Rainer Langhans: 

netzeitung.deTherapiestation Talkshow

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Rainer Langhans (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Rainer Langhans
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Ehemalige RAF-Leute sollten in Talkshow-Gesprächen therapiert werden, fordert der ehemalige Kommunarde Rainer Langhans im Gespräch mit Netzeitung.de.

<Netzeitung.de: Sie haben Frau Mohnhaupt ein Schnupperpraktikum in Ihrem Harem angeboten, warum?

Rainer Langhans: Nur Peymann, der sich dafür auch beschimpfen lassen musste, hat das bisher gesagt: Dass man sich auch anders mit diesen Leuten beschäftigen sollte. Wenn die Gesellschaft sie länger einsperrt, als sie das mit anderen Leuten macht, die getötet haben, muss sie sich auch anders mit ihnen auseinandersetzen. Es reicht nicht zu sagen, die haben jetzt gefälligst zu Kreuze zu kriechen.

Ich bin sehr dafür, dass diese Leute auch in die Talkshows gehen, wenn sie freigelassen werden. Das werden sie vermutlich nicht ohne weiteres tun, weil sie sich dazu außerstande sehen – ich fände es aber wichtig. Denn diese Therapiestation Talkshow sollte doch für alle offen stehen und zu einem Gespräch führen auch mit diesen Menschen, damit sie wieder unter uns leben können. Denn so sind sie ja fast Verfemte, auch nach Verbüßung der Strafe.

Netzeitung.de: Antje Vollmer sagt, die Medien sollten auf Talkshows und Interviews mit den Freigelassenen verzichten, um sie nicht zu Stars zu machen.

Langhans: Sie hat insofern sicher Recht, als die Betroffenen dazu gar nicht geneigt sein werden, aber ich finde schon, dass man sie zu diesem Gespräch nötigen sollte, und ich kann Ihnen auch sagen warum: Auch wir haben damals unsere Eltern ganz massiv angegriffen, damit sie uns Auskunft geben über ihre Weltverbesserungshölle, die sie geschaffen haben – sie wollten ja was Nettes, und haben damit aber diese Hölle und den Massenmord geschaffen.

Sie wollten nicht mit uns darüber reden. Sie wüssten nichts, sie seien nicht, sie hätten nie. Und da haben wir gesagt: Ihr müsst darüber mit uns reden! Über die Fehler, die ihr gemacht habt und die Verbrechen, die begangen worden sind. Bis heute ist das unzulänglich geblieben. Und jetzt machen die RAF-Leute dasselbe.

Gerade, als diejenigen, die das von unseren Eltern verlangt haben, sollten sie das nicht wiederholen, sondern bereit sein, dieses Gespräch aufzunehmen, obwohl das verdammt schwer sein wird für alle Beteiligten. Das ist ja jetzt schon zu sehen.

Es gibt offensichtlich das starke Bedürfnis, diese schwierige, sehr negative Situation von damals zu verstehen, und ich denke, dass die RAF-Leute da eine Aufgabe haben und sich äußern sollten, obwohl sie sicherlich sehr gesprächsunfähig sind durch die lange Haftzeit und wohl kaum Möglichkeiten dazu hatten. Das hat man ja schon bei Christian Klar gesehen. Wir müssen das Gespräch suchen, aber nicht auf diese Weise: Schnauze halten, aber wir erregen uns dauernd über euch. Das war der Hintergrund für das Angebot an Brigitte Mohnhaupt.

Netzeitung.de: Sie sind vor kurzem mit Herrn Beckmann aneinandergeraten, weil Sie den Nationalsozialismus wie gerade eben als psychisches Massenphänomen beschrieben haben. Papa hatte nur die Wahl mitzulaufen oder sich erschießen zu lassen, sagte Beckmann. Warum hat er sich so aufgeregt?

Langhans: Weil das nach wie vor eine Erkenntnis oder eine Bewusstwerdung ist, die noch aussteht. Wir haben den Nationalsozialismus weiß Gott nicht bewältigt. Deswegen kommt auch immer wieder der rechtsradikale Kram hoch, der uns daran erinnert. Da fehlt die Erkenntnis noch immer, das konnte man bei Beckmann sehen, nämlich dass das ein massenmörderisches Feld war, wo auch derjenige, der nichts getan hat, an diesem Feld auf eine gewisse Weise sehr wohl beteiligt und damit auch mitschuldig war und hinterher nicht sagen kann: Der Hitler war's oder die paar Schweine, die dann gehängt wurden.

