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Lupe Pi ist für uns alle da

Buchautor Christoph Drösser will uns zur Mathematik verführen. Klaus Ungerer konnte dem reizvollen Angebot aber doch widerstehen.

Textaufgaben in Mathe waren schon immer ein reizvolles literarisches Genre. Wer freute sich nicht, inmitten jener graphitgrauen, kleinkarierten Unterrichtsstunden urplötzlich auf das Pochen eines menschlichen Herzens zu stoßen? Auf Bauer A etwa, welcher mit seinem Traktor eine bestimmte Ackerfurche binnen vier Minuten abgefahren hat - wieviel Zeit benötigt er wohl für das ganze Feld? Wieviel Benzin für den Traktor? Schafft er es nach der Pflügerei noch ganz bis zur Tankstelle hin? In welcher Richtung muss er nach dem Knecht rufen, dass der ihm einen Ersatzkanister bringe, wenn der Seitenwind 4 Meter pro Sekunde beträgt? Und was sagt die Tochter des Bauern dazu, welche soeben zwischen Kanister und Knecht zu liegen gekommen ist, zehn Ballen Stroh um sich herum, welche wieviel Kubikmeter Raum einnehmen, wenn sie sich durch jede Mehrbelastung um soundsoviel Prozent zusammendrücken?

Mathematik ist eine spannende Sache, versichern uns die Mathematiker seit Äonen, und sie sei es deshalb, weil sie so irre viel Realitätsbezug habe. Denn wohin man auch geht und wo man auch steht: Mathematik ist überall. An der Supermarktkasse, auf der Waage, beim Weg zur Arbeit - ach, wieder zu spät. Naja. Und daher, so die Mathematiker, lohne sich der Umgang mit ihrem Fach eben für jeden, der irgendwo gehe oder stehe, denn Mathematik biete Spannung, Verblüffung, den Mehrwert der Nutzanwendung.

Mathe beinfrei
Der verdiente Wissenschaftsjournalist Christoph Drösser hat es nun in Buchform gewagt, außerhalb jeder Unterrichtsverpflichtung: uns ein paar Textaufgaben zu stellen. Sein Buch heißt «Der Mathematik-Verführer», und mit blanken Frauenbeinen auf dem Cover will es uns hineinziehen in die Welt von Pi und Eulerscher Zahl, von Ableitungen, Primzahlen und Logarithmen. Denn um den erwachsenen Menschen anzulocken, welcher die Schule glücklich abgehakt und jede Erinnerung an sie fest im Hirnkästchen verschlossen hat, bedarf es natürlich einigen Aufwands.

Christoph Drösser hat das erkannt. Und also bietet uns das Buch nicht nur die Außenbeine an, sondern innen drin noch mehr fürs reifere Gemüt: Politskandale. Bankräuber. Drogendealer. Mit einigem Talent zur flockigen Gebrauchserzählung schreibt Christoph Drösser uns seine Textaufgaben als launige kleine Geschichten hin, und gern nimmt man immer zur Kenntnis, wenn es noch drei, vier Seiten sind, ehe das Geschehen dann eben doch wieder aufgelöst wird in: Gleichungen, Ableitungen, Kurven.

Weniger Wähler, mehr Sitze
Und damit wären wir wieder beim guten alten Problem: So gern man die Sage auch hören mag - so wenig interessiert einen doch der Weg zur Auflösung. Vor allem, wenn die erst langwierig hergeleitet werden muss. Seitenweise versinkt man beim Lesen in Brüchen, und die ganze Bruchauflösung und Zahlenverschiebung ist in einem Buch ja noch öder als im Klassenzimmer, wo einen wenigstens das Quietschen der Kreide ab und an noch aufrütteln mochte. So genau, wenn man ehrlich ist, hat man's gar nicht wissen wollen.

Gern lässt man sich zwar genüsslich vorexerzieren, wie falsch Zahlen sein können, selbst wenn sie richtig sind: Die scheinbar sicheren Gentestdaten der Kriminologen; die Statistiken, welche einen falschen Eindruck erwecken, obgleich alle Zahlen an ihnen stimmen; die obskuren Sonderfälle des Wahlrechts, welche aus weniger Wählern mehr Sitze hervorzaubern können - sowas alles schmeckt nach Bewandtnis.

Nicht ganz so gebannt ist man dann, wenn Drössers Geschichten zwar flott lesbar, aber der Mathematik eben doch aufgepfropft sind. Der arme Dealer, der nur zur Illustration des Pythagoras-Satzes hier herbeizitiert und ins Kittchen gesteckt wird; die Bankräuber, die mit ihrem sauer geklauten Geld im Stau stehen, um die aberwitzigen Kalkulationen der Verkehrsplanung am eigenen Leib zu erfahren; die Frauenbeine, zu denen der optimale Betrachtungswinkel berechnet wird, sie finden den Link nicht von der Mathematik herüber ins echte, hiesige Leben - welches ja nach wie vor das Verführerischste ist, womit man sich so befassen kann.

Christoph Drösser, Der Mathematik-Verführer, Booklett, 200 Seiten, 18,90 Euro.