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Sind wir nicht Pop, Leute? Die RAF auf der Bühne. (Foto: Declair<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Sind wir nicht Pop, Leute? Die RAF auf der Bühne.
Foto: Declair
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Das Theatertreffen hat die erste Runde hinter sich und schon zeichnet sich ein neuer Trend ab. Nur müde im Sessel versinken, war gestern. Heute ist Mitmachen schwer angesagt, bemerkte Matthias Ehlert .

Vor fünf Jahren war ich fast jede Woche mehrmals im Theater. Das hatte in erster Linie berufliche Gründe, aber es machte auch Spaß. So wie andere nach der Arbeit in ihre Stammkneipe fallen, hetzte ich zu Premieren und traf dabei meist die gleichen Leute. Kritiker wie ich, ein paar Größen des Berliner Kulturlebens, besessene Bühnenliebhaber. Man schaute Shakespeare, Tschechow, Schiller, die Drehbühne drehte sich und hinterher trank man noch ein Glas Wein und verteilte Pünktchen, von plus drei (dreimal gelacht = herausragend) bis minus drei (dreimal eingeschlafen = uninteressant).

Dann änderte sich mein Leben schlagartig. Ich verließ die Stadt und beschäftigte mich mit anderen Dingen. Das Theater vergaß ich sofort. Aus der Ferne drangen noch manchmal Namen und Ereignisse zu mir - aber das war so wie von ehemaligen Kollegen zu hören: «Ach, der macht jetzt das, soso.»

Und plötzlich dieses Angebot der liebenswürdigen Frau Engelbrecht: Karten fürs Berliner Theatertreffen! Die einmalige Chance, wieder auf den neuesten Stand zu kommen und alte Bekannte zu treffen. Warum eigentlich nicht?

Samstag, Eröffnung. «Ulrike Maria Stuart» vom Thalia Theater Hamburg. Der alte Schiller-Stoff kurzgeschlossen mit der RAF-Geschichte. Natürlich hochbrisant wegen der gerade wieder anschwellenden Debatte. Brigitte Mohnhaupt und Horst Köhler sind nicht gekommen, dafür der Berliner Bürgermeister Wowereit. Einen Tag zuvor beim Filmpreis wurde ihm die Hauptrolle für «Die Päpstin» angetragen, diesmal darf er sich als in Pappe nachgebildeter Vertreter des Schweinesystems selbst mit Wasserbeuteln bewerfen. Wowereit, ein bekannt unerschrockener Theatergänger, trägt es natürlich mit einem breiten Knuddelgrinsen. Roland Koch, den man auch umschmeißen konnte, wäre sicher gegangen.

Das Stück ist eine abwechslungsreich vor sich hin plätschernde Revue. Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin kämpfen um den einzig rechten Weg und um Baader, den einzigen richtigen Mann mit dem begrenzten Wortschatz, was Frauen anbetrifft. Thema ist also nicht nur die RAF, sondern auch die Geschlechterfrage, die der Autorin Elfriede Jelinek seit jeher am Herzen liegt.

An Haltung kommt herüber: Die RAF war irgendwie cool (Lederjacken, Sonnenbrillen, Action), aber natürlich auch brutal und kalt(Mensch oder Schwein, das ist die Frage). Sie war ideologisch wirr (Felder in Hochhäusern?), aber dafür sehr entschlossen. (Man muß ein Beispiel geben!) Und sie war selbstgerecht und selbstmitleidig bis zur Unerträglichkeit, was vielleicht der interessanteste Aspekt von Nicolas Stemanns Generationenabrechnung und Gespensteraustreibung ist.

Am Arsenal theatralischer Mittel scheint sich in den letzten fünf Jahren nicht viel geändert zu haben. Es gibt Videobilder in Großaufnahme, schöne Gesangseinlagen, gruppenorgiastische Ausraster mit Ketchup und Schokosauce und das technische Wunder der Drehbühne zu bestaunen. Wieder in Mode gekommen scheint das Mitmach-Theater – wie bereits erwähnt durften auch die Zuschauer mit Wasserbeuteln das Schweinesystem bekämpfen oder unter Plastikfolien enger zusammenrücken.

Edel- statt Ekeltheater will das Festival in diesem Jahr zeigen – hier sieht man gelungenes Einfallstheater. Die besten Gags gehen auf Kosten von Stefan Aust, Bernd Eichinger und Elfriede Jelinek, die in einem aufgeschlitzten Kunstpelz wienerische Vagina-Monologe hält. «Ist ja lustiger als Fernsehen!», meint hinterher ein Zuschauer.

Kulturanwalt Peter Raue, verlässliches Westberliner Geschmacksbarometer, hat es gar nicht gefallen. «War das schrecklich!», zeigt er sich noch einen Tag später im Gorki-Theater empört. Und: «Heute soll alles besser werden.»
Gezeigt wird «Die Leiden des jungen Werther», Regie: Jan Bosse, wahrscheinlich der heimliche Star dieses Festivals. Bosse gilt als Mann der Mitte, einer der sowohl bei Peter Raue als auch jungen Schauspielschülerinnen punkten kann. Es fängt grandios puristisch an – mit einem komplett liebesbekoksten Werther (Hans Löw) und seiner sehr patenten Lotte (Fritzi Haberlandt)und flüchtet sich dann doch wieder in zuviel Anbiederei und Klamauk. („Hmm, Werthers Echte.“)

Auch hier ganz klar im Trend: Mitmach-Theater. Schauspieler, die inkognito im Publikum sitzen – altbewährt, aber ok. Ein riesiger Spiegel auf der Bühne, der erbarmungslos jeden Theaterschläfer an den Pranger stellt und Vergleichsstudien der Berliner Kulturhierarchie erlaubt – schon besser. Neu und so noch nie gesehen – die mitspielende Souffleuse. Ich hatte mich die ganze Zeit gefragt, wer die Frau mit der beeindruckenden blonden Turmfrisur in der ersten Reihe wohl sei, bis sie dann mit ihrem Textbuch aufstand und ohne das kleinste Flattern in der Stimme einfach mitmachte. Hinterher wollte ich ihr dafür einen Strauß roter Rosen schicken, aber ihr Name stand nicht mal im Programmheft. Für mich der erste große Skandal dieses Theatertreffens.



Für das Web ediert von Matthias Ehlert