Gonzojournalismus:
Tom Kummer: Journalismus ist Krieg
22.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
In den 80er und 90er Jahren belieferte Tom Kummer deutschsprachige Magazine mit Reportagen und Interviews. Der in Bern geborene Kummer arbeitete zunächst für «Tempo», dann für das «SZ-Magazin», das Magazin des Zürcher «Tagesanzeigers» und viele andere große Zeitungen. 1993 ging er nach Los Angeles, wo er Interviews mit vielen Hollywoodstars produzierte.
Diese wirkten so intim, als hätte der Interviewer bei Sharon Stone, Pamela Anderson oder Sean Penn stundenlang auf dem Schoß gesessen. Im Jahr 2000 enthüllte «Focus» dann, dass ein Großteil dieser Gespräche frei erfunden waren. Kummer wurde daraufhin nicht mehr beschäftigt. Beim «SZ»-Magazin mussten die beiden Chefredakteure ihren Hut nehmen. Tom Kummer lebt noch immer in Los Angeles, wo er als Tennislehrer in einem exklusiven Club arbeitet. Nun hat er im Blumenbar-Verlag ein Buch über seine journalistische Karriere veröffentlicht.
Wir treffen uns im «Cafè Jenseits» in Berlin-Kreuzberg, Kummers erste Station im Ausland, nachdem er aus der Schweiz weggezogen ist.
Netzeitung.de: Wo Sie doch so viel erfunden haben hätten Sie nicht einfach gleich zu Hause bleiben können?
Kummer: Auf keinen Fall. Ich bin kein Schriftsteller, der alles aus der Phantasie schöpfen kann. Ich muss schon mal bei einem Junket gewesen sein...
Netzeitung.de: Wie bitte?
Kummer: Ein Junket ist eines dieser Interviews, wo ein Star einer ganzen Horde von Journalisten gegenüber sitzt. Dabei kommt natürlich gar nichts raus. Ich habe das mal mit Pamela Anderson erlebt. Ich muss aber auch mal ein Einzelinterview gemacht haben, muss erlebt haben, wie es bei Dreharbeiten im Studio zugeht, muss das Hollywood-Sign aus dem Fenster sehen können. Ich will das alles nur nicht wirklich durchleben müssen. Und meine Freiheit behalten. Ich will die Freiheit haben, die Dinge zu manipulieren.
Netzeitung.de: Warum wollen Sie das?
Kummer: Es geht darum zurückzuschlagen. Wir werden schließlich auch manipuliert durch eine inszenierte Realität. Natürlich ist der Feind übermächtig, aber ich kann ihn sehen. Auch, wenn ich nur ein Winzling bin, der aus einem kleinen Küchenzimmer heraus operiert.
Netzeitung.de: Sehr glamourös hört sich das aber nicht an.
Kummer: Mit Beverly Hills hat die Gegend, in der ich wohne, auch nichts zu tun. Das ist anders als bei vielen Hollywood-Reportern aus Deutschland. Die sitzen im Four Seasons oder am Sunset Boulevard und denken: «Wow! Ich bin wirklich ein Teil von all dem!» Die glauben an den Zauber und wollen ihn auch selber leben.
Netzeitung.de In ihrem Buch geht es viel um die magischen Lichtverhältnisse in Los Angeles. Um die gleißende Sonne am Tag und das künstliche Lichtermeer in der Nacht. Hier, sagen Sie, sind Ihnen die schönsten Monologe eingefallen, die Sie dann Hollywoodstars in den Mund gelegt haben. Ist Kalifornien ein Ort für Erleuchtungen?
Tom Kummer: Ja, ganz sicher. Schon die Filmindustrie ist ja wegen des Lichts nach Hollywood gekommen. Die Gegenstände sind hier einfach besser ausgeleuchtet als in New York oder Berlin. Diese Sonne zwischen zwölf und zwei Uhr Mittags, dieses steife Licht mit ganz wenig Schatten. Und dann die Sonnenuntergänge. Die zeigen ein dermaßen intensives Rot und Violett das lässt eine Art von Hyperrealität entstehen. Und dann kommt auch noch der Smog als Farbfilter hinzu. Los Angeles hat wirklich ein besonderes Licht.
