Cormac McCarthy: 

netzeitung.deDer brutalste Roman aller Zeiten

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Cormac McCarthy (Foto: Derek Shapton<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Cormac McCarthy
Foto: Derek Shapton
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Cormac McCarthy hat für seinen neuen Roman «Die Straße» den renommierten Pulitzer-Preis erhalten. Zu Recht: Nie zuvor war Literatur so grausam, meint Maik Söhler .

In der nordamerikanischen Literatur der Gegenwart mangelt es nicht an Schriftstellern, die das Dunkle, Abgründige und Inhumane formal, ästhetisch und inhaltlich gut zu literarisieren wissen. Denis Johnson, Bret Easton Ellis und James Ellroy sind wohl die bekanntesten von ihnen. Auch von Cormac McCarthy wusste man schon länger, dass Grauen, Gemetzel und Depression zu seinen bevorzugten Sujets gehören. Seine Romane «Draußen im Dunkel» (1968), «Verlorene» (1979) und «Die Abendröte im Westen» (1985) sind bleibende Monumente der Düsternis.

73 Jahre alt musste McCarthy werden, um endlich die wichtigste amerikanische Literaturauszeichnung, den Pulitzer-Preis, zu bekommen. Alle anderen renommierten Preise seines Landes hat er schon. 1933 wurde er als Charles McCarthy in Rhode Island als eines von sechs Kindern einer katholischen Familie geboren. Dann gab er sich in den sechziger Jahren nach einer Irland-Reise seinen neuen Vornamen Cormac – nach dem gleichnamigen irischen König Cormac McCarthy. Erste Storys erschienen Ende der fünfziger Jahre, in den Sechzigern folgten zwei Romane. Insgesamt sollten es zehn werden.
Extrem scheu
Doch erst in den Neunzigern wurde McCarthy so richtig bekannt – dank seiner «Borderline»-Trilogie, also den drei zwischen Texas und Mexiko spielenden Romanen «All die schönen Pferde», «Grenzgänger» und «Land der Freien», die allesamt Bestseller wurden. Derzeit versuchen sich die Coen-Brüder an einer Verfilmung seines vorletzten Romans «No Country for Old Men» (2005, auf Deutsch noch nicht erschienen).

Der in El Paso, Texas, lebende Autor gilt als extrem scheu. Selbst auf der Website der offiziellen Cormac McCarthy Society heißt es knapp und resigniert: «Außer ein paar Kleinigkeiten (sein Lieblingsroman ist Melvilles Moby-Dick; er zeigt kein Interesse an der Arbeit von Henry James; er mag es nicht, über das Schreiben zu sprechen etc.) ist das mehr oder weniger alles, was wir über Cormac McCarthy wissen.» Interviews mit ihm kann man an einer Hand abzählen. Die TV-Talkmasterin Oprah Winfrey soll bald die Ehre haben, das erste Fernsehinterview führen zu dürfen.

Sie haben nichts
McCarthy erhielt den Pulitzer-Preis nicht für sein erstaunliches Lebenswerk, zu dem neben den Romanen auch zahlreiche Theaterstücke und Drehbücher gehören. Der Preis gilt allein seinem jüngsten Buch. Es heißt «Die Straße», wurde in den USA 2006 und in Deutschland vor ein paar Wochen veröffentlicht.

«Die Straße» ist ein umwerfender, zutiefst verstörender und unfassbar grausamer Roman – vom Umschlagbild über den Klappentext bis hin zur Sprache, Struktur, Ästhetik und dem Inhalt der Geschichte. Der Klappentext, vermutlich von McCarthy selbst verfasst, lautet: «Ein Vater und sein Sohn wandern durch ein verbranntes Amerika. Nichts bewegt sich in der zerstörten Landschaft, nur die Asche im Wind. Es ist eiskalt, der Schnee grau. Ihr Ziel ist die Küste, obwohl sie nicht wissen, was sie dort erwartet. Sie haben nichts als einen Revolver mit zwei Schuss Munition, ihre Kleider am Leib, eine Einkaufskarre mit der nötigsten Habe – und einander.»

Bittere Kälte
Karger geht es nicht, und doch ist damit vieles von dem vorweggenommen, was uns auf den folgenden 250 Seiten niederdrücken wird. Eine Katastrophe hat stattgefunden, welcher Art sie war, werden wir ebenso wenig erfahren wie die Namen von Vater und Sohn oder andere Anhaltspunkte, die helfen könnten, irgendwen oder irgendwas in Zeit und Raum zu identifizieren.

Was wir erfahren, ist, dass die Sonne nicht mehr scheint, bzw. dass ihre Strahlen den stets düsteren, von Nebel, Regen, Schnee, Asche und Staub erfüllten Himmel nicht durchdringen können. In dieser Welt, geprägt von bitterer Kälte, Lichtmangel und brennenden oder schwelenden Waldresten, bewegen sich Vater und Sohn, immer Richtung Süden.

Herz aus Stein
Die Katastrophe liegt schon länger zurück, die beiden Flüchtlinge können also nicht darauf hoffen, in den Ruinen der Städte und Dörfer Lebensmittel, Kleidung oder Decken zu finden – vor ihnen waren schon tausend andere da und haben alles mitgehen lassen, was nützlich sein könnte. Vater und Sohn sind auf sich allein gestellt, da die meisten anderen Überlebenden sich in Banden und marodierenden Haufen zusammengetan haben und Jagd auf andere Mernschen machen, weil diese in einer Welt ohne Lebensmittel Nahrung darstellen.

Wenn sich Vater und Sohn mal unterhalten, klingt das so: «Darf ich dich mal was fragen? – Ja. Natürlich. – Was würdest du machen, wenn ich sterben würde? – Wenn du sterben würdest, würde ich auch sterben wollen. – Damit du mit mir zusammen sein kannst? – Ja. Damit ich mit dir zusammen sein kann. – Okay.» All das gesprochen in einer Atmosphäre, in der «alles aus seiner Verankerung gelöst» ist. «Ohne Halt in der aschenen Luft. Getragen von einem Atemhauch, zitternd und kurz. Wenn nur mein Herz aus Stein wäre», heißt es in einem inneren Monolog des Vaters.

Das nackte Grauen
Aber das Herz ist lebendig, beide versuchen Menschen zu bleiben, zu überleben, ohne andere zu töten und zu essen, und zu einem Ziel zu gelangen, das mit Hoffnung assoziiert ist, obwohl ansonsten alles in diesem Buch von der Abwesenheit der Hoffnung geprägt ist. Das ist das eigentlich Grausame an «Die Straße», und es stellt die vielen furchtbaren Passagen über Kannibalismus, Morde, Folter, Sklaverei, Vergewaltigungen sowie Hunger und Durst bei weitem in den Schatten.

Sieht man von den eindringlichsten Romanen über die Shoah ab, so hat Cormac McCarthy wohl den grausamsten Roman aller Zeiten geschrieben. Das nackte Grauen springt uns von jeder einzelnen Seite an, und wo es einmal anders ist, wartet man nur darauf, dass das Entsetzen erneut anfängt – noch tiefer als beim letzten Mal, in seiner Bedrohlichkeit und Gewalt noch einmal exponenziert. Dafür hat McCarthy den Pulitzer-Preis verdient. Und den Literatur-Nobelpreis gleich dazu.

Cormac McCarthy: Die Straße. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt, Reinbek 2007. 256 Seiten, 19,90 Euro.