09. Apr 2007 09:34
Sven Regener lässt am liebsten seine Werke sprechen.
konnte den Musiker und Autor dennoch zu einem Gespräch überreden.
Netzeitung.de: Herr Regener, ich werde versuchen, meine Fragen nicht zu abgehoben zu formulieren. Ist das in Ordnung?Sven Regener: Sie können mir auch intellektuelle Fragen stellen. Jeder, wie er möchte.
Netzeitung.de: Gut. Mit wem teilen Sie sich Ihr Gehirn?
Regener: Mit niemandem. Warum auch, ich bin skeptisch gegenüber Menschen, die sich mit jemandem das Gehirn teilen.
Netzeitung.de: Verstehe. Ich teile nämlich mein Gehirn mit Frau Juliane.
Regener: Aha.
Netzeitung.de: Ich war gestern auf dem Element of Crime-Konzert in Mainz und habe das Publikum ein wenig beobachtet. Warum glauben Sie, haben Sie Zuhörer jeden Alters, gerade jüngere?
Regener: Die Leute, die Sie Zuhörer nennen, mögen einfach die Musik, das ist ja auch nicht weiter verwunderlich. Ich mag sie ja auch. Die Frage habe ich mir nie gestellt. Man hofft, dass es Leute gibt, die darauf abfahren und sie die Musik mögen, aber warum das so ist, weiß ich nicht, interessiert mich auch nicht.
Netzeitung.de: Darf ich ein paar Erklärungsversuche anbringen und Sie sagen einfach, ob sie stimmen oder nicht?
Regener: Ja, klar.
Netzeitung.de: Sie bekommen es hin, im «mono-gerichtete» Medium Musik einen Dialog zu erreichen, und zwar einen Dialog des Zuhörers mit sich selbst.
Regener: Ich weiß nicht, ob ich das erreiche. Das ist nicht meine spezielle Absicht. Ich glaube aber, dass viele Texte, die wir machen, dialogisch sind. Man bekommt zwar nur einen Teil des Dialoges mit, aber es hat Dialogcharakter. Es ist wie bei einem Telefongespräch, das man mithört. Man kann sich die andere Seite zusammenreimen.
Netzeitung.de: Wenn ich Ihre Musik höre, habe ich immer das Gefühl, es kommt eine Art «kollektiver Subjektivismus» rüber.
Regener: Das kann ich nicht beurteilen, das weiß ich nicht.
Netzeitung.de: Ich sage das, weil Ihre Hörer nun mal so verschieden sind.
Regener: Element of Crime hat nie Musik für eine bestimmte Zielgruppe gemacht und wir haben uns auch keine Gedanken darüber gemacht, ob wir für eine heterogene Zuhörergruppe spielen.
Netzeitung.de: Ein weiterer Erklärungsversuch: Sie schaffen es, mit einer schweren Leichtigkeit oder leichten Schwere aktuelle Befindlichkeiten zu treffen.
Regener: Das Wort Befindlichkeit finde ich gar nicht gut.
Netzeitung.de: Ist Zeitgeist besser?
Regener: Nein.
Netzeitung.de: Hm (Schweigen)
Regener: Also, wir machen das seit über zwanzig Jahren, sind ja auch nicht unerfolgreich. Ob das jetzt gerade einen speziellen Zeitgeist trifft, weiß ich nicht. Es gab Popularitätssprünge bei der Band und Zeiten, wo man mehr Aufmerksamkeit erregte und Zeiten, wo man weniger Aufmerksamkeit erregte. Man kann das weder wissen, noch planen. Im Augenblick läuft es sehr, sehr gut.
Es ist ansonsten gar nicht gut für einen Musiker, sowas zu hinterfragen; was bringt das denn? Man kann nur hoffen, dass die Leute es hören und damit was anfangen können.
