ist Döpfner eine literarische Figur erster Güte, eine Jahrhundertfigur fast, ein neuer Hamlet.

Die Angst der Autoren
Die großen internationalen Medienkonzerne sind heute das, was Krupp und Thyssen vor 100 Jahren waren, ja noch viel mehr. Man stelle sich einen gutaussehenden Hasardeur vor, der bereits in jungen Jahren an die Spitze von solchen Unternehmungen aufsteigt, diese ruiniert, dennoch immer mächtiger wird, schließlich Kaiser Wilhelm die Frau ausspannt - dann hätten wir den Stoff, aus dem Gott diesen Döpfner geformt hat.

Ich wäre auch der einzige, der diesen tollen Roman schreiben könnte, denn alle anderen deutschen Autoren haben ja immer diese Angst, anschließend keinen Job mehr zu bekommen. Wird der Axel Springer Verlag sie jemals wieder einen Text schreiben lassen, ihnen ein Honorar überweisen, ja sie gar anstellen? Und die anderen Großverlage, werden die es noch tun?

Sitzen die starken männlichen Herren der Medienriesen nicht alle regelmäßig an einem bestimmten Tisch in einem bestimmten Restaurant und verstehen sich prächtig, also wieder Döpfner, Schirrmacher, Diekmann, Aust, Hubert Burda? Und war das nicht der heimliche Grund für die Revolte der «Spiegel»-Redakteure, die das einfach nicht mehr ausgehalten haben, diese Perversion von Meinungsvielfalt? Ja, wer weiß, vielleicht. Wahrscheinlich eher nicht. Aber die Angst, es wäre so, steckt ihnen allen in den Knochen. Mir nicht.

Im Kulturbetrieb
Weil ich meinen Abstieg schon hinter mir habe, den Ausschluss aus dem Kulturbetrieb. Diese Erfahrung machte ich als erste, nicht als letzte. Sie schreckt mich nicht. Kulturbetrieb, das waren meine Eltern. Mein Vater Lyriker und politischer Funktionär im Bildungsbereich, meine Mutter NDR-Redakteurin, die sehr viel älteren Brüder staatlich subventionierte Filmemacher und Journalisten.

Außerhalb des Betriebs war es immer schöner. Das Leben definierte sich immer als die Summe aller Dinge, die in der Sendung «Kulturzeit» niemals vorkommen konnten. Und lebendige, echte Kultur war seit Menschheitsbeginn das, was die Kulturverwalter noch nicht kannten.

Deshalb war es nur logisch, dass meine zweite Karriere durch das Internet hervorgerufen wurde. Denn dort arbeiteten anfangs alle, die woanders nicht «reingelassen» wurden. Die Hausverbot hatten beim kulturellen Establishment der «Zombie Nation». Und dorthin, zum Internet, kehrte ich nun zurück. Ich ließ mir im März 2007 von Mathias Broeckers, dem genialen Online-Chef der linksradikalen «taz», ein Blog einrichten.

Hier geht es zum zweiten Teil.

Joachim Lottmann, 46, Berliner Schriftsteller («Die Jugend von heute»), arbeitete 2005 bis 2007 für das Kulturressort des «Spiegel» und führt seit letzten März bei der «taz» das Blog «Auf der Borderline nachts um halb eins», gleichnamig als Buch erschienen (Kiepenheuer & Witsch, 256 S.,9,95 Euro). Ab nächster Woche schreibt der Autor für ein neues Blog mit dem Namen «Joachim Lottmann in der taz».