Neo Rauchs Rückzug in die religiöse Ruhe
Im Naumburger Dom trifft Moderne auf Mittelalter: Die Motive von Rauchs Kirchenfenster sind so emotional und kontrastreich wie das Leben der Heiligen Elisabeth. Mit schützender Hand verabschiedet sie ihren Mann, der zum Kreuzzug aufbricht. Sie trägt Bluse und Rock, er Uniformjacke und Schnürstiefel. Im mittleren Fenster, in dem die Heilige einem Armen einen Mantel spendet, konzentriert sich der Leipziger Maler auf die zeitlose Geste der Nächstenliebe. Im dritten, nördlichen Fenster pflegt Elisabeth bis zu ihrem frühen Tod im Alter von 24 Jahren Kranke in dem von ihr gegründeten Hospital in Marburg.
Die Episoden schillern in rötlichen Tönen durch das mundgeblasene Echt-Antik-Glas in Bleifassung. Das Rot unterscheidet sich auch nach Sonnenlicht: Morgen- oder Abendrot, Rot wie Blut oder Liebe, Feuer- oder Rubinrot. Der Direktor des Ludwig Forums für Internationale Kunst in Aachen, Harald Kunde, spricht von einer «autonomen Kraft der Farbe». Den Entwurf des Künstlers hat die einheimische Firma Domglas Naumburg gefertigt. Jeden Schliff habe Rauch, der an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst als Professor unterrichtet, abgesegnet, sagt Kunde. Der Künstler, um den sich Sammler reißen und Scharen in dessen Ausstellungen in den Weltmetropolen ziehen, habe dem Projekt Naumburg sofort zugestimmt mit den Worten «Fenster habe ich noch nie gemacht».
So kontrastreich wie das Werk sind auch die Meinungen der ersten 500 geladenen Gäste, Gemeindemitglieder und Besucher in der Kapelle, die vier Jahre geschlossen war. «Das ist ganz schön klein», sagt eine Dame über die 1,40 Meter hohen und einen halben Meter breiten Fenster. «Aber sie sind sehr schön geworden», entgegnet ihr Mann.
Rauchs Fenster haben einen besonderen Platz im Nordwesten des Doms gefunden. Vor ihnen, auf Augenhöhe, thront die Elisabeth-Statue, eine der frühesten bekannten Abbildungen. Der Inhalt der Passage in der aufgeschlagenen Bibel neben ihr kann für die Heilige und den Maler gleichermaßen gelten: «Dies ist die Stätte meiner Ruhe ewiglich. Hier will ich wohnen, denn das gefällt mir.» (Psalm 132, 14).
Die Naumburger Gemeinde St. Peter und St. Paul will es mit ihrem Dom auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbe schaffen. «Das Echo ist überwältigend», sagt der Vorsteher der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz, Georg Graf von Zech. Domherr Waldemar Schewe möchte mehr als wachsende Touristenzahken: «Ich hoffe, dass die Menschen, die in die Elisabeth- Kapelle kommen, angeregt werden, nach dem Grund der Bestimmung des eigenen Lebens zu fragen.» (Sebastian Döring, dpa)