Es geht darum, was die Leute dazu gebracht hat, in dieser massenhaften Form Massenmorde zu begehen – und es waren ja fast alle, selbst diejenigen, die hinter vorgehaltener Hand dagegen waren oder weggeschaut haben. Auch sie bildeten das Feld. Ohne sie hätte man das auch nicht machen können. Wir müssen noch genauer herausfinden, was das war – wir wissen es noch nicht. Und wenn Beckmann das vorgehalten bekommt, dass das doch genau so war, dann schreit er natürlich auf, weil man das nicht sagen darf. Das dürfen wir noch immer nicht wissen.

Netzeitung.de: Mohnhaupt hat dieselbe Gesellschaft wie Sie angestrebt, nur mit den falschen Mitteln, sagen Sie: Wie sieht die bessere Gesellschaft heute für Sie aus?

Langhans: Das wäre etwas, worüber ich mit Brigitte Mohnhaupt reden könnte. Die Linken und auch die ehemaligen RAF-Leute sagen heute immer noch, es ist alles schlecht. Nichts ist mehr von damals übriggeblieben, noch ein bisschen Kultur, und die Frauen werden vielleicht nicht mehr so oft verprügelt. Aber: Kapitalismus entfesselt, Globalisierung und so weiter.

Ich sage etwas anderes: Nämlich, dass sich die Gesellschaft sehr wohl in eine bessere Richtung entwickelt hat. Noch pointierter: Die Kommune hat gewonnen. Die Politischen, zu denen auch die RAF gehörte, obwohl sie aus der Kommune hervorkam, haben verloren – auf der ganzen Linie. Alles, was wir uns damals nur vage vorstellen konnten, ist eingetroffen, zum Beispiel bei den Jungen im Netz. Wenn man sich Second Life ansieht, dann sieht das natürlich noch etwas comichaft und dürftig aus.

Wir wandern aus ins Netz, und dort passieren die Dinge. Dort ist das Geld fast nicht mehr da, dort gibt es den alten Kapitalismus nicht mehr, selbst wenn manche Leute das noch Aufmerksamkeitskapitalismus nennen. Das, was man die Anarchie des Netzes nennt, wird sich durchsetzen, die Virtualität.

Netzeitung.de: Das ist die alte Utopie des Netzes, die es schon seit Jahrzehnten gibt. Die ebenso alte Kritik lautet: Die sozialen Widersprüche verschwinden trotzdem nicht.

Langhans: Damals wollten die Politischen in der Studentenbewegung die Produktionsverhältnisse umwälzen, obwohl man schon in der DDR sehen konnte, dass das nicht funktioniert. Es geht nicht dadurch, dass man direkt auf die Welt, also das, was wir heute Real World nennen, losgeht und sagt: Ihr müsst euch ändern. Denn dann wird man auch Gewalt anwenden, das haben wir damals gesehen. Das ist alles offensichtlich gescheitert.

Wie aber geht es dann? Dadurch, dass man vorher Luftschlösser baut, also virtuelle Welten, und dann versucht, in ihnen erste Erfahrungen zu machen. Von hier aus wird sich dann die weniger wichtiger gewordene Real World verändern – weil die Menschen anders geworden sind. Die Kommune ist ja auch nicht einfach aufgestanden und hat gesagt, wir ziehen uns jetzt bunt an und machen Dadaismus. Vor dem Humphrey-Attentat hat die Kommune in dreimonatiger Klausur Encounter mit sich selbst gemacht. Durch dieses nach Innen schauen, durch diese Implosion konnte man die Welt draußen anders sehen und sich anders verhalten. Ein paar Hanseln haben so 1967 eine ungeheure Wirkung gehabt.

Die kalifornischen 68er haben diese Technologie der für alle möglichen neuen Welt entworfen, und damit haben sie die gewaltsame Veränderung von Real World entbehrlich gemacht. Ich sage Ihnen eines voraus: Was die Jüngeren im Netz erleben, das wird sich in der Real World wiederfinden. Das wird ein bisschen dauern, gar keine Frage, und das ist auch gut.

Rainer Langhans wurde legendär als Mitbegründer der Kommune 1. Heute lebt der 66-jährige in München in einem «Harem». Ulrich Gutmair sprach mit ihm.