Tom Kummer: Journalismus ist Krieg (II)
22.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Kummer: Besonders meine ersten Eindrücke vom Kottbusser Tor. Die Besetzerszene, die Punks, eine harte Alkoholikerstimmung. Als ich da jetzt wieder vorbei gelaufen bin, hab ich gedacht: Wow, immer noch die gleichen Leute, die sind einfach nur um zwanzig Jahre gealtert. Das war schon eine spezielle Zeit. Auch die erste Maidemonstration war für ziemlich spannend. Da trieben die Besetzer und Punks so ein Spielchen mit der Polizei. Es kam mir jedenfalls vor wie die Inszenierung eines Kampfs mit bestimmten Regeln.
Dann die genialen Dilettanten, die «Tödliche Doris», die «O-Bar», später wurde dann das «Kumpelnest 3000» meine Stammkneipe. Eher zufällig bin ich dann in die Kunstszene rein geraten das waren in Berlin damals die Jungen Wilden. Und alle waren so kämpferisch eingestellt, es gab Neid und Hass. Eine ziemlich physische Atmosphäre.
Netzeitung.de: In der Sie selbst sich auch als Künstler gefühlt haben?
Kummer: Ich habe zum Beispiel ein Feuer an der Berliner Mauer gelegt, einen Mercedes in Brand gesteckt und das filmisch dokumentiert. Keine große Kunst, einfach süße kleine Explosionen. Diese Videokassette hatte ich übrigens auch dabei, als ich später nach Hamburg gefahren bin, um mich beim Tempo-Magazin um einen Job zu bewerben. Der Chefredakteur Markus Peichl hat sich das kommentarlos angeschaut. Und er hat mich eingestellt.
Netzeitung.de: Ist von diesem Berlin überhaupt noch etwas übrig geblieben?
Kummer: Mir kommt es hier heute alles etwas nostalgisch vor. Die Kämpfer von einst sitzen mit ihren kleinen Kindern im Café, dabei sieht alles noch so ähnlich aus, nur sauberer. Und wo Elend zu sehen ist, da ist der Blick darauf ein anderer geworden. Heute sieht man einfach nur Sozialfälle, Alkoholiker, Armut. Man sieht nur das soziale Problem, wo man früher alles politisch interpretiert hat. Als Punk oder Alkoholiker am Kotti rumzuhängen das galt irgendwie als politischer Akt. Das fand ich damals toll. Jede Handlung war eine symbolische Handlung.
Netzeitung.de: Ins «Kumpelnest» ging, so weit ich weiß, auch der Philosoph Jean Baudrillard, wenn er in Berlin war. Er hatte einige Jahre zuvor die Realität verabschiedet und den «Aufstand der Zeichen» ausgerufen.
Kummer: Das ging für mich allerdings schon früher los. An der Berner Kunsthochschule gab es diesen Theoretiker Gerhard Johann Lischka, genannt Lischi. Der war ein enger Freund von Baudrillard, ein Typ, der immer in der Bar rumhing, aber ganz wichtig war für die Verbreitung der Postmoderne in der Schweiz (ein Österreicher übrigens, Anm. des Setzers).
Alle dachten zuerst, der ist crazy, aber über die Jahre haben wir immer mehr kapiert, was der eigentlich meint. Lischi hat mir jedenfalls als erster Baudrillard-Bücher in die Hand gedrückt. Ich muss aber zugeben, dass ich die nur zum Teil verstanden habe. Ich bin ja kein Intellektueller. Bei Godard hatte ich schon eher das Gefühl, dass ich den verstehe. Die Brüche, den Jump-Cut, diesen Moment, wo die Schauspieler auf einmal frontal in die Kamera reden.
Netzeitung.de: Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Das ist ein abgedroschener Satz, der aber auf Ihre journalistische Arbeitsweise gut zu passen scheint. Haben Sie Dinge erfunden, weil Sie sich im Kriegszustand wähnten?
