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Posen statt Pogo

27. Mai 2007 09:54
Alkohol kann man als Modell allenfalls noch im Nebenfach studieren
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Punks, Freaks und Ganzkörper-Tattoowierte: Eine junge Berliner Agentur vermarktet etwas andere Models. Jetzt hat «Autseider» ein neues Projekt gestartet, wie Matthias Bossaller beobachtet hat.

Fünf Berliner Punker haben sich im Mauerpark um einen Grill geschart. Sie blinzeln in die Sonne und genießen den herrlichen Sommertag. Diese Szenerie hat nichts ungewöhnliches - wenn Löffel und Pulle samt der Restcrew an Iro-Trägern nicht in piekfeinen Anzügen stecken würden und auf sie Filmkameras und Foto-Apparate gerichtet wären. Das Quintett posiert für ein Projekt, das bislang einmalig in Deutschland ist.

Die Auftritte der schrägen Models aus der jungen Agentur «Autseider» werden per Videostream ins Internet gestellt. Hinter der Kampagne steht die Zusammenarbeit der Agentur mit der Online-Abteilung von «Promarkt», die der herkömmlichen, am Mainstream orientierten Vermarktung einen neuen Werbetrend entgegensetzen möchte.

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Möglich macht dies die Klientel von Diana Briant, die seit gut einem Jahr auf Models ohne Modelmaße setzt und diese bislang erfolgreich an Spielfilm-Castings, Soaps, Werbe-Spots und Foto-Shootings vermittelt hat. Neben dem außergewöhnlichen Äußeren, egal ob mit Ganzkörper-Tattoos, langer Nase oder Narbe, legt die 37-Jährige großen Wert auf den Verzicht von Rauschmitteln. «Bei mir herrscht striktes Alkohol- und Drogenverbot», sagt sie, «das gehört nicht zum Job». Für einen Punk wie den 19-jährigen Löffel, der ein beachtliches Vorstrafenregister hat und von sich sagt, «ich studiere Alkohol», ist dies keine leichte Aufgabe.

Statisten beim «Wunder von Berlin»

Dennoch macht Löffel die Arbeit viel Spaß. Er sieht neben einem kleinen Nebenverdienst auch die Chance, durch die Arbeit für «Autseider» sich vom Rand der Gesellschaft wegzubewegen. «Vielleicht klappt es ja irgendwann mit einem richtigen Job», hofft der gepiercte Punk, den Diana Briant am Alexanderplatz angesprochen hatte. «Zuerst dachte ich mir, was will die denn», erinnert er sich, «doch dann fand ich das Ganze echt gut.» Für ihn und seinen gleichaltrigen Kumpel Pulle ist es nichts Neues vor der Kamera zu stehen. Die beiden hatten ihren Auftritt als Statisten bereits für die kommende TV-Produktion «Das Wunder von Berlin».

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Für die Agentur-Chefin sind solche Aufträge ein Teil ihrer bemerkenswerten Erfolgsgeschichte als Geschäftsfrau. Die gelernte Arzthelferin ist dabei, sich mit ihrer Newcomerfirma am Markt zu etablieren. Dass sie einen Sinn für ungewöhnliche Projekte hat, bewies sie jüngst, als sie einen Fotokalender produzierte, der Häftlinge aus Cottbus zeigte. Der Deal mit «Promarkt» soll ein weiterer Schritt auf der Erfolgsleiter nach oben sein «und uns nach vorne pushen», wie Diana Briant hofft.

Am Anfang der imposanten Entwicklung stand ein Traum. Im September 2005 erschien Diana Briant in der Nacht ein Punk im Lagerfeld-Anzug, zugeknöpft bis oben hin, nur der Kopf mit stacheligem Iro ragt heraus. Aus dieser Vision entwickelte sie die Geschäftsidee: Eine Agentur, die Ausgegrenzte, Punks, Freaks, Obdachlose und andere nicht dem Mainstream zugehörige Personen vermittelt, musste her. «Meine Agentur ist eine Art von Rebellion», sagt Diana Briant. «Ich will Ausgegrenzte zurück in die Gesellschaft holen.» Sie will zeigen: «Auch die haben Bock zu arbeiten.»

Sozialer Abstieg

Die gebürtige Duisburgerin hat am eigenen Leib den sozialen Abstieg erlebt. Im August 2004 zog sie Hals über Kopf nach Berlin – der Liebe wegen. Ihren Mann und ihr altes bürgerliches Leben ließ sie kurz entschlossen hinter sich. Da stand sie nun, ohne Job, nur mit ihrer Tochter Jyll und Hund Pepsi. «Ich war lange Zeit Hartz-IV-Empfängerin», erzählt Diana Briant. In den langen Monaten arbeitsloser Isolation «kurvte» sie durch die Hauptstadt und stellte fest: «Reich und arm liegen nah beieinander.» Sie fühlte sich hingezogen zu den Gemiedenen und Unverstandenen der Gesellschaft.

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Angetrieben durch diese Faszination, raffte sich die selbstbewusste Frau («Ich bin ein Stehaufmännchen») auf, fragte auf der Straße wildfremde Menschen, ob sie sich vorstellen könnten, als Model zu arbeiten. Das Feedback war größtenteils positiv. «Die haben mich in ihre Welt hineingelassen», sagt Diana Briant, die sich selbst als ganz normalen Typen sieht, «nicht mit Highheels und so». Gleichzeitig schrieb sie tausende von E-Mails an Produktionsfirmen, rief Casting-Agenturen an. Die waren von ihrer Idee begeistert, motivierten die 36-Jährige: «Weiter so!»

Anfang April 2006 – nach mehr als anderthalb Jahren Arbeitslosigkeit - eröffnete Diana Briant dann ihre Agentur «Autseider – Modelagentur für Freaks und Andere». Der Jobcenter unterstützte sie mit einem Einstiegsgeld von monatlich 207 Euro. Mit spärlichsten Mitteln richtete sie ihr Büro ein. «Am Anfang hatte ich noch nicht einmal einen Drucker, habe alles per Hand aufgeschrieben», erinnert sie sich, ihre Miete konnte sie nicht bezahlen. Doch der Vermieter zeigte sich kulant, stundete ihr das Geld, genauso wie ihr Webmaster. Briant: «Die Leute haben mir vertraut, weil das Konzept stimmig war, das hat ihnen gefallen.»

Erstes Glück mit Meister Proper

Und sie hate Glück. Ihren ersten Auftrag erhielt Diana Briant am 12. Juli 2006. Eine Werbeagentur suchte ein Gesicht für einen TV-Spot zu Meister Proper. Ihr Kandidat aus ihrer noch dünnen Kartei gewann das Casting, ihre erste Provision wurde fällig.

Mittlerweile umfasst ihre Datenbank weit mehr als 700 Gesichter, «pro Woche kommen 10 bis 15 Personen hinzu», sagt die Agenturchefin. Die Anfragen anderer Agenturen haben stark zugenommen, und sie weitet ihr Geschäftsfeld aus. In Köln hat bereits eine Filiale eröffnet, weitere sollen in Hamburg und München folgen. Vor kurzem hat die Neu-Unternehmerin ihren ersten Arbeitsplatz geschaffen. Assistentin Petra Dittrich steht ihr künftig zur Seite. Mit steigendem Bekanntheitsgrad von «Autseider» ist auch das Medieninteresse stark gewachsen. Selbst das japanische Lifestyle-Magazin «Pen» hat über die ungewöhnliche Agentur bereits berichtet. Diana Briant ist von ihrem Erfolg überwältigt: «Ich kann eigentlich gar nicht fassen, was hier alles abläuft.»

 
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