Netzeitung.de: Das gehört aber jetzt noch nicht ins Reich der Fiktion.
Kummer: Nein, das ist ganz real. Nur muss man eben einen Blick dafür haben, und den haben vermutlich am ehesten die zugereisten Europäer. Für sie ersetzt diese Stimmung auch einen Mangel. Es fehlt ja in L.A. an zwischenmenschlichen Beziehungen und an geistiger Tiefe. Es ist die schlimmste Stadt für amerikanische Intellektuelle. Ein Abgrund und eine Wüste, dominiert von Freeways. Hier entsteht eine unglaubliche Sehnsucht nach Stimulation.
Netzeitung.de: Nun sind Sie also Tennislehrer. Begreifen Sie den Berufswechsel eigentlich als Auf- oder Abstieg? Mich hat Ihre Geschichte an Woody Allens Film «Matchpoint» erinnert. Da beginnt einer als Tennislehrer und macht einen irrwitzigen sozialen Aufstieg durch. Er ist allerdings ein ziemlicher Hochstapler.
Kummer: Auf- oder Abstieg ich weiß es nicht. Aber «Matchpoint» ist wirklich ein toller Film. Besonders dieser Moment, in dem sich das ganze Schicksal daran entscheidet, ob der Ball nun an der Netzkante hängen bleibt oder nicht. Solche Situationen kenne ich ganz gut. Und ich frage meine Tennispartner im Club dann öfter mal: Hast du eigentlich «Matchpoint» gesehen?
Netzeitung.de: Was ist denn das für ein Tennisclub, in dem Sie arbeiten, und mit welchen Leuten haben Sie da zu tun?
Kummer: Im Jonathan-Club verkehrt eine Upper-Class-Gesellschaft. Zwar ist auch Gwyneth Paltrow Mitglied, überwiegend sind es aber keine Hollywood-Leute, sondern Geschäftsleute und Wirtschaftsgrößen. Das ist für mich ein faszinierendes Studienfeld. Ich betrachte den Job nämlich auch als eine große Recherche. Mal sehen, was sich daraus noch ergibt. Für die Leute bin ich da aber einfach nur der Tennislehrer. Zu denen habe ich ein rein professionelles Verhältnis.
Übrigens muss man das erklären: Ich unterrichte Paddle-Tennis. Das ist eine spezielle Variante des Tennis. Man spielt mit einem kleineren Racket (Tom Kummer zieht einen Schläger mit kurzem Griff und einer perforierten Kunststofffläche anstelle einer Bespannung aus der Tasche) und man spielt auf einem Court, der ein Drittel der Fläche eines normalen Platzes hat. Das Netz ist niedrig, und man schlägt aus der Hüfte auf. Aus den Tennisbällen wird mit einer Stecknadel ein bisschen Luft herausgelassen, sonst würden sie zu schnell. Ein ziemlich cooler Sport da steht keine großartige Industrie und keine Sponsoren dahinter.
Netzeitung.de: Sie haben bei einem Juniorenturnier einmal gegen Yannick Noah gespielt. Warum haben Sie das Match verloren? Es war doch Ihre Spezialität, den Ball im Spiel zu halten.
Kummer: Stimmt. Und es sah in diesem Spiel auch lange Zeit ganz gut für mich aus. Vielleicht war es so etwas wie dem Angst vor dem Gewinnen. So ein Moment, wo klar wird: Wenn das jetzt klappt, dann musst du Tennisprofi werden. Etwas Größeres steht vor einem, und man will sich nicht drauf einlassen.
Netzeitung.de: Yannick Noah macht heute Popmusik. Sie könnten doch eigentlich noch mal gegen ihn antreten. Zum Interview.
Kummer: Ja, gute Idee. Auch wenn er sich bestimmt nicht mehr an mich erinnert. Sein Sohn spielt übrigens sehr erfolgreich Basketball in einer amerikanischen Collegemannschaft.

