28. Nov 2006 09:17
Gibt es heute noch echte Diven? Die Netzeitung sprach mit der amerikanischen Sopranistin Renée Fleming über Charisma, wieder entdeckte Opernarien und die Vermarktung von Glamour.
Erst kürzlich beklagte die «New York Times», dass das Zeitalter der großen Diven vorbei sei. Es gebe keine Sängerinnen mehr, die wie einst Renata Tebaldi die großen dramatischen Partien von Verdi und Puccini interpretieren könnten, hieß es polemisch. Wer sich heute an diese Rollen wage, werde zwangsläufig an den unerreichbaren Diven von einst gemessen.Vorgängerinnen von Tebaldi und nicht minder berühmter Kolleginnen wie Maria Callas und Joan Sutherland waren die Bühnenstars des Fin de Siècle, die nicht nur durch ihre Stimme, sondern auch durch eine gekonnte Selbstinszenierung berühmt wurden. Als unnahbare Idole posierten sie zwischen exotischen Palmen und ausgestopften Raubkatzen, ihre Rollen spielten sie nicht nur auf der Bühne, sondern auch privat. Leben und Kunst waren für sie ein und dasselbe.
In das «Goldene Zeitalter» der Oper kehrt die amerikanische Sopranistin Renée Fleming mit ihrem neuen Album «Homage. The Age of the Diva» zurück, das sie mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters unter Leitung von Valerij Gergijew aufgenommen hat. Das Repertoire beschränkt sich dabei nicht auf das Fin de Siècle, es reicht von Smetana und Verdi bis hin zu Korngold, Cilea und Richard Strauss.Mit den wieder entdeckten Arien will Fleming vor allem an Opernsängerinnen wie Rosa Ponselle, Mary Garden und Maria Jeritza erinnern. Wie später die Filmstars in Hollywood verstanden sie es, sich clever zu vermarkten und ein eigenes Image aufzubauen. Sie machten Werbung für Mode, Parfüm und Zigaretten und nutzten das moderne Medium der Fotografie, um ihr Bild auf Plakaten und Postkarten in alle Welt zu verbreiten.
Sie bewundere die magische Ausstrahlung dieser Operndiven, sagt Renée Fleming im Interview mit der Netzeitung. «Es ist erstaunlich, dass die Sängerinnen so berühmt geworden sind – schließlich gab es damals weder Radio noch Fernsehen, und im Kino wurden nur Stummfilme gezeigt.» Auch heute gebe es noch Stars mit viel Charisma – wenngleich die Distanz zum Publikum nicht mehr so groß sei. «Wir präsentieren uns eher wie normale Frauen», meint die Amerikanerin. Bühne und Privatleben hätten für sie nichts miteinander zu tun.Auf dem Cover ihrer CD stilisiert sich Renée Fleming immerhin zur mondänen Jahrhundertwende-Diva mit Diadem und glänzender Stola, um die artifizielle Atmosphäre jener Zeit einzufangen. Ihre Fantasie werde durch die Epoche angeregt, bekennt sie. Wie die Sängerinnen von einst lässt sich auch Renée Fleming Bühnenroben von Modedesignern schneidern - zu ihren Favoriten gehören Gianfranco Ferré, Issey Miyake und Oscar de la Renta. Vor übertriebenem Glamour und Starrummel scheut sie aber zurück.
«Das Image, das ein Sänger verkörpert, darf nie wichtiger werden als die Musik», sagt Fleming, die sich als lyrischer Sopran vor allem mit Mozart, Strauss und Dvorak einen Namen gemacht. «In der Oper besteht heute ohnehin schon die Gefahr, dass eher die Augen als die Ohren angesprochen werden.» Netzeitung: Ihr neues Album ist eine Hommage an legendäre Opernsängerinnen wie Geraldine Farrar, Mary Garden und Maria Jeritza. Sind solche Diven inzwischen ausgestorben?
Renée Fleming: Nein, es gibt immer noch Frauen, die auf der Bühne eine besondere Ausstrahlung haben und dem Publikum Musik auf ganz neue Weise nahe bringen. Dazu braucht man eine starke Persönlichkeit und Charisma. Der Begriff «Diva» hat heute allerdings auch eine negative Bedeutung, man assoziiert damit auch Temperamentsausbrüche hinter der Bühne. Die meisten denken heute bei Diven vor allem an Popstars und gar nicht an Oper.
Netzeitung: Was hat sich im Vergleich zu früher verändert?
Fleming: Damals wurde vor allem zeitgenössische Musik aufgeführt. Die Diven standen in engem Kontakt zu den Komponisten, die die Rollen genau für ihre Stimmen und Persönlichkeiten entwarfen. Einige Sängerinnen sind dadurch sehr berühmt geworden – obwohl es kein Radio und Fernsehen gab und im Kino nur Stummfilme gezeigt wurden. Auch die Schallplattenindustrie steckte noch in ihren Anfängen.
Netzeitung: Eine Diva hat etwas Göttliches, sie ist unnahbar und verkörpert einen unverwechselbaren Stil. Lässt sich in unserer schnelllebigen Zeiten eine solche Aura überhaupt noch bewahren?
