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Mit der Brille auf der Nase bahnte sie den Weg (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Mit der Brille auf der Nase bahnte sie den Weg
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

In Video-Podcasts zeigen sich unsere Berufspolitiker von ihrer ganz menschlichen Seite - stoffelig, eitel, unbeholfen, unberaten. Klaus Ungerer zeigt die Top Ten der deutschsprachigen Politiker-Homevideos.

Platz 10: Sabine Bätzing (SPD), MdB für Neuwied/Altenkirchen
«Hier werde ich Erklärungen abgeben.»
Rührend wirft sich die jugendlich-unverbrauchte SPD-Sabine hier ins Bild: Egal, wie mies die Bildqualität ist; ganz gleich, ob dem gerahmten Willy Brandt im Hintergrund die Augenpartie abgeschnitten wird - nun weht ein frischer Wind. Und zwar verspricht Sabine: «Hier werde ich in regelmäßigen Abständen live berichten über politische Geschehnisse, über Gesetzgebungsverfahren, und auch Erklärungen zu meinem Abstimmungsverhalten abgeben.» Und tatsächlich! Gerade mal gut drei Monate später meldet sie sich bereits wieder zu Wort - mit einem sehr persönlichen Beitrag zum Thema «Sommerzeit».
Platz 9, Jürgen Rüttgers (CDU), Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen:
«Wenn ein großes R dann an der Tür hängt, muss man als Nichtraucher nicht hingehen.»
Von seiner ganz bürgernahen Seite zeigt sich der NRW-Volkstribun bei dieser spontanen Brandfleckenrede, in der er sich zum intensiven Nachdenken über die Eckkneipe bekennt (bekanntlich der Ort, an dem die berühmten Stammtische stehen): «Wir prüfen zur Zeit noch in Nordrhein-Westfalen, was wir mit den kleinen Eckkneipen machen, da wo es nur wenige gibt. Wir wollen es da, das ist die Idee, die wir zur Zeit prüfen, den Wirten überlassen zu sagen: Meine Gaststätte ist eine Raucherkneipe - dann weiß man, dass man, wenn man da reingeht, Raucher trifft.»
Platz 8, Angela Merkel, (CDU), Bundeskanzlerin:
«Neue technische Möglichkeiten faszinieren nicht nur junge Menschen. Auch ich habe Freude daran.»
Die Urmutter aller deutschen Polit-Video-Podcasts. Mit ihr fing alles an, mit ihr wird alles zu Ende gehen, so in zirka zwei, drei Jahren. Ihr innovationsfreudiger Nachfolger im Kanzleramt, Roland Koch («Was, es gibt auch Bio-Tiefkühlkost?»), wird das ganze Podcasting vermutlich einstampfen und zu einer irren neuen Kommunikationsform greifen: dem Briefkasten-Wurfblatt, welches pensionierte Parteimitglieder frühmorgens beim Mitbürger einwerfen - auf Wunsch auch ohne Signalklingeln.
Platz 7: NRW-SPD
«Die wollen euch in Auffanggesellschaften packen!»
Sinn für Modernisierung beweist die NRW-SPD auf ihrer Blogseite: Wenn sich Landeschefin Hannelore Kraft schon zu keinem eigenen Podcast durchringen mag, wird sie halt unter Druck gesetzt. Hier gibt es ungeschnitten ihre kühne, voltenreiche Rede vor tausenden Bergarbeitern: «Die SPD war, die SPD ist, und die SPD wird auch weiterhin an eurer Seite kämpfen!», bzw. «Der Sockel bleibt möglich! Und es fällt eine Entscheidung in 2012! Mit einer echten Optionsklausel! Und dazu stehen wir, und die werden wir auch nicht lockerlassen an dieser Stelle!» Auch für das Auftreten im Netz gilt nämlich: Wer nicht will, der hat schon - sich blamiert.
Platz 6: Udo Nagel (parteilos), Innensenator der Hansestadt Hamburg
«80.000 Straftaten weniger im Jahr - das bedeutet auch, dass Tausende von Menschen eben nicht durch Diebstähle, Einbrüche, Raube und andere Straftaten geschädigt wurden.»
Recht hat Hamburgs sympathischer, vertrauenswürdiger Innensenator! Aber wieso «auch»? Welche Schattenseiten der Straftatenreduktion sollen wir bedenken? Fallen die ehemaligen Diebe und anderen Straftäter nun dem Sozialbudget zur Last? Liegen sie im Polizeiknüppelkoma? Hat man sie nach Schleswig-Holstein verbannt? Bei Udo Nagel wird der Bürger mal zum Mitdenken animiert, er lernt, misstrauisch zu sein - und das erhöht wiederum die Sicherheit im Land. Danke!
Platz 5: MdB Hans-Michael Goldmann (FDP), Bundestags-Fraktionssprecher für Ernährung und Landwirtschaft
«Im Milchmarkt gibt es riesige Schongsen.»
Eindrücklich zeigt die FDP in ihrem Video-Podcast «www.tv-liberal.de», dass Fortschritt und Tradition sehr wohl Hand in Hand gehen können. Wie sehr zu Unrecht hatte man die Liberalen für eine windige Yuppie-Partei gehalten! In bodennaher Diktion belehrt uns Hans-Michael Goldmann eines Besseren: Hier ist noch einer, der die Ackerkrume kennt, man sieht und hört es ihm an; Zoom und Wackelkamera sind nichts für einen wie Goldmann; ehe sein Gesicht näher ins Bild rückt, wird ein kerniger Schnitt gesetzt, so wie in Stummfilmtagen: Goldmann auf Abstand - Schnitt - Dösig glotzen zwei Rindviecher vom Grüne-Woche-Plakat - Schnitt - Goldmann ganz nah. Zum Muhen!
Platz 4: Niels Annen (SPD), MdB für Hamburg-Eimsbüttel
«Ich bin offensichtlich nicht Niels Annen.»
Der junge Viel- und Überflieger Niels Annen denkt, fühlt und handelt nicht nur moralisch und engagiert - nein, er räumt sogar auch mal seinen Podcast frei, um andere Kollegen zu Wort kommen zu lassen, wenn er selber gerade anderswo weilt. Und er hätte keinen besseren Vertreter finden können als eben Gernot Erler, der über einige Erfahrung im Video-Podcasten verfügt, und der immer so wahnsinnig einsam wirkt, wenn er neben seinem Vogelhäuschen im Garten steht und über die Schäden durch den großen, bösen Sturm Kyrill philosophiert. Hier nun darf er Gast sein, sich willkommen fühlen - und nutzt dies, um den Bürger gründlich zu informieren: warum der Niels so viel ins Ausland fliegen und «sich dort erkunden» muss. «Insofern will ich noch mal erklären, warum er jetzt nicht hier ist, und dass er jetzt demnächst auch weitere Auslandsreisen (machen? verhindern? abstottern?) muss. Das hat diesen Zusammenhang, eine gute Friedenspolitik der Bundesrepublik Deutschland zu machen und dabei die richtigen Entscheidungen auf der Basis von guten eigenen Kenntnissen zu treffen. Alles Gute!»
Platz 3: Dany Cohn-Bendit (Die Grünen), Ko-Fraktionsvorsitzender der europäischen Grünen im Europaparlament
«Wenn alle gedopt sind, gewinnt der Beste, denn sie dopen sich ja alle.»
Dass an Daniel Cohn-Bendit ein sehr böser, sehr überdrehter Politiker-Imitator verlorengegangen ist, weiß man ja. Ein absolutes Muss ist auf seiner Podcast-Seite die Einlassung zum zentralen europolitischen Thema «Doping im Radsport»: Cohn-Bendit materialisiert sich spacig in einen Stuhl vor einer Rolltreppe und steigert sich dann in ein irrlichterndes Parlando hinein, das man nur als genialisch einstufen kann - da man ein höflicher Mensch ist und über Politikerdoping nicht einmal spekulieren mag.
Platz 2: Astrid Lulling (CSV), Europaabgeordnete aus Luxemburg
«Dene feischen, anoniemen Ehruffschneider»
Man muss des Luxemburgischen nicht mächtig sein, um sich von der ehrlichen Entrüstung der wackeren Europapolitikerin Astrid Lulling anstecken zu lassen: In irgend einem Internetforum soll Kritik an ihr geäußert worden sein, wenn nicht sogar recht deutliche Kritik! Da kann auch eine erfahrene Volksvertreterin nicht anders - sie muss mal so richtig auf den Kompost hauen, so wie jeder von uns es tun würde. Menschlich bis zum Anschlag!

