Uschi Obermaier:
Kleiner Busen, große Wirkung
29. Jan 2007 07:46, ergänzt 07. Mai 2008 12:30
 |  Uschi Obermaier: Kleinbrüstige Ikone der 68er | Foto: dpa |
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Uschi Obermaiers Brüste sind das politische Statement, das sie selbst nie formuliert hat: Sie sagen dem Atombusen den Kampf an und erziehen emanzipierte Männer zu Liebhabern der schlanken Silhouette.
Von Ronald DükerUschi Obermaier ist sechzig geworden. Ihre Brüste sind es auch. Und es liegt wohl an letzteren, dass man der ehemaligen Kommunardin und Ikone der 68er zurzeit kaum entgehen kann, obwohl der Geburtstag doch nun schon einige Monate zurück liegt.
Die Zeitungen und Magazine sind voll von Bilderstrecken alter Schnappschüsse, Filmstills und Modefotos von Uschi Obermaier, die dem Betrachter doch unvollständig scheinen müssen, solange darunter nicht wenigstens ein Bild auch ihren entblößten Oberkörper zeigt. Darauf haben es alle abgesehen.
Die lebensfrohe Uschi
Am kommenden Donnerstag kommt nun auch noch eine Biografie in die Kinos, von der zu hören ist, sie sei unsäglich schlecht – doch was macht das schon, wenn Natalia Avelon, die Obermaier darin in ihren jungen Jahren verkörpert, über weite Strecken oben ohne zu bewundern ist.
Parallel dazu bringt die Life-Style-Illustrierte «Park Avenue» eine ganze Serie mit Bildern, auf denen Avelon und Obermaier in Etro, Gaultier und Moschino posieren: Arm in Arm, lasziv und verführerisch und zum Verwechseln ähnlich geschminkt. Obermaier gibt bei dieser Gelegenheit zu Protokoll, Avelon sehe aus wie ihre kleine Schwester, während von dieser zu erfahren ist, dass sie dem Thema Sex mit einer viel natürlicheren Einstellung gegenübertritt, seitdem sie die lebensfrohe Uschi kennt.
Respekt!
Besonderer Erwähnung bedarf aber ein Bild, auf dem Avelon lediglich mit einer Hose von Hugo Woman bekleidet und auf einem Bett liegend von oben fotografiert ist. Die Bildunterschrift: «Natalia findet, dass ihre Brüste aussehen wie die von Uschi. Respekt! Und zwar für alle Beteiligten...»
 |  Obermaier rechts, Avelon links. Mittig: Der Rainer | Foto: dpa |
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Respekt wofür, mag man hier einwenden. Ist denn der weibliche Busen, wie der Vulkanausbruch, das Gänseblümchen und der Sternenlauf nicht eher ein Natur- denn ein Kulturereignis? Und deshalb gegebenenfalls nur ein plastischer Chirurg der richtige Adressat für diesbezügliche Respektbekundungen?
Rainer, Jimi, Mick, Keith und Dieter
Der Fall liegt auf der Hand: genetische Ausstattung, und damit auch die Form und Größe von Frauenbrüsten, lässt sich zwar in keiner Boutique kaufen, ist aber dennoch der Mode und wechselnden Begehrenskonjunkturen unterworfen.Dass Uschi Obermaier also zur Ikone ihrer Generation und kleine Brüste zum Idealbild einer bestimmten Generation und Szene wurden, hat kulturelle Gründe. Tittengeschichten sind Sittengeschichten, da kann Obermaier noch so oft erzählen, wie gleichgültig ihr im Grunde der Große Vorsitzende gewesen sei und wie wenige sie von all den Fremdwörtern verstanden habe, die man sich in der Kommune 1 nur so um die Ohren schlug – eingezogen sei sie schließlich nur, weil sie sich eben in den Rainer verliebt habe.
Später dann in den Jimi, den Mick, den Keith, den Dieter. Uschi Obermaier mag unpolitisch gewesen sein, ein hedonistisches Mädchen aus einem Kaff bei München, ihre Brüste waren es nicht.
Undercover-Girls
Das flachbrüstige Hippie-Mädchen, das Uschi Obermaier verkörpert wie zur selben Zeit das Model Twiggy, ist nämlich die Ikone des Kollektivs. Und dieses muss – wo es nun einmal Partnertausch und Gruppensex zur tragenden Säule des gesellschaftlichen Miteinanders erklärt hat – in alle Richtungen anschlussfähig sein.Zu dieser Absage an eine als repressiv befundene monogame Gesellschaft passen kleine Brüste besser als große. Die Insignien des eindeutig Geschlechtlichen und zwanghaft unfreien Triebs werden hinter dem Undercover der flachen Silhouette verborgen. Die triadische Kleinfamilie gerät darüber ebenso in Verruf wie verschlossene Schlafzimmer.
