Kondom und Volksgemeinschaft: 

netzeitung.deWenn’s euch packt, nehmt Fromms Act

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Werbung für Fromms Produkte, 1934 (Foto: Der deutsche Drogist<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Werbung für Fromms Produkte, 1934
Foto: Der deutsche Drogist
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die Marke Fromms steht für Kondome. Ein Buch erzählt jetzt, wie der brillante Unternehmer Julius Fromm von der Volksgemeinschaft ausgeplündert wurde. Ulrich Gutmair stellt es vor.

Einst betraten deutsche Männer Apotheken und Drogerien mit einem kleinen bedruckten Zettel in der Hand. Darauf war zu lesen: «Bitte händigen Sie mir diskret aus 3 Stück 'Fromms'-Gummi.» Was beim Einkauf nach Diskretion verlangte, war in Berliner Kneipen und Kabaretts Ende der Zwanziger Jahre aber ein beliebtes Thema. Dort sang man zum Beispiel: «Wenn’s euch packt, nehmt Fromms Act.» oder: «Ich bin ganz Fromms – zum Platzen gespannt.»

Fromms war in Ost und West jahrzehntelang das Synonym für Kondome. Doch die Geschichte des Mannes, der das Kondom so popularisierte, dass es bald mit seinem Namen identifiziert wurde, war vergessen. Jetzt haben der Historiker Götz Aly und der Journalist Michael Sontheimer sie in einem der interessantesten Geschichtsbücher der letzten Jahre aufgeschrieben. Es handelt von Familienplanung und Nacktdarbietungen, von moderner Architektur und Unternehmensführung, von Armut und von der Erfolgsgeschichte einer Einwandererfamilie. Aber auch vom volksgemeinschaftlichen Massenraub, den Aly zuletzt ausführlich in seinem Buch «Hitlers Volksstaat» beschrieben hat.
Unter Räubern
Schon der Titel verrät, dass es sich um eine Sittengeschichte handelt, die uns nicht nur von Familienplanung erzählt: «Fromms. Wie der deutsche Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel.» Der Berliner Unternehmer Julius Fromm baute aus dem Nichts ein Kondomimperium auf – und musste es für lächerlich wenig Geld verkaufen, bevor er 1938 Deutschland verließ. Hermann Göring hatte ein Auge auf das Unternehmen geworfen.

Julius Fromm wurde als Israel From 1883 im damals zu Russland gehörigen Städtchen Konin geboren. Zehn Jahre später wanderte die Familie, die Eltern Baruch und Sura Rifka mit ihren acht Kindern, nach Deutschland ein. Wie vielen anderen jüdischen Familien aus dem Osten verhieß Deutschland auch den Fromms ein besseres Leben, und ebenso typischerweise führte ihr Weg sie zuerst ins Berliner Scheunenviertel.

Das erste Markenkondom der Welt
Die Eltern arbeiteten hart als selbständige Zigarettenproduzenten, die zuhause tagein, tagaus tausende von Papierhülsen mit Tabak stopften und sie dann verkauften. Beide starben früh. Ihr zweitältester Sohn Julius, der wie alle anderen Kinder bald mit einem deutschen Namen gerufen wurde, musste schon mit 15 für die Familie sorgen.

1914 begann Fromm mit der Produktion von Kondomen. Bei Aly und Sontheimer heißt es dazu knapp: «Als Kind einer mittellosen Immigrantenfamilie brachte er zur richtigen Zeit, am richtigen Ort das richtige Produkt auf den Markt.» Vom ersten Markenkondom der Welt, «Fromms Act», wurden 1926 schon 24 Millionen Stück hergestellt.
Für Soldaten eine Mark
Das Präservativ trat seinen Siegeszug im Ersten Weltkrieg an. Aufgrund rapider Verbreitung von Geschlechtskrankheiten war Soldaten in vielen deutschen Bordellen der Verkehr bald nur noch mit Kondomen erlaubt. In einem Warschauer Bordell für die «Angehörigen durchmarschierender Formationen» etwa kostete der Eintritt für Offiziere drei und für Soldaten eine Mark. «Dafür bekam jeder ein Präservativ und einen Bon, den er dem Mädchen abzugeben hatte», wie ein Militärarzt berichtete.

Vor allem in den städtischen Milieus der Weimarer Republik wurde die Sexualität langsam enttabuisiert, was sich laut Aly und Sontheimer nicht nur in einer Tanzwut zeigte, die «alle Klassen erfasste». Auch pornografische Literatur und Nacktdarbietungen erfuhren einen Boom.

Demographische Panik
Gleichzeitig sorgten die Industrialisierung, zunehmende soziale Mobilität und die wirtschaftliche Unsicherheit dafür, dass die Deutschen immer weniger Kinder bekamen. Für große Teile der Bevölkerung wurde das Kondom zum Instrument, das die Sexualität von der Fortpflanzung emanzipierte. Das ließ nationalistische und kirchliche Kreise in eine demographische Panik verfallen, die durchaus an die heutigen Debatten erinnert.

