04. Sep 2006 07:14
Maurizio Pollini gilt seit Jahrzehnten als Pianist von Weltrang. Die Netzeitung sprach mit ihm über die Vermarktung des Mythos Mozart und die wienerische Mehrdeutigkeit seines Werks.
Maurizio Pollini, einer der herausragenden Pianisten der Gegenwart, sieht das Mozartjahr dagegen als Chance, auch jüngere Leute mit dem Werk Mozarts vertraut zu machen. Er wehrt sich gegen die Vorstellung, Klassik dürfe nur einer kleinen Elite vorbehalten sein. Prinzipiell müsse jeder Zugang zu dieser Musik erhalten, meint der 64-jährige Mailänder, der vor allem wegen seiner technisch brillanten Interpretationen von Chopin, Beethoven und zeitgenössischen Komponisten als einer der Größten seines Fachs gilt.
Mit den Wiener Philharmonikern hat Maurizio Pollini jetzt eine CD mit zwei Konzerten für Klavier und Orchester aufgenommen, die das breite musikalische Spektrum Mozarts zeigen. Das Konzert KV 453 G-Dur komme eher der Kammermusik nahe, das Konzert KV 467 C-Dur hingegen den großen Symphonien Mozarts, sagte Pollini im Gespräch mit der Netzeitung.
Wir trafen Maurizio Pollini in Luzern, wo er mit dem Lucerne Festival Orchestra unter Leitung von Claudio Abbado Johannes Brahms' Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur aufführte.Netzeitung: Sie haben für Ihre neue CD mit den Wiener Philharmonikern zwei Konzerte von Mozart eingespielt – 30 Jahre, nachdem Sie mit demselben Orchester unter Leitung von Karl Böhm Mozart-Werke aufgenommen hatten. Warum haben Sie sich erst jetzt wieder diesem Komponisten zugewandt?
Maurizio Pollini: Mozart hat in meinem Repertoire immer eine wichtige Stellung eingenommen, auch wenn ich bisher wenige Aufnahmen seiner Werke veröffentlicht habe. Im Laufe der Jahre habe ich aber viele seiner Konzerte mit verschiedenen Dirigenten aufgeführt. Manchmal habe ich selbst vom Klavier aus dirigiert – wie auch jetzt bei der Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern, die eine ganz besondere Beziehung zu Mozart haben.
Netzeitung: Warum haben Sie sich gerade für die Konzerte G-Dur KV 453 und C-Dur KV 467 entschieden?
Pollini: Schwer zu sagen, im Grunde sind alle Konzerte von Mozart außergewöhnlich. Ich schätze diese beiden Werke zwar ganz besonders, könnte das Gleiche aber auch von vielen anderen Stücken behaupten.
Netzeitung: Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Mozart im Laufe der Zeit verändert?
Pollini: Ganz sicher habe ich einen immer tieferen Einblick in sein Werk gewonnen. Genies wie Mozart begleiten Musiker ein ganzes Leben lang. Jedes seiner Konzerte ist ein eigenes Universum. Keiner einzelnen Interpretation gelingt es, die gesamte Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten auszuschöpfen, die Mozarts Kompositionen bieten.Netzeitung: An der Oberfläche wirkt Mozarts Musik leicht und heiter, darunter kann sich jedoch tiefe Melancholie verbergen – wie etwa in dem großartigen Adagio des Konzerts A-Dur KV 488.
Pollini: Mozarts Musik ist doppeldeutig und damit typisch wienerisch. In ihrer scheinbaren Einfachheit liegt zugleich eine extreme Tiefgründigkeit. Um Mozart gerecht zu werden, muss man als Künstler vielleicht in einem besonderen Zustand der Gnade sein, wenn man seine Musik aufführt.
Netzeitung: Ist ein Gedenkjahr wie 2006 überhaupt notwendig, um Mozart zu würdigen?
Pollini: Nein, Mozart ist auch sonst immer präsent. Aber ein solches Gedenkjahr kann eine gute Gelegenheit sein, um auch seine weniger bekannten Werke kennen zu lernen. Ich habe dieses Jahr bei den Salzburger Festspielen einige seiner Soloklavierwerke gespielt, unter anderem das wunderbare Adagio h-Moll, das eigentlich viel bekannter sein müsste.Netzeitung: Das Mozart-Jahr ist allerdings auch auf Kritik gestoßen. Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt und der Pariser Operndirektor Gerard Mortier haben beispielsweise den großen Rummel um den Komponisten beklagt. Befürchten Sie nicht, dass eine übermäßige Vermarktung der Musik schaden kann?
Pollini: Dieses Risiko besteht in unserer Konsumgesellschaft in der Tat. Nicht nur Mozart, sondern auch andere Bereiche des kulturellen Lebens können davon betroffen sein. Dennoch hoffe ich, dass das Mozart-Jahr speziell die jungen Leute stärker an die große Musik heranführt.
Netzeitung: In gewisser Weise ist Mozart bereits ein Teil der Pop-Kultur. Denken Sie nur an «Amadeus» von Milos Foreman. Pierre Boulez hat allerdings einmal in einem Interview gesagt, Mozarts Musik sei zu keiner Zeit populär gewesen sei. Was meinen Sie dazu?
Pollini: Ich bin der Ansicht, dass klassische Musik jedem zugänglich sein sollte. Natürlich gibt es besonders sensible Menschen, die die Feinheiten der Musik von Mozart, Beethoven, Boulez oder Stockhausen besser erkennen können als andere. Als Musiker hoffe ich aber darauf, dass Klassik – einschließlich der Werke der Neuen Musik - immer mehr Zuhörer finden wird. Natürlich nicht um jeden Preis. Ich bin etwa gegen Aufführungen für ein riesiges Publikum, wenn dabei keine gute Akustik mehr garantiert werden kann.
Netzeitung: In Ihrer Konzertreihe «Perspektiven» in Wien bringen Sie zeitgenössische Musik mit herausragenden Werken aus der Vergangenheit zusammen. Was ist Ihnen dabei wichtiger – Kontraste oder verbindende Elemente?
Pollini: Beides. Ich habe keine Angst vor starken Kontrasten. Ich habe zum Beispiel Programme mit Werken aufgeführt, die sehr gegensätzlich sind und aus unterschiedlichen Epochen stammen. Ich wünsche mir, dass die Zuhörer erkennen, wie reich und vielfältig unser musikalisches Erbe und zeitgenössische Musik sein kann. Ich wäre glücklich, wenn junge Zuhörer, die banale, monotone Musik gewohnt sind, erleben könnten, dass es viel interessantere und emotional tiefer gehende musikalische Erfahrungen gibt.
Neue Musik sollte ständig ein großes Publikum haben, das diese neue Sprache begreifen will. Um Klassik zu verstehen, sollte man nicht bei Bach beginnen und sich schrittweise in die Gegenwart vorarbeiten – dieser Weg wäre viel zu lang.
Mit Maurizio Pollini sprach Corina Kolbe.
Mozart: Piano Concertos K. 453 & 467 ist bei der Deutschen Grammophon erschienen.