Kummer: Es ist ein Kriegszustand. Definitiv. Das geht schon damit los, dass sich Journalisten gegenseitig als Feinde betrachten. Dieser Kampf um die News, die Frage, wer sie als erster kriegt. Auch ist es ein Kampf, überhaupt an die Wirklichkeit zu kommen. Du musst fragen: wer bietet mir diese Wirklichkeit an, wer will mir etwas verkaufen? Was wollen diese Leute? Und es stellt sich das Problem, wie man sich gegen diese PR-Wirklichkeit durchsetzen kann. Das ist ein Krieg, den du als Journalist nicht gewinnen kannst.
Netzeitung.de: Schildern Sie doch mal ein Beispiel.
Kummer: 1990 hat mich «Tempo» nach Peru geschickt, für eine Reportage über die grassierende Cholera-Epidemie. Zunächst bekam mein Fotograf ein echtes Problem, obwohl der sehr erfahren war, ein preisgekrönter Mann, der auch für die «New York Times» arbeitete. Man kann eine Krankheit mit einem schleichenden Verlauf eben schlecht fotografieren. Das ist wie bei Aids. Zwei Wochen lang ist er also auf diese Familien losgegangen und hat dieses eine Bild gesucht, das etwas zu bedeuten scheint. Er hat es provoziert.
Ich saß zur selben Zeit im obersten Stock des Intercontinental-Hotels und habe über die Stadt geschaut. Also habe ich am Ende zwar etwas geschrieben, mit dem alle sehr zufrieden waren. Die Cholera aber habe ich nie gesehen.
Dasselbe vor dem Ausbruch des ersten Irakkrieges. Ich saß da im Irak, schon wieder im Interconti, und habe eigentlich nichts gesehen. CNN hatte da diese Exklusiv-Vereinbarung mit der amerikanischen Armee. Und die europäischen Journalisten saßen im Hotel, um auf einen Krieg zu warten, den sie nie erleben würden. Da habe ich auf schockierende Art gelernt, wie schwierig der Bezug eines Journalisten zur Realität sein kann.
Netzeitung.de: Sie erscheinen ja nun beim Blumenbar-Verlag in der prominenten Nachbarschaft von Hunter S. Thompson. Und ich glaube, der Reisejournalist Helge Timmerberg hat den Gonzo-Journalisten einmal als einen definiert, der gar nicht erst so tut, als wäre er in einer Umgebung aus lauter Verrückten der einzige Normale. Trifft es das?
Kummer: Wenn man sich voll auf die Atmosphäre und die Umgebung einlässt, dann ist das eigentliche Objekt der Recherche nicht mehr so entscheidend. Dann werden Nebensächlichkeiten wichtig und auch der eigene Zustand. So ist das bei Tom Wolfe oder Hunter S. Thompson. Wenn der seine Reportage über die Hell's Angels schreibt, wird er Teil der Gruppe, weil er sich eben emotional voll auf sie einlässt. In dem Moment, in dem ein Journalist in eine Wirklichkeit eindringt, verändert sich diese Wirklichkeit.
Netzeitung.de: Damals, schreiben Sie, hätten bei «Tempo» alle von dem «Ding» geredet. Was ist das?
Kummer: (lacht) Ja, das Ding ... Man kann es eben nicht genau benennen, deshalb heißt es ja auch das «Ding». Vielleicht ist es ein mythenbildendes Element. Etwas, was in der Luft liegt, etwas, woran wir Journalisten saugen und etwas, das uns antreibt. Und das macht den Kult eines Magazins oder auch einer Band aus. Das «Ding» gibt es überall. Es hat mit dem Glam, dem Sex und auch der Tiefe von etwas zu tun aber das findet nur in der Einbildung der Leute statt. Und es gibt natürlich keinen Ort, an dem das «Ding» wichtiger ist als in Hollywood. Wenn man dem «Ding» aber zu nahe kommt, wenn man es sieht oder berührt dann ist die Enttäuschung grenzenlos. Man muss es also unausgesprochen lassen.
Lesen Sie hier den dritten Teil des Interviews
