Sven Regener: Wir wollen Distanz wahren (II)
05.04.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Ja, gerne.
Netzeitung.de: Warum heißt es in einem Song, «Wo Deine Füße stehen, ist der Mittelpunkt der Welt»?
Ja, warum denn nicht. Weil es richtig ist und weil es zu demjenigen gehört, dessen Rolle er einnimmt.
Netzeitung.de: Das ist der einzig wahre Mittelpunkt, oder?
Das kann man so sehen, das kann man aber auch anders sehen. Das hängt von den Menschen ab. Es muss ja nicht für jeden gelten. Es ist ein guter Text, weil man sich vorstellen kann, was wäre, was dahinter stecken könnte und es ist ein gutes Bild mehr nicht. Ich habe keine didaktischen Absichten und möchte niemanden bekehren und missionieren. Das finde ich absolut abstoßend. Wir möchten die Leute bloß glücklicher machen. Sie sollen zu einem Konzert gehen und wenn sie nachher glücklicher wieder hinausgehen, dann war es ein gutes Konzert. Die Zuschauer sind absolut frei und als Künstler sollte man das auch begreifen. Das ist alles, worum es geht. Als Künstler hat man viel, viel weniger Einfluss als die meisten denken.
Und die künstlerische Welt ist eine andere als die reale; man weiß nie, warum etwas so ist, wie es ist. Warum gefällt uns ein E-Dur-Akkord, was mögen wir daran? Warum gefällt uns die eine Melodie und eine andere nicht?
Netzeitung.de: Warum?
Ja, das ist ja das Interessante daran; man weiß es nicht. Dann könnte man es ja lernen und einen Baukasten bauen. Das geht aber leider nicht. Das ist das, was uns alle bei der Stange hält.
(Längeres Schweigen, nächste Zigarette)
Haben Sie noch Fragen?
Netzeitung.de: Ja, wie reagieren Sie auf Ihre Hörer?
Gar nicht. Wir sind keine Freunde des Interaktiven. Wir beantworten keine Briefe oder erfüllen Musikwünsche. Das ist nicht unser Ding. Wir spielen die Musik, geben alles, was wir können und gehen nach Hause. Schluss.
(Langes Schweigen)
Ja, ich meine, INTERVIEW, Frau Weiss! Haben Sie noch Fragen?
Netzeitung.de: Entschuldigung. Ich würde gerne noch mal auf konkrete Texte kommen. Nehmen wir doch mal «Still wird das Echo sein». Ist das eine Resignation oder eine Rache?
Was denken Sie?
Netzeitung.de: Ich muss ja sagen, dass ich es ungeheuer tröstlich finde.
Das ist gut. Das ist eine gute Sache. Dafür ist Musik ja da. Was es genau ist, ist völlig egal, es spielt keine Rolle, es ist nur ein Angebot.
Netzeitung.de: Was könnte die Leser noch interessieren? Was glauben Sie?
Keine Ahnung. Das ist doch nicht meine Aufgabe, das ist doch Ihre Aufgabe. Daher bitte weiterfragen!
Netzeitung.de: Okay, okay...wie lang haben wir noch? Zehn Minuten?
Ja.
Netzeitung.de: Es ist jetzt ein wenig schwierig, weil meine ganze Argumentationsstruktur darauf aufgebaut hat.
Worauf denn? Was wollen Sie denn jetzt wissen?
Netzeitung.de: Also, ich habe das Gefühl, dass über Ihre Musik etwas transportiert wird, was gerade absolut unserer Zeit entspricht.
Ja, das ist ja interessant, aber das kann ich schlecht beurteilen. Es kann sein, es kann nicht sein. Wenn Sie dieses Gefühl haben, dann werden Sie dafür Argumente haben. Dann müssen sie suchen, aber bei mir werden Sie keine finden. Ich kann auch nicht sagen, meine Musik ist im Moment die Musik zur Zeit wie z.B. die Spex das im Untertitel hat. Sowas ist immer eine subjektive Angelegenheit und ich weiß nicht, ob man objektive Gründe dafür anfügen kann.
Mir ist das auch wurscht. Ich mache das seit über zwanzig Jahren. Mir ist es völlig egal, ob wir den Nerv der Zeit treffen. In einem Jahr ist es mit diesem Nerv vielleicht vorbei oder ganz anders und was dann? Die Kunst bleibt, hoffentlich.
Netzeitung.de: Ich muss jetzt mal sehen, was ich aus diesem Gespräch mache. Wie viel Freiheit lassen Sie denn den Rezipienten?
Da kann ich mich nur wiederholen jede Freiheit. Was soll ich denn sonst machen, ich kann doch niemanden mit Handschellen fesseln und sagen, hör Dir das an. Das hieße ja mit kunstfremden Mitteln die Menschen in Geiselhaft nehmen für die Kunst. Das macht keinen Sinn und funktioniert nicht.
Netzeitung.de: Ja, ja, habe schon verstanden. (Kleines Schweigen)
Also, könnten Sie sich darin wiederfinden, wenn ich schreibe, dass es ein kollektiver Subjektivismus ist, der bei Ihnen rüberkommt?
Netzeitung.de: Kollektiver Subjektivismus? Vielleicht. Wenn ich es noch begründen könnte?
Ich weiß nicht, ob man es begründen muss.Ich glaube, 1984 oder 1985 habe ich mein Musikwissenschaftsstudium abgebrochen, weil mich das nicht interessiert hat. Der Versuch sozusagen was Weiches hart zu machen, Kunst zu objektivieren. Das ist nicht mein Ding. Auf der anderen Seite darf, kann und muss mir das scheißegal sein. Das sehen allerdings, zugestandenermaßen, viele Künstler anders und die haben sicher auch gute Gründe dafür.
Netzeitung.de: Ok, also, dann lassen Sie mir die Freiheit, es zu interpretieren?
Na, klar. Das habe ich und die ganze Band immer getan.
Netzeitung.de: Übrigens gab es gestern auf dem Konzert keinen Rotwein.
Nö, das muss ja auch nicht. Das ist Sache des örtlichen Gastronomen. Vielleicht auch besser so, weil der Rotwein, der bei solchen Konzerten ausgeschenkt wird, oft nicht der Beste ist.
Netzeitung.de: Ja, das stimmt. Aber wir waren ja in Mainz.
Das ist ein Argument, aber man kann sich in der Regel auf ein Flaschenbier besser verlassen.
Netzeitung.de: Vielleicht darf ich Ihnen zum Schluss noch meine Intentionen für dieses Interview verraten, das ich ausschließlich nach dem Lustprinzip geführt habe.
Ja, gerne.
Netzeitung.de: Wenn ich am Rechner sitze und mich mit Erkenntnisgewinn und Wissenstransfers beschäftige, dann höre ich Ihre Musik und denke, da ist jemand, der es verstanden hat, durch das Medium Musik mich wissenschaftlich zu bestätigen und das tröstet mich.
Das ist ja auch schön, das ist eine feine Sache. Bloß, äh... äh... hat das vielleicht mehr mit Ihnen zu tun und mit der Musik, als mit dem was wir tun und was wir vorhaben.
Netzeitung.de: Ja, ja ich verstehe schon, ich wollte Ihnen nur sagen, was mein Deutungsangebot ist und Sie fragen, ob Sie das Gefühl haben, hiermit missbraucht oder falsch verstanden zu werden.
Nein.
Netzeitung.de: Ich glaube, wenn man sich gerade Paradigmen in der Wissenschaft anschaut, dann gelangt man zu einer akteursorientierten, subjektorientierten Sichtweise.
Zu welcher Sichtweise?
Netzeitung.de: Zu einer am Phänomen Mensch orientierten, subjektorientierten Sichtweise, weil Erkenntnis nur noch aus der Perspektive des Menschen erschlossen werden kann und demnach Sinngebung auf individueller, aber gleichsam kollektiv-subjektiver Ebene stattfindet, wenn ich mir einfach mal anmaßen darf, das so zu behaupten.
Ja, schön.
Netzeitung.de: Ist das legitim?
Ja, natürlich ist das legitim, weil es da nichts Illegitimes gibt.
Netzeitung.de: Können Sie sich darin wiederfinden?
Nein, nein, warum soll ich mich darin wiederfinden?
Netzeitung.de: Ich versuche das jetzt mal zu Verschriftlichen.
Viel Glück!
Mit Sven Regener sprach Stephanie Weiß.
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