Das ödipale Terrorregime
All das geht auf Kosten der allzu männlichen Verehrer großer Oberweiten. Sie müssen in diesem Kontext als Stiefelknechte mächtiger Frauen erscheinen, an deren mächtigen Brüsten sie hängen wie Säuglinge. Dadurch machen sie sich verdächtig, die Emanzipationsleiter herab- und nicht hinaufzusteigen. Frei nach Freud: Wo Ich sein könnte, soll Es werden.
 |  Woody Allens "Riesentitte": Lust und Horror aller Ödipussis | Foto: Verleih |
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Langhans'sche Freigeister mögen auf solche Geschlechtsgenossen als ödipale Wichte herabgeschaut haben. Man erinnere sich auch des armen Woody Allen, der in seiner Sexklamotte von 1972 plötzlich auf offener Wiese feststellt, dass ein meterhohes vereinzeltes Organ auf ihn zuwabbelt: «Eine Riesentitte» ruft er in höchster Angstlust aus: «Sie kommt direkt auf uns zu. Sie spritzt mit Milch!» Ein Blick des Busenfetischisten auf die Feldherrnhügel des ödipalen Terrorregimes.
Nur über ihre Leiche
In vorausgesetztem Einvernehmen war den 68ern klar wie tausend Sonnen, dass solche Neurosen nur im American Way of Life gediehen sein konnten. Schließlich war ja der Bikini nach dem Südseeatoll benannt worden, auf dem die Amerikaner bis Ende der fünfziger Jahre atomare Vernichtungswaffen getestet hatten. Auch der Atombusen und die Sexbombe hatten hier ihren etymologischen Ursprung. Die Friedensbewegung musste daher zwangsläufig eine Bewegung der Flachbrüstigen sein.Und so wird verständlich, wenn Uschi Obermaier noch heute in Talkshows erzählt, dass sie sich bei aller Freizügigkeit damals niemals für den «Playboy» ausgezogen hätte, es sei denn über ihre Leiche. Später hat sie mit diesem Vorsatz gebrochen. Wie symptomatisch er aber für diese Zeit war, zeigt nicht zuletzt ein Blick in die «konkret»-Hefte von 1968 und 1969.
Antiquiert und nicht sexy
Auf beinahe jedem Titel dieser Jahre prangt ein bar- und flachbusiges Mädchen – Fotomaterial, das übrigens aus Fotoarchiven der DDR beschafft worden war. Dies war als Statement eines Magazins zu verstehen, das, wie Peter Rühmkorf im Juli 68 dort schrieb, «an der maßgerechten Koalition von Privatsex und Massenbasis herumlaboriert», aber auch als Kampfansage an die ausbeuterische Pornografie aus dem imperialistischen Feindesland.
 |  "konkret" vom Januar 1968. Titelgeschichte: "Liebe unter LSD" | Foto: Privat |
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Im Februar 1969, bringt der von den Herausgebern so genannte «Modeprophet des amerikanischen Underground» – dabei war der Medientheoretiker Marshall McLuhan doch Kanadier – die Sache auf den Punkt. In seinem «konkret»-Essay heißt es über die Körperpolitik der flachen Silhouette: «Das herausfallende Aktmodell im Playboy-Magazin – mit übergroßem Busen und Hinterbacken, bis ins kleinste ausgeleuchtet – kündigt das Todesröcheln eines scheidenden Zeitalters an. Schon beginnt das Aktmodell antiquiert zu erscheinen und nicht sexy.»
Menschliches Wesen vs. spezialisierte Frau
McLuhan weist aber auch den Weg in die Zukunft: «Schon die neuen 'Sexsymbole' machen sich über die Superfrau lächerlich. Besonders relevant ist da das knabenhafte und zarte junge Modell, das sich 'Twiggy' nennt. Sophia Loren z.B. verhält sich zu Twiggy wie ein Rubensgemälde zu einem Röntgenstrahl. Und was enthüllt ein Röntgenstrahl von einer Frau? Nicht ein realistisches Bild, sondern eine intensivere Vorstellung mit stärkerer Ausstrahlung. Nicht eine besonders spezialisierte Frau, sondern ein menschliches Wesen. Beide Geschlechter tendieren heute zu einer gemeinsamen Menschlichkeit.»
 | Sophia Loren, ein Rubensgemälde | Foto: sophialoren.com |
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Es bleiben Fragen. Hat McLuhan richtig orakelt, als er die Androgynität zum Ideal des menschlichen Miteinanders im Zeitalter der elektronischen Dauerkommunikation heraufbeschwor? Kate Moss und ihre magersüchtigen Kindsmodel-Kolleginnen erscheinen heute als phänotypische Widergängerin Uschi Obermaiers.Kate Moss ist aber eine Heroine des Punks. Und hat daher mit den Hippies nicht mehr viel am Hut. Uschi Obermaier lebt als Schmuckdesignerin in Kalifornien und niemand kann von ihr eine Erklärung dieser Zusammenhänge verlangen. Uschi Obermaier erzählt von früher. Herzlichen Glückwunsch nachträglich.