Limbus:
Vatikan verabschiedet sich sanft von der Vorhölle
Die andere handelt von der «Vorhölle», dem «limbus infantium vel puerorum», in dem sich die Seelen ungetaufter Kinder aufhalten. Das lateinische «limbus» bedeutet «Rand» oder «Saum». Im Limbus leiden die Seelen keine Höllenqualen, sondern befinden sich in einem ewigen Zustand wahrer und natürlicher Glückseligkeit, aber sie können niemals den Zustand der Gottesnähe oder Gottesschau erreichen. Der Limbus ist allerdings nie eine definierte Glaubenswahrheit gewesen, sagte Joseph Ratzinger bereits vor zwanzig Jahren.
Ein besonders gewitzte Interpretation besteht unter katholischen Theologen schon seit Jahren darin, die Existenz des Limbus zwar anzunehmen, aber dann zu vermuten, dass er irgendwann leer sein werde, weil alle dort befindlichen Seelen schließlich doch in den Genuss der Gnade kommen.
Ob dem tatsächlich so sei, bleibe dennoch ungewiss. Es gebe gute Gründe zur Hoffnung, dass auch die ungetauften Kinder errettet werden, von sicherem Wissen könne jedoch keineswegs gesprochen werden. Davon abgesehen sind die Statements der Kommission weder bindend, noch Bestandteile der Lehre, werden aber oft als Grundlage für spätere offizielle vatikanische Verlautbarungen herangezogen.
Die Kommission berichtet über verschiedene Annahmen, die ihre Auffassung bestätigen könnte. Zum einen könne es eine rettende Übereinstimmung sterbender und leidender Kinder zu Christus in seinem eigenen Tod geben. Des weiteren sei eine Verbundenheit mit Christus unter kindlichen Opfern von Gewalt denkbar. Schließlich könne Gott das Gnadengeschenk der Errettung, das er durch das Sakrament den Getauften gibt, auch einfach an ungetaufte Babys reichen.
Drängend sei das Problem, weil die Zahl ungetaufter Kinder stetig steige. Auch habe man bei den Beratungen die Situation abgetriebener Föten im Blick gehabt.
Im 21. Jahrhundert schickt sich der Vatikan also an, dem universellen Charakter von Gottes Gnade den Vorrang über lange umstrittene Lehrkonzepte zu geben, die Ausnahmen von dieser Universalität konstruierten. Auch für Nichtchristen besteht demnach Hoffnung, in den Kreis der Geretteten aufgenommen zu werden.