Und was heißt schon aktuelle Befindlichkeiten? Ich glaube nicht daran, dass die Leute gerade so drauf sind oder so. Ich halte davon überhaupt nichts. Musik ist immer nur Minderheitensache, selbst wenn man eine Million Platten verkauft, erreicht man gerade mal 1,25 Prozent der Bevölkerung. Es ist ja nicht so, dass es einen großen Konsens gibt, und das wären dann sicher auch nicht wir, wo die Hälfte der Bevölkerung darauf stehen würde. Man kann nicht sagen, dass Musik eine so große gesellschaftliche Bedeutung hat. Das ist oft Hybris bei Musikern, wenn sie das so sehen.
Netzeitung.de: Wie bekommen Sie es hin, authentisch zu bleiben?
Regener: Was heißt authentisch?
Netzeitung.de: Na, bei sich zu bleiben.
Das ist ein problematischer Begriff, und ich weiß nicht, ob wir das hin bekommen. Wir machen einfach Musik,. Man darf die Zuneigung der Leute zur Band und zur Musik nicht zu persönlich nehmen. Das hat etwas mit der Musik zu tun, nicht mit der Person. Das wäre eine Form von Prominenz, die wir gar nicht haben, die ich auch ablehne für mich, das will ich nicht.
Netzeitung.de: Das macht Sie ja gerade so sympathisch.
Regener: Es ist aber auch nicht unsere Absicht, sympathisch sein zu wollen. Wir möchten die Distanz wahren, und dann muss man seinem eigenen Wesen folgen, seinem eigenen Instinkt.
Netzeitung.de: Instinkt trifft es gut.
Regener: Ja, gut, dann Dankeschön, aber da kann ich nichts zu sagen. Es ist halt so wie es ist.
(Beide nehmen einen Schluck Kaffee resp. Tee.)
Wie begegnen Sie dem Fan-Rummel?
Regener: Das ist einfach zu beantworten: Ich gehe auf die Bühne und fange an zu spielen. Dann gehen wir wieder runter und sind weg. Das ist die einzig richtige Methode. Wir sind keine Typen für das Bad in der Menge. Und das wollen die Leute auch nicht.
Netzeitung.de: Andere Frage: Warum haben Sie keine Angst vor dem Pathos?
Regener: Warum sollte man das haben? Wir schreiben Songs. Wenn es um Gefühle geht, und das ist ja die Absicht der Kunst, dann soll man die Leute beim Gefühl packen. Gerade in der Musik.
Netzeitung.de: Ist das die Intention der Kunst?
Regener: Ja, selbstverständlich. Es geht um die Gefühle und, wie es bei Aristoteles in Bezug auf die Tragödie heißt, um das Jammern und Schaudern. Die Kunst ist dazu da, beim Zuhörer Jammern und Schaudern zu erwecken. Das ist die Aufgabe der Kunst. Wir haben keine Angst vorm Pathos, weil von Angst nichts Gutes kommt. Natürlich sagen manche Menschen, das oder das Lied ist zu kitschig oder zu übertrieben, und das ist auch deren gutes Recht. Es bringt aber nichts, den lauen Mittelweg zu wählen.
Netzeitung.de: Das ist aber mutig, oder?
Regener: Nein. Jeder Künstler, der etwas einigermaßen Gültiges schaffen will, tut genau das. Man darf es halt auch nicht zu persönlich nehmen. Es geht nicht darum, seine eigenen Gefühle zu zeigen - obwohl man natürlich welche hat, aber das heißt nicht, das sie genau in diesem Moment da sind. Es gibt Menschen, die glauben, dass es in der Kunst darum geht. Ich glaube das nicht. Ich glaube, es geht darum, das Jammern und Schaudern bei den Leuten zu erwecken.
Netzeitung.de: Sehen Sie sich dann eher als «Geburtshelfer» im Sinne von Josef Beuys? Geben Sie also den Menschen etwas auf den Weg, womit die dann tun können, was sie wollen?
Regener: Ja, das ist ja sowieso so. Man hat darauf keinen Einfluss. Kunst kennt keine Beipackzettel. Wenn man ein Kunstwerk schafft, dann kann man den Leuten nicht sagen, so oder so habt ihr es zu verstehen.