Pi ist für uns alle da
Mathematik ist eine spannende Sache, versichern uns die Mathematiker seit Äonen, und sie sei es deshalb, weil sie so irre viel Realitätsbezug habe. Denn wohin man auch geht und wo man auch steht: Mathematik ist überall. An der Supermarktkasse, auf der Waage, beim Weg zur Arbeit - ach, wieder zu spät. Naja. Und daher, so die Mathematiker, lohne sich der Umgang mit ihrem Fach eben für jeden, der irgendwo gehe oder stehe, denn Mathematik biete Spannung, Verblüffung, den Mehrwert der Nutzanwendung.
Christoph Drösser hat das erkannt. Und also bietet uns das Buch nicht nur die Außenbeine an, sondern innen drin noch mehr fürs reifere Gemüt: Politskandale. Bankräuber. Drogendealer. Mit einigem Talent zur flockigen Gebrauchserzählung schreibt Christoph Drösser uns seine Textaufgaben als launige kleine Geschichten hin, und gern nimmt man immer zur Kenntnis, wenn es noch drei, vier Seiten sind, ehe das Geschehen dann eben doch wieder aufgelöst wird in: Gleichungen, Ableitungen, Kurven.
Gern lässt man sich zwar genüsslich vorexerzieren, wie falsch Zahlen sein können, selbst wenn sie richtig sind: Die scheinbar sicheren Gentestdaten der Kriminologen; die Statistiken, welche einen falschen Eindruck erwecken, obgleich alle Zahlen an ihnen stimmen; die obskuren Sonderfälle des Wahlrechts, welche aus weniger Wählern mehr Sitze hervorzaubern können - sowas alles schmeckt nach Bewandtnis.
Nicht ganz so gebannt ist man dann, wenn Drössers Geschichten zwar flott lesbar, aber der Mathematik eben doch aufgepfropft sind. Der arme Dealer, der nur zur Illustration des Pythagoras-Satzes hier herbeizitiert und ins Kittchen gesteckt wird; die Bankräuber, die mit ihrem sauer geklauten Geld im Stau stehen, um die aberwitzigen Kalkulationen der Verkehrsplanung am eigenen Leib zu erfahren; die Frauenbeine, zu denen der optimale Betrachtungswinkel berechnet wird, sie finden den Link nicht von der Mathematik herüber ins echte, hiesige Leben - welches ja nach wie vor das Verführerischste ist, womit man sich so befassen kann.
Christoph Drösser, Der Mathematik-Verführer, Booklett, 200 Seiten, 18,90 Euro.