Schon 1912 sorgte sich das preußische Innenministerium wegen eines bevorstehenden Kindermangels. Selbst als die Firma Fromms Act 1928 endlich Kondomautomaten aufstellen durfte, konnte sie nur mit hygienischen Argumenten werben: «Männer, schützt eure Gesundheit!» Noch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten kam es in den frühen Dreißigern zu einem Bündnis zwischen Nazis und christlichen Fundamentalisten. Während die einen sich um die «nachwachsende Volkskraft» sorgten, prangerten die anderen den Verfall ehelicher Moral an.
Zwei Burgen für Göring
Aktivisten der so genannten Reichsschundkampfstelle der evangelischen Jungmännerbünde Deutschlands unterstützten die Nazis bei der Bücherverbrennung in Berlin. Die Jungmänner «bereinigten» 80 Bibliotheken und warfen anschließend 1212 Bücher auf die Scheiterhaufen, die sie als Schund identifiziert hatten. Führender Protagonist der Bewegung war Kurt Gerstein. Er griff die «jüdisch-galizischen Schweinefirmen Fromms Act und Primeros» an, die die deutsche Jugend angeblich mit Gratiskondomen verführten.

Am Ende waren es nicht aber die Kondome, die Julius Fromm und seiner Familie zum Verhängnis wurden, sondern die Tatsache, dass sie Juden waren. Von der Zerstörung von Fromms Lebenswerk profitierten viele: In erster Linie der deutsche Staat und der bereits erwähnte Hermann Göring, der das Unternehmen Fromms seiner Patentante zuschanzte. Im Gegenzug ließ er sich zwei Burgen schenken.
Ein Ritterkreuzträgermit Bedürfnissen
Der Ritterkreuzträger Wolf Hagemann wiederum durfte sich in Fromms Villa einmieten. Für luxuriöse Umbauten Hagemanns ließ Regierungsrat Dr. Hans Lüders großzügig 8500 Reichsmark «aus dem Barvermögen des Ausgebürgerten» überweisen. Julius Fromm, der Deutschland verlassen musste, bezahlte also die neue Küche und ein weiteres Bad, das sich der deutsche Kriegsheld Hagemann einbauen ließ.

Die Frau des Oberst Max Bork vom Generalstab kaufte vor Einzug Hagemanns diverse Möbel, darunter zwei Betten mit Nachttischen, den Frisiertisch, Schränke, Ledersofa, Geschirr und diverse andere Kleinigkeiten. Der Erlös von 2473.- Reichsmark kam dem Staat zugute. Ein Bechstein-Konzertflügel, ein Blüthner-Klavier, Tafelgeschirr, Orientteppiche, Kristalllüster, Ölgemälde und Kameras verschwanden ohne Quittung.

Die Flucht
Schließlich waren da noch 15 Volksgenossen, die sich bei einer Auktion auf Kosten der Familie Fromm ihren «kleinen Kaufrausch» verschafften, wie Aly und Sontheimer knapp und treffend schreiben. Vorher allerdings musste die Villa von ihren Bewohnern geräumt werden. Denn nach der Emigration Julius Fromms und seiner Familie hatten dort unter anderem eine Schwester, ein Schwager und eine Schwägerin Fromms gewohnt, zusätzlich waren zwangsweise andere jüdische Familien und Einzelpersonen einquartiert worden.

Als die sieben Bewohner schon tot oder in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert worden waren, konnte Familie Hagemann Mitte 1943 in die Villa einziehen. Sie lebte allerdings nicht lange dort. Im Frühjahr 1945 flohen die Hagemanns vor der Roten Armee.

Eben noch Nazi, jetzt ein deutscher Arbeiter
Damit ist die Geschichte allerdings noch nicht zu Ende. Während westdeutsche Beamten in den Sechzigern im Fall Fromm möglichst alles aus ihren Akten verschwiegen, was zu weiteren Restitutionsansprüchen führen konnte, war man in der entstehenden DDR noch skrupelloser. Ehemalige NSDAP-Mitglieder aus den Fromms-Werken gerierten sich nun als gute deutsche Proletarier.

Sie traten als Kronzeugen für die ostdeutsche Bürokratie auf. Der fortschrittliche, auf hohe soziale Standards achtende Unternehmer Fromm wurde seitens der Obrigkeit und im Namen der deutschen Arbeiter in einen geldgierigen jüdischen Ausbeuter umdefiniert. Fromms Kondomfabrik wurde kurzerhand enteignet.

Aly und Sontheimer nehmen in ihrem Buch von der Fromm'schen Familiengeschichte ausgehend präzise Tiefenbohrungen in verschiedene soziale und politische Felder vor. Eben das macht ihre Studie zu einem Buch, das dem Leser weit mehr erzählt als die Geschichte des Mannes, der das Kondom in Deutschland popularisiert hat.

Götz Aly / Michael Sontheimer: Fromms. Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel. S. Fischer, Frankfurt am Main, 2007. 217 Seiten, 19,90 Euro.