Fritten-Debatte: 

netzeitung.deKarneval gegen «McDoof»

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Rechts geht's zu Lidl - und demnächst zu McDonald's (Foto: Ronald Düker<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Rechts geht's zu Lidl - und demnächst zu McDonald's
Foto: Ronald Düker
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Manch einer in Berlin-Kreuzberg fürchtet bereits den Niedergang seines Viertels: McDonald's kommt. Warum die Aufregung? fragt Ronald Düker . Burger King gibt es dort längst.

Worum geht es eigentlich beim Streit um die Eröffnung der ersten McDonald's-Filiale im Berliner Stadtteil Kreuzberg? Die Zeitungslektüre der letzten Tage erzeugt ein Bild verhärteter Fronten. Auf der einen Seite Kreuzberger Politaktivisten aus dem Umfeld der Grünen. Sie haben sich mit Anwohnern und Vertretern des benachbarten Oberstufenzentrums solidarisiert.

Ihr Ziel: die Schüler sollen auch weiterhin die, wie es heißt, gute und gesunde Schulkantine frequentieren und sich nicht nebenan mit billigen aber ungesunden Big Macs verpflegen. Von vereinzelten Schülern selbst ist hingegen zu hören, dass sie sich schon auf den Burger in der Pause freuen. Es mangelt ihnen offenbar noch an Bewusstsein für verantwortungsvolle Ernährung.

Die Banlieue mitten drin
Auf der anderen Seite stehen McDonald's selbst und die Behörden. Diese haben nun schließlich zugelassen, dass der Konzern sein Grundstück an der Kreuzung von Wrangel- und Skalitzerstraße, das er bereits vor Jahren der Deutschen Post abgekauft hat, nun auch bebauen will. Ein Imbiss mit hundert Sitzplätzen ist hier geplant und ein angeschlossener Drive-In mit Ausfahrt zur Skalitzerstraße.

Und dann sind da noch jene Kommentatoren, die den Protest als willkommenen Anlass nehmen, anhand des bereits überregional bekannten Wrangelkiezes einmal wieder das Bild eines bedenklichen Problemviertels auszumalen. Es ist ja noch gar nicht lange her, als eine Drängelei türkischer Anwohner gegen Berliner Polizeibeamte die Kulturkämpfer in den Feuilletonredaktionen alarmierte. Die Gegend, so hieß es damals, sei endgültig zum Ghetto verkommen. In etwa so gefährlich wie die Pariser Banlieus, nur leider nicht am Stadtrand, sondern mitten drin im hauptstädtischen Zentrum.

Esst mehr Fett!
Wenn aber auch der Ort derselbe geblieben ist, unterscheidet sich nun doch das Feindbild. Und mit ihm die gewünschte Stimmungslage. Während vor gewaltbereiten und integrationsunwilligen türkischen Fundis die blanke Angst geschürt werden sollte, können deren Nachbarn, die friedlichen «Ökospießer» (Ulf Poschhardt), gegen die es nun gehen soll, schließlich kaum einen unbescholtenen Spaziergänger ins Bockshorn jagen. Übrigens: hatte nicht Poschardt gerade erst über die Verfettung der Deutschen geklagt, eine gesündere Ernährung angemahnt, und andernfalls ein Überdenken von staatlicher Unterstützung für unverbesserliche couch potatoes angeregt?

Den so genannten Ökos wird nun jedenfalls vorgeworfen, genau da auf der Bremse zu stehen, wo das strukturschwache Berlin mit frohen Hoffnungen in die Zukunft einer ebenso lukrativen wie globalisierten Konsumoberfläche aufbricht. Rückständigkeit, so lautet also der Hauptpunkt der Anklage – Provinzialismus und dumpfe Amerikafeindlichkeit aus den längst überholten Zeiten des kämpferischen Antiimperialismus.

Weltstadt durch McDonald's?
Folgerichtig fordert ein Blogeintrag auf der Internetausgabe von «Vanity Fair», dass die «zugereisten Hannoveraner, Stuttgarter und Kasseler» von ihrer «Kreuzberger Kitsch-Idylle» ablassen, ihr «Provinztheater» in ihrer Heimat aufführen und «uns wenigstens kurzzeitig mal das Gefühl geben» sollten, «Berlin sei eine Weltstadt». «Die endgültige Amerikanisierung Deutschlands», so heißt es weiter, «das ist unser Auftrag.»

Man wird den Autor dieser Zeilen fragen dürfen, ob er mal selbst im Wrangelkiez gewesen ist. Am Wochenende, so gegen Mitternacht in irgendeiner Kneipe auf der Schlesischen Straße. Und wie er da die vielen Amerikaner übersehen konnte, die vor und hinter der Theke diese Szene bespielen und ganz offensichtlich die modischen Standards der Gegenwart setzen.

Wenn es in Berlin derzeit eine Gegend mit weltstädtischer Atmosphäre gibt, dann macht sie ein Hippnessscout eines jeden Life-Style-Magazins wohl gerade hier aus. Jedenfalls hat der Musikkonzern «Universal» wohl nicht grundlos am Rand des Wrangelkiezes Quartier bezogen und auch die Modelabels, Architektur- und Designbüros, die hier die Straßen säumen, sind kaum gekommen, um in die Aura einer schwäbischen Landkommune einzutauchen.

Die Burger-Hölle
Die tatsächlichen Konflikte des Wrangelkiezes sind die Konflikte einer jeden Gentrifizierung – das ist in Kreuzberg nicht anders als am Berliner Kollwitzplatz, in London, Barcelona oder Istanbul. Durch steigende Mieten und ein sich veränderndes Stadtbild reißt da wird dort die finanzielle und soziale Kluft zwischen den eingesessenen Anwohnern und den Hinzugekommenen auf.

McDonald's wird nicht die Instanz sein, die Kreuzberg künftig ein weltstädtisches Flair verleiht. Auch wird McDonald's nicht zur Gentrifizierung beitragen, denn es ist wohl eher eine Armenküche als ein Delikatessenbistro. Und es ist auch sehr die Frage ob McDonald's nun die Apokalypse eines ganzen Viertels einläuten wird – dann sollte immerhin der Rest der Stadt, wo ja schon überall labbrige Burger gebraten werden, längst in der Hölle leben.

Karneval gegen McDoof
Wer sich die inkriminierte Baustelle zumindest in diesen Tagen anschaut, sieht noch keine Flammen lodern. Hinter dem gerade erst errichteten Holzzaun, der nun ein ohnehin sehr kleines Schild verdeckt, das auf das Bauvorhaben verweist, schaufelt gemütlich ein Bagger durch den Sand.

Ein viel größeres Schild weist den Weg zum nächsten Lidl. Was hat eigentlich McDonald's, frage ich mich, was Lidl nicht auch hat? Vor dem Zaun zwei träge Herren vom Wachschutz. «Mit denen kann man eigentlich ganz gut reden» erzählt mir eine Aktivistin der Initiative «Kein McDoof in Kreuzberg», die hier auch unterwegs ist und mich, der Kamera wegen, sofort als Journalisten ausgemacht hat.

Sie findet außerdem, dass es keinen Sinn hat, den Zaun zu beschmieren oder anderswie handgreiflich zu werden. Beim anstehenden «Karneval der Kulturen» will man den Protest gegen McDonald's in Kreuzberg aber noch stärker publik machen. Und heute trifft man sich um 16 Uhr bei den «Grünen» in Dresdner Straße. Ob ich nicht auch kommen will.

Ein Herz für Fensterputzer
In der Schlesischen Straße läuft mir nach einer Ewigkeit mal wieder mein alter Freund David über den Weg. Und als alte Ökospießer bestellen wir eine Bionade. Ich frage ihn, ob er nach Heiligendamm fährt zum Demonstrieren. David winkt ab. Er war damals beim G8-Gipfel in Genua. Seitdem hat er kein besonderes Interesse mehr an Gruppenunterbringungen in Grundschulen.

Und obwohl er nur 200 Meter von der geplanten McDonald's-Filiale entfernt wohnt, ist ihm die Sache eigentlich herzlich egal. Er erzählt mir, dass er ab und zu mal ein Milchshake bei Burger King trinkt. Trotz der beschissenen Arbeitsbedingungen da. Man muss dazu wissen: Kreuzberg mag bislang ein McDonald's-freier Bezirk sein – Burger King gibt es aber längst schon, zum Beispiel in der Yorckstraße. Die einen grillen, die anderen braten, das ist der ganze Unterschied.

David findet, dass die Aktivisten ruhig mal ein bisschen weiter über den Tellerrand gucken könnten. «Die kümmern sich einfach nicht ums große Ganze.» Es sei denn, man betrachtet eine Fast-Food-Kette immer schon gleich als Vorposten des Weißen Hauses. Und er weiß auch, wer vom Imbiss im Wrangelkiez profitieren wird. Die Autofensterputzer, die da sowieso schon jetzt an der Ampel stehen. Auch kein leichter Job.