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Demographie im Nahen Osten: 

Kindermangel schwächt Hisbollahterror

24. Jul 2006 07:15
Pro-Hisbollah-Demonstration in Damaskus
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Es besteht ein deutlicher Unterschied zwischen Hamas und Hisbollah: Der Genozidforscher Gunnar Heinsohn glaubt, dass die niedrige Geburtenrate Libanons einen neuen Bürgerkrieg unwahrscheinlich macht.

Von Gunnar Heinsohn

Eine Muslimin, die vor Fernsehkameras den Märtyrertod eines Sprößlings preist, hat zu Hause noch weitere Jungen in Reserve. Rar hingegen ist die Frau, die ihren einzigen Sohn zum Selbstmordattentäter befördert sehen will. Der erste Muttertypus gehört zur Hamas und kommt aus Gaza, wo die Geburtenrate zwar nicht mehr – wie vor 15 Jahren – bei neun, aber immer noch bei sechs Kindern liegt. Die zweite Mutter lebt im Libanon, wo – Hisbollah hin oder her – seit 2005 mit 1,95 Geburten nicht einmal mehr die Nettoreproduktion erreicht wird.

Hamas ist eine Bewegung. Hisbollah ist eine Armee. Für die von niemandem benötigten Jünglinge der Hamas bleibt der Krieg die Option, die noch jeden Mann durch Sieg oder Heldentod versorgen kann (Thomas Hobbes). Für die Männer der Hisbollah hingegen gibt es Dienstränge, Aufstiegsschancen und Besitzstände. Auf Befehl greifen sie zur Waffe, aber es drängt sie weder an die vorderste Front noch vorzeitig ins Paradies.

Nicht verrückt, sondern rational

Weil der iranische Auftraggeber nicht nur die Vernichtung Israels im Programm hat, sondern dafür auch die Megatötungswaffen entwickelt, erhält ein zuvor eher mit Achselzucken bedachte Kleinangriff der Hisbollah diesmal nicht etwa eine «wütende» («FAZ») oder gar «verrückte» («Spiegel»), sondern eine professionelle Antwort: Ausschaltung der See-, Luft- und Landnachschubwege für iranische und syrische Waffen, Zerstörung der Radargeräte und dann das mühsame Ausschalten vieler hundert verbunkerter Raketenstellungen.

Falls Iran einmal den ganz großen Schlag führt, will Israel wenigstens im näheren Glacis Ruhe haben. An die 200 Zivilisten verloren bei 2000 israelischen Bomberangriffen ihr Leben, jeder einzelne Tragödie. Und dennoch: Kennt die Geschichte des Luftkrieges einen Fall mit weniger Kollateralschaden?

Libanons Bürgerkrieg

Obwohl Hisbollah eine Armee ist, will sie weiterhin wie die Bewegung wahrgenommen werden, die sie in den 1980er Jahren tatsächlich gewesen ist. Von 1975 bis 1990 bringen sich im libanesischen Bürgerkrieg 150.000 Menschen gegenseitig um. Auf Deutschlands Einwohner umgerechnet hätte es hier fünfzehn Jahre lang täglich tausend Tote gegeben. Es ist nun die Angst vor einem «Wiederaufflammen» jenes Bürgerkrieges, die den Politikern in Beirut, in Jerusalem und auch bei der Uno seit fünfzehn Jahren den Blick trübt.

Deshalb zieht Ehud Barak 2000 aus Libanon ab, ohne die vereinbarte Entwaffnung der Hisbollah auch durchzusetzen. Deshalb kann diese ungestört ein Arsenal von 12.000 Raketen ansammeln, mit dem jetzt geschossen wird. Deshalb zittert man 2005 beim Abzug Syriens vor neuem Blutvergießen und wundert sich, dass es ausbleibt. Und deshalb legt sich die legitime libanesische Regierung mit