Bildungsmisere:
Von Finnland lernen, heißt von der DDR lernen
Soeben startete die Bundesbildungsministerin Annette Schavan eine neue Bildungsinitiative. Innerhalb von fünf Jahren soll die Zahl derer halbiert werden, die in Deutschland die Schule ohne Abschluss verlassen, immerhin derzeit etwa 85.000 Schüler.
Mit den Ländern sollen Modelle entwickelt werden, den Schulabbrechern zu Abschlüssen und damit zum Eintritt in den Arbeitsmarkt zu verhelfen. Angedacht sind dabei auch Zwangsmaßnahmen. Schaut man sich die Klagen aus der Wirtschaft über unfähige Bewerber mit Abschlüssen an, sind solche gutgemeinten Initiativen ein Witz. Gibt es in Deutschland wirklich so viele Lernschwache oder liegt es am Schulsystem?
Zudem drängten die Babyboomer in qualifizierte Ausbildungen. Seit Beginn der siebziger Jahre gab es in den Bundesländern zahlreiche Experimente mit ganz unterschiedlichen Schulmodellen. Die Diskussion um die Bildung war allerdings von den ideologischen Parolen der 68er-Kampfstimmung geprägt, die bis heute die sachliche Auseinandersetzung erschweren und eher zurück zu alten Modellen führten.
Als Schnellmaßnahmen wurden in einigen Bundesländern so genannte Schnellläuferklassen eingeführt, die Schülern – wie schon zu Bismarcks Zeiten – nach der vierten Klasse den Übergang zum Gymnasium ermöglichen. Dem massiven Autoritätsverlust deutscher Lehrer soll mit der Wiedereinführung der im Westen seit den Sechzigern fast überall abgeschafften Kopfnoten für das Betragen begegnet werden.
Das finnische Schulsystem hat aus Sicht seiner Kritiker einen unverzeihlichen Webfehler: es wurde zu Beginn der siebziger Jahre vom Einheits-Schulsystem der untergegangenen DDR inspiriert.
Was das finnische System zu leisten vermag, lässt sich erst ermessen, wenn man sich die Defizite des deutschen Pendants anschaut. Diese strukturellen Mängel sind längst durch internationale Studien belegt.
Während die Hochschulen bestens ausgestattet sind, liegt der entscheidende Primärbereich mit Vor- und Grundschule weit unter dem OECD-Durchschnitt. Unter steuerlichem Aspekt führe das deutsche System zu einer finanziellen Umverteilung zu Lasten der sozial Schwachen.
Das Fehlen einer geregelten Vorschulbildung fördert die Benachteiligung von Kindern aus sozial schwachen Familien und Familien mit Migrationshintergrund. Bei Jugendlichen fehlt es an einer grundsätzlichen Absicherung der Lernbedürfnisse. Statt zu fördern und zu integrieren basiert das deutsche Schulsystem auf sozialer Ausgrenzung und Selektion.
Vier bis sieben Millionen Deutsche sind als funktionale Analphabeten einzustufen. Lehrmaterial und Lehrmethoden sind veraltet, Lehrer mangelhaft ausgebildet, die Lehre insgesamt zu wenig flexibel und innovativ.
Einem Mangel an Durchlässigkeit sollte auch die Schulpädagogik der DDR begegnen. Hier ging es um Chancengleichheit, die eben kein ideologisches Konstrukt aus sozialistischen Zeiten ist. Und die Finnen suchten schlichtweg Möglichkeiten, auch der Landbevölkerung zu guter Bildung zu verhelfen.
Das finnische Schulsystem belässt alle Schüler bis zum Abschluss der neunten Klasse beisammen und öffnet erst danach die Wege in die berufsbildenden oder gymnasialen Züge. In diesen neun Jahren bleibt kein Schüler sitzen, jeder erreicht aufgrund individueller Förderung das Klassenziel.
In der Lehrerausbildung ist die Vermittlung von Lernbegeisterung von wesentlicher Bedeutung. Nur geeignete Studenten dürfen ein Lehramtsstudium aufnehmen. Hier findet eine strenge Selektion statt. Finnische Lehrer sind schlechter bezahlt als deutsche und nicht verbeamtet. In den Schulen selbst gibt es neben den Lehrern Lehrerassistenten, Psychologen und Sozialarbeiter.
Auch unter dem Kostenaspekt unterläuft Finnland den Mainstream. In sämtlichen Reformdiskussionen in Deutschland ist von der dringend notwendigen Senkung der Staatsquote die Rede, wozu insbesondere auch Kürzungen im Bildungssystem beitragen sollen. Finnland bringt für sein Bildungssystem jährlich etwa 5,7 Prozent (2001) des Bruttoinlandsprodukts auf, Deutschland liegt mit 4,3 Prozent (2001) am unteren Ende der OECD-Länder.
Wenn in Deutschland nicht auch hier ein Umdenken im Interesse der Bildung stattfindet, kann man die Reise nach Finnland sparen, weiter das Fehlen von Lernbegeisterung durch die kostengünstige Verteilung von Kopfnoten therapieren – und sich in lautstarken Scheindiskussionen bis Sanktnimmerlein ideologisch beharken.