Fleming: Sicherlich ist die Distanz zwischen uns Sängerinnen und dem Publikum heute nicht mehr so groß. Wir präsentieren uns eher wie normale Frauen. Noch vor 20 Jahren war das ganz anders, da hat man auch im Alltag eine bestimmte Rolle gespielt und eine andere Identität angenommen. Inzwischen sind viele Karrieren auch viel kurzlebiger als früher. Wenn Sänger sehr jung ins Rampenlicht treten, müssen sie sehr stark sein, um ihren Weg zu machen.
Netzeitung: Viele Stars werden heute rasch durch die Werbemaschinerie getrieben und «verheizt». Die Stimme kann dabei schnell verloren gehen...
Fleming: Ich selbst brauchte mehr als zehn Jahre, um meine Stimme zu entwickeln. Zum Glück hatte ich genug Zeit, um mich nur darauf zu konzentrieren. Erst später habe ich mich mit der Interpretation meiner Rollen auf der Bühne beschäftigt. Eigentlich habe ich erst jetzt meine volle Reife erreicht, einen Punkt, an dem alles perfekt zusammenpasst.
Netzeitung: Kommen wir zu Ihrem neuen Album, auf dem Sie viele vergessene oder gänzlich unbekannte Arien präsentieren – etwa von Smetana, Gounod, Tschaikowsky, Korngold und Janácek. Wie sind Sie auf diese Werke gekommen?
Fleming: Das ist eine lange Geschichte. Ich wollte endlich wieder eine CD mit verschiedenen Opernarien aufnehmen. Mein Vorbild war dabei die große australische Operndiva Joan Sutherland mit ihrem Album «The Art of the Prima Donna».
Netzeitung: Eines der bekannten Highlights auf der CD ist «Vissi d’arte» aus Puccinis «Tosca». Andere Arien wie «Tsveti moi» aus «Servilia» von Rimsky-Korsakow kannte selbst das Orchester des Petersburger Mariinsky-Theater nicht, mit dem Sie die CD aufgenommen haben. Wie offen ist Ihr Publikum für solche Entdeckungen?
Fleming: Das kann ich im Moment noch nicht beurteilen. Einige Leute werden die Arien gern und oft hören wollen, aber sagen vielleicht, das kenne ich nicht, daran muss ich mich erst gewöhnen.
Netzeitung: So etwas verschafft klassischer Musik aber nicht unbedingt ein größeres Publikum...
Fleming: Ich versuche immer eine gewisse Balance zu halten. Ich gebe auch gern populäre Konzerte wie in der Berliner Waldbühne, so etwas macht mir viel Spaß. Eine ganz andere Erfahrung war ein Konzert mit den Berliner Philharmonikern unter Claudio Abbado, bei dem ich vergangenes Jahr Lieder von Alban Berg gesungen habe. Ich finde es auch interessant, dass Vorstellungen live über das Internet übertragen werden, um ein breiteres Publikum zu finden. Das macht in dieser Saison zum Beispiel die Metropolitan Opera in New York. Wichtig ist, dass die Qualität immer an erster Stelle steht. Das Image, das ein Sänger verkörpert, darf nie wichtiger werden als die Musik.
Netzeitung: Was ist für Sie das Besondere am russischen und tschechischen Repertoire?
Fleming: Ich liebe es einfach, diese Stücke zu singen – auch wenn die Fremdsprachen viel zusätzliche Arbeit erfordern. Es gibt im Moment viele russische Sänger, die fantastisch sind. Umso mehr freut es mich, dass ich im nächsten Februar an der Met die Tatjana in Tschaikowskys Oper «Eugen Onegin» geben kann.
Netzeitung: Wie stehen Sie zu Regie-Experimenten auf der Opernbühne? In Deutschland hat die Absetzung einer umstrittenen Berliner Inszenierung von Mozarts Oper «Idomeneo» die Debatte über Werktreue neu entfacht. Einige Opernpuristen fordern sogar, dass es nur noch konzertante Aufführungen geben sollte...
Fleming: So etwas überrascht mich in Europa, wo das Musiktheater immer viel experimentierfreudiger war als etwa bei uns in den USA. Eigentlich ist es dabei wie mit zeitgenössischer Musik: Man kann nicht immer nur Neues schaffen, vor allem sollte man ein hohes Niveau erreichen. Bei neuen oder lange nicht aufgeführten Stücken ist Werktreue sicherlich sinnvoll.
Mit Opern, die ständig aufgeführt werden, kann man dagegen eher experimentieren. Das Publikum will ja nicht immer das Gleiche sehen. Wird die Dekonstruktion allerdings zu weit getrieben, kann auch das monoton und langweilig werden. Wir Sänger haben oft Witze gemacht über Inszenierungen, in denen wir mit Sonnenbrillen und in schwarzen Ledermänteln auftreten mussten. Das ging jahrelang so und war irgendwann überhaupt nicht mehr originell.
Mit Renée Fleming sprach Corina Kolbe
Das Album «Homage. The Age of the Diva» ist bei Decca Classics erschienen.
Renée Fleming erhielt kürzlich den Musikpreis Echo Klassik 2006 als Opernsängerin des Jahres für ihre Rolle der Daphne im gleichnamigen Werk von Richard Strauss. Am 28.11. tritt sie in der Berliner Philharmonie auf, am 30.11. im KKL in Luzern und 6.12. im Münchner Herkulessaal