16.01.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Marinus van der Lubbe: Wenn es nach dem "Spiegel" geht, Brandstifter und Einzeltäter
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Der «Spiegel» hatte in den Fünfzigern behauptet, der Reichstag sei von dem Kommunisten van der Lubbe - und ihm allein - in Brand gesetzt worden. Damit rief er eine erbitterte Debatte auf den Plan und streitet sich gerade vor Gericht.
Von Sabine PamperrienVor dem Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburgs geht ein Rechtsstreit in die nächste Runde, der wilde Spekulationen über den Umgang des Magazins «Der Spiegel» mit seiner eigenen Geschichte hervorgerufen hat.
Im Juni bestätigte die Pressekammer des Landgerichts in erster Instanz eine einstweilige Verfügung gegen den Bayerischen Rundfunk und die beiden Autoren des Radio-Features «Der Reichstagsbrand Ein Kriminalfall aus der Nachkriegszeit».
Mit Kanonen auf SpatzenDie Autoren dürfen nicht mehr behaupten, beim «Spiegel» sei man nur sehr zögerlich zu einem Gespräch über die Vergangenheit bereit gewesen und habe dann das Gespräch nicht zur Ausstrahlung frei gegeben weil es nicht stimmt.
Mehr nicht. Der Inhalt des Features stand vor Gericht überhaupt nicht zur Debatte. Tatsächlich waren von Seiten des «Spiegel» zwei Zitate frei gegeben, bei zwei weiteren eine korrigierende Neuaufnahme angeboten worden. Aber warum werden dafür die Rechtsabteilungen aufeinander los gelassen? Was anmutet, als werde mit Kanonen auf Spatzen geschossen, erklärt sich aus der Thematik des Features.
Stehen Sie auf, van der LubbeDie Vorgeschichte der Sendung beginnt vor der Geburt der Akteure 1959 mit der Publikation einer «Spiegel»-Serie, die Rudolf Augstein als Super-Scoop feierte: «Einer Jahrhundert-Legende wird der Todesstoß oder, um im Bilde zu bleiben, der Dolchstoß versetzt.»
In «Stehen Sie auf, van der Lubbe», wies der Autor Fritz Tobias akribisch nach, dass der Reichstagsbrand entgegen der herrschenden Meinung, die Nazis selbst seien die Brandstifter gewesen, die alleinige Tat des jungen holländischen Kommunisten Marinus van der Lubbe war, der dafür mit dem Leben gebüßt hatte.
Kalkül oder Zufall?Sensationell an dieser sogenannten Alleintäter-These war die notwendige Neubewertung der Entstehungsgeschichte der Nazi-Diktatur. Die Brandstiftung hatte 1933 innerhalb kürzester Zeit jene Maßnahmen nach sich gezogen, die dem gerade erst ernannten Reichskanzler Hitler den Weg zur Errichtung der Diktatur ebneten.
Plötzlich war aus Sicht der Geschichtsschreibung die «Machtergreifung» nicht mehr das Resultat eiskalten Kalküls, sondern ein reines Zufallsprodukt. Tobias vertrat die These, der diktatorische Wille Hitlers sei erst durch den Brand des deutschen Parlaments durchgebrochen. Dieser These widerspricht allerdings Görings Aussage im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, der zufolge der Reichstagsbrand die Errichtung der geplanten Diktatur nur beschleunigt habe.
Ratlose LehrerDie Nazis selbst hatten den Reichstagsbrand sofort als Werk der Kommunisten ausgegeben. Im Prozess wurden zusammen mit van der Lubbe vier kommunistische Funktionäre angeklagt, aber trotz heftiger Beeinflussungsversuche der Nazis aus Mangel an Beweisen frei gesprochen. Dennoch ging das Reichsgericht 1933 von mehreren kommunistischen Tätern aus.
Die Alleintäter-These verblüffte durch ihre Schlüssigkeit und die Stringenz ihrer Beweisführung mindestens so wie durch die sensationelle Aufmachung im «Spiegel». Die bisherige Überzeugung, nur die Nazis kämen als Täter in Betracht, geriet ins Wanken. Lehrer wussten nicht mehr, was sie unterrichten sollten.
Kaum vertrauenswürdige QuellenDa Tobias kein ausgewiesener Historiker war, wurde seine Arbeit wissenschaftlich begutachtet. Als 1964 der ehemalige Mitarbeiter des renommierten Instituts für Zeitgeschichte, Hans Mommsen, die Wissenschaftlichkeit der Tobias-Arbeit bestätigte, wurde die Alleintäterschaft Marinus van der Lubbes herrschende Meinung und hielt Einzug in die Lehrbücher.
Seither tobt zwischen Forschern ein erbitterter Kampf um die Deutungshoheit bei der Auslegung der Quellen, in dem sich Fakten, Gerüchte und Spekulationen zu einem so fragwürdigen Konglomerat von Irrtum und Wahrheit verschmolzen haben, dass so gut wie keiner der Publikationen zu diesem Thema unüberprüft über den Weg zu trauen ist.
Indizien sind keine BeweiseSicher belegt ist inzwischen, dass Tobias zahlreiche Fehler unterlaufen sind, die seine Arbeit wissenschaftlich entwerten. Gesichert ist auch, dass zahlreiche Spuren den Verdacht weiterer Tatbeteiligter indizieren. Diese Indizien sind aber keine Beweise. Die Plausibilität der Einzeltäterschaft van der Lubbes ist deshalb trotz der Mängel in der Beweisführung so lange nicht vom Tisch, wie nicht das Gegenteil bewiesen ist.
Angesichts dieser Ergebnisoffenheit wäre die Täterschaftsfrage in einer nüchternen Auseinandersetzung mit den seit dem Mauerfall zugänglichen kompletten Quellen abschließend zu klären gäbe es da nicht zwei weitere publikumswirksame Kapitel Zeitgeschichte, die die Entstehung der «Spiegel»-Serie und ihre wissenschaftliche Beglaubigung in ein höchst eigenartiges Licht bringen.
Schneider unter DruckDabei geht es zum einen um die zahlreichen ehemaligen Nazis die beim und für den «Spiegel» arbeiteten, zum anderen um den international renommierten Historiker Hans Mommsen.
Den Auftrag, für das Institut für Zeitgeschichte den wissenschaftlichen Gehalt der Alleintäter-These zu überprüfen, hatte 1960 zunächst ein ganz anderer erhalten. Der Historiker und Gymnasiallehrer Hans Schneider war nach zweijähriger Arbeit zu einem vernichtenden Ergebnis über Tobias Arbeit gekommen, legte allerdings keinen publikationsfähigen Text vor.
Aus bis heute nicht geklärten Gründen wurde Schneider massiv unter Druck gesetzt, den unbeendeten Auftrag zurück zu geben. Der junge Hans Mommsen wirkte in diesem Verfahren als eine Art Advocatus diaboli. Erst 2004 wurde Schneiders Manuskript posthum veröffentlicht und die Schlüssigkeit der Kritik wissenschaftlich beglaubigt.
Die InformantenZu allerlei Mutmaßungen Anlass bietet der Umstand, dass man damals beim «Spiegel» ausgerechnet den ehemaligen Pressechef von Reichsaußenminister Ribbentrop, eine hochrangige SS-Charge und Erfinder perfider Kampagnen zur Desinformation der internationalen Öffentlichkeit mit der journalistischen Bearbeitung des Forschungsberichts betraute.
Da es angesichts strittiger Beweislagen immer auch um die Frage geht, wer Nutzen zieht, vermuten Forscher, dass die Einzeltäterthese ausschließlich lanciert wurde, um «Spiegel»-Informanten aus den inkriminierten ehemaligen NS-Kreisen, deren Netzwerke in Polizei, Verfassungsschutz und BND das Magazin zur Informationsbeschaffung nutzte, zu schützen. Konkret sei bezweckt worden, die Ermittlungsbeamten des Reichstagsbrandes, die die wahren Täter gedeckt hätten, vor Strafverfolgung zu schützen.
Der «Spiegel» bleibt dabeiDas liest sich wie eine Verschwörungstheorie und hat doch angesichts erdrückender Studien zu Einzelaspekten der Beweislage im Fall Reichstagsbrand dazu geführt, dass Rudolf Augstein im Jahr 2001 so heftig in die Kritik geriet, dass ihm der Ludwig Börne-Preis für aufklärerischen Journalismus beinahe aberkannt worden wäre.
Der jetzt im BR-Beitrag zu Unrecht des Mauerns bezichtigte Zeitgeschichte-Ressortleiter des «Spiegel» überprüfte damals die neuen Forschungsergebnisse, kam zu dem Ergebnis, dass die Einzeltäterthese weiterhin die plausibelste sei und provozierte damit den unwissenschaftlichen Vorwurf, ein Gefälligkeitsgutachten unter Verletzung journalistischer Sorgfaltspflichten abgegeben zu haben.
Entnazifiziert war entnazifiziertIn der Tat sind schon die Ränge, Namen und Wirkungsfelder der ehemaligen Nazigrößen, die beim «Spiegel» wirkten, ein wunderbares Einfallstor für sämtliche Verschwörungstheorien dieser Welt. Abhelfen kann man dem nur durch gründliche Aufarbeitung.
Einen Versuch zur Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit wagte man immerhin in der jüngst erschienenen Jubiläumsausgabe. Da beantwortet der 85jährige ehemalige Verlagsdirektor Fragen zur braunen Vergangenheit einiger früher Mitarbeiter.
«Entnazifiziert war entnazifiziert» konstatiert er gegenüber seinem Gesprächspartner - und dass er inzwischen anders urteilen würde. Der junge «Spiegel»-Mann hinterfragt das nicht weiter. Es ist jener Ressortleiter, der dem BR Rede und Antwort stand.
Für den Unterricht ein GlücksfallDer Alleintäter-These neigen zwar noch immer zahlreiche renommierte Historiker zu, an deutschen Schulen wird die Urheberschaft am Reichstagsbrand aber längst wieder kontrovers diskutiert.
Im vom Bundesbildungsministerium finanzierten «Exil-Club» des Online-Projekts «Schule ans Netz» werden die Thesenapparate beider widerstreitenden Ansichten erfasst und zur kritischen Auseinandersetzung vorgestellt.
Wer welcher These zuneigt, ist Gegenstand freier Meinungsbildung aus pädagogischer Sicht ein Glücksfall für die Lehre. In der Beschäftigung mit dieser Materie lernen die Schüler dann auch gleich, Polemik von Sachargument zu unterscheiden.