03.07.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Der Anfang vom Ende? Punk unter Honecker
Foto: Archiv SUBstitut
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Punk gab es auch im Sozialismus. Wie er den Staat provozierte und sich vom Westen unterschied, hat Matthias Bossaller im Buch «Punk in der DDR - Too Much Future» nachgelesen.
Als vor gut 30 Jahren in England die Punkbewegung losbrach, lautete der Schlachtruf «No Future». Die Punks prangerten soziales Elend und Perspektivlosigkeit an. In der DDR kam der Punk, der mit seinen vier Buchstaben so gar nicht in die gängige Drei-Buchstaben-Kombination von SED, FDJ oder NVA passte, später auf. Dabei litten diejengen, die sich dieser Subkultur und Protestbewegung anschlossen, eher an einem «Too Much Future».
Im Schraubstock«Keine Zukunft zu haben, war nicht meine Angst. Doch mich beschlich die schreckliche Gewissheit, zuviel Zukunft entgegen zu sehn», beschreibt Henryck Gericke ein Lebensgefühl, das viele Jugendliche gegen Ende der Siebziger Jahre im Arbeiter- und Bauernstaat hatten. Er empfand die staatlichen Eingriffe als erdrückend: «Ich fühlte mich von einer verordneten Zukunft, die zuviel des Guten war, in den Schraubstock gespannt.» Seinen Widerstand konnte der 1964 in Berlin geborene Gericke in der Punkbewegung ausleben.
Michael Boehlke, Spitzname «Pankow», verfiel dem Punk Ende der 70er Jahre durch ein Bild von Sex Pistols-Sänger Johnny Rotten. «Das will ich auch», dachte er und zerriss spontan sein T-Shirt. Mit seinen blond gefärbten Haarstacheln und zerfetzten Hosen wurde er zum Blickfang seiner Wohnsiedlung in Berlin-Pankow.
Heute leben Boehlke und Gericke immer noch in Berlin und haben sich in der dortigen Kunst- und Kulturszene einen Namen gemacht. Sie sind die Herausgeber des Buchs «Punk in der DDR Too Much Future», das eine überarbeitete Fassung der ersten Auflage ist, die 2005 anlässlich der viel gelobten Ausstellung «Ostpunk Too Much Future» herausgegeben wurde. Das Buch erinnert auf mitreißende Weise an einen rebellischen Geist, der längst Opfer des Kommerzes geworden ist und in Form von billigen T-Shirts bei H&M an der Kleiderstange hängt.
Bizarres Kapitel DDR-GeschichteProtagonisten und Zeitzeugen schildern anschaulich und ungeschminkt, wie Punk in der DDR entstanden ist und welchen Tumult die Punks von 1979 bis 1989 veranstalteten. Schwerpunkte sind die Szenen in Ostberlin und Leipzig, doch auch das Punkerdasein in Dresden, Erfurt oder Weimar wird beleuchtet. In den Darstellungen verschiedener Verfasser wird deutlich, dass diese aufbegehrende Jugend ein bizarres Kapitel DDR-Geschichte schrieb.
Es überrascht, wie frisch die Erinnerungen der Erzähler wirken. Detailgetreu, teils im wissenschaftlichen, teils im schnoddrigen, von Slang beeinflussten Duktus berichten die Beteiligten über die Geschehnisse von damals. Die Texte sind zweisprachig in Deutsch und Englisch verfasst. Der Leser wird amüsiert durch die Schilderungen von Saufgelagen bei Konzerten in der thüringischen Provinz. Auf der anderen Seite ist es beeindruckend, mit welcher Entschlossenheit die Ost-Punks unter schwierigsten Bedingungen ihre Anti-Haltung gegen Staat und Gesellschaft auslebten. Die 16- bis 18-Jährigen nahmen sich Freiheiten heraus, die bis dahin in der DDR praktisch undenkbar waren. Sie forderten mit ihrem non konformen Treiben das Regime heraus, das seinerseits mit Repressionen reagierte.
Im Aussehen ähnelten die Protagonisten Ost ihren Vorbildern aus dem Westen: Zerschlissene Lederjacke, Irokesenschnitt und Doc Martens (von der Oma aus dem Westen besorgt), und auch sie tanzten den Pogo und verachteten Pop. Auf einem Foto im Buch ist ein Punk zu sehen, dessen T-Shirt die Aufschrift «Ich hasse Pink Floyd» ziert.
Ostrock-Balladen weggeblasenDie Wirkung der ersten Punks in den Jahren 1979 bis 1982 war außerordentlich. In dem grellen und wilden Erscheinungsbild sowie der aggressiven Art der jungen Menschen samt der brachialen und lauten Musik, die die herkömmlichen Ostrock-Balladen einfach wegblies, sahen aufrechte DDR-Bürger und SED-Schergen eine Gefahr. Die Heranwachsenden erzeugten eine Spannung zwischen Subkultur und Diktatur, sie forderten den Staat heraus. Dies kam auch in den Texten der Ostpunk-Bands zum Tragen, die laut Herausgebermeinung wesentlich aggressiver und politischer waren, als die der West-Kollegen. Da wurde zur Kriegsdienstverweigerung aufgerufen oder die Nationalhymne in «Auferstanden und ruiniert» umgedichtet.
Damit wurden sie nicht nur zu Systemkritikern, sondern - anders als im Westen -auch zu Staatsfeinden, die rigoros verfolgt wurden. Statt einer Popkarriere, die manch einer im Westen startete, winkte der Knast. Dies bekam damals auch Boehlke zu spüren, den die Stasi vor die Wahl stellte: Gefängnis, Ausreise oder Armee. Er wählte die NVA. Die Staatsicherheit setzte viele Jugendliche massiv unter Druck, die diesem oft nicht standhalten konnten.
So erging es auch dem heutigen Schauspieler Bernd-Michael Lade, der dem breiten Publikum schon lange als Tatort-Kommissar Kain ein Begriff ist. Boehlke und Lade spielten in der Ost-Berliner Band «Planlos», die als eine der wenigen Bands illegal Konzerte gab. Als nicht zugelassene Combo gerieten «Planlos» ins Visier der Stasi. Wie bei Boehlke wählte der Staat auch bei Lade das Mittel der Einkasernierung. Lade erinnert sich: «Als ich eingezogen wurde, wollte ich da nicht hingehen. Meine Mutter hat die ganze Nacht auf den Knien gelegen und mich angefleht, ich sollte zur Armee gehen und nicht das Leben der Familie zerstören.»
Die Texte, Fotos und Illustrationen des Bandes werden durch ein gewagtes Layout zusammengehalten, wie es eher bei Fanzines der Fall ist. Aus dem Blocksatz gerissen, kippen, rotieren oder überlagern sich die Texte. Eine Punk-Ästhetik wird durch Scherenschnitt, Tapecover Art und Korrekturfahnen realisiert. Auf den 224 Seiten finden sich zudem Flyer, Grafiken und Fotos der Protagonisten der Szene, die den damaligen Geist lebendig werden lassen.
«Schleim-Keim» und «Schwarzer Kanal»Ein Bandregister führt beinahe 100 DDR-Punkbands mit ihren jeweiligen Line-Ups und ihrer Herkunft auf. Namen wie «Die fanatischen Frisöre», «Müllstation» oder «Scheißhaufen» bringen den Leser zum Grübeln. Nicht viel besser sind «Schleim-Keim», «Brennende Zahnbürsten» und «Kotzübel». Doch es gibt auch Bands wie «Einzelhaft», «Betonromantik» oder «Schwarzer Kanal», deren Name den politischen Ansatz besser transportieren.
Was hat die DDR-Punk-Bewegung, die seit 1983 auf den Befehl von Stasi-Chef Erich Mielke heftig bekämpft wurde, bewirkt? Die Herausgeber wagen dazu die steile These, dass sie den Fall der Mauer mit hervorgerufen habe. «Sie trug bei zu einer nervösen Balance des Systems, die 1989 nicht mehr zu halten war», heißt es schon im Bucheinband. Und Ronald Galenza und Heinz Havemeister formulieren in ihrem Beitrag bildhaft: «So war der Pogo der Punks nicht nur Ausdruck eines auf Selbstbestimmung beharrenden Lebenswillen in der DDR, sondern auch deren vorweg genommener Totentanz.»
Michael Boehlke, Henryk Gericke (Hg.) Too Much Future Punk in der DDR, 224 Seiten, Verbrecher Verlag, 16,80 Euro