Platz 1: Manfred Grund (CDU), MdB für das Eichsfeld, Mühlhausen und Nordhausen
«Wir sind wie 'ne Klagemauer»
Ganz weit vorne ist der Bundestagsabgeordnete Manfred Grund mit seiner stets unterhaltsamen «Video-Depesche». In der Episode «Ein neues Bürger-Büro für das Eichsfeld» kreiert er ein Meisterwerk: Wie er den Kreispolitikus zum Seelsorger des Dritten Jahrtausends macht («Manchmal ist es wichtig für die Leute, jemanden zu haben, der einfach zuhört»), das zeugt von tiefer Kenntnis der politischen Prozesse, in welche ja weder «die Leute» noch der Kreispolitikus je einbezogen werden. Wie alle, aber auch alle Anwesenden bei der Einweihung des neuen Heiligenstädter Bürgerbüros, gleich woher sie kommen und wer sie seien - Parteigenossen, Journalisten, Sekretärinnen -, wie sie alle gleichermaßen ihre Langeweile offen zur Schau tragen dürfen, ist Beleg einer zutiefst humanistischen Gesinnung des Podcast-Machers. Besonders empfehlenswert ist dabei die Betrachtung der Clips auf «myvideo.de»: Wie es hier zum dramaturgischen Höhepunkt kommt, indem jenem Monsignore Kesting, welcher soeben die Regalschränke zu weihen vornimmt, wie dem Monsignore genau in diesem Moment das Werbebanner auf die Mütze knallt - «Paris Hilton nackt!» etwa, oder «meinedetektei.de - Wir lösen selbst kniffligste Fälle» - da gewinnt man glatt den Glauben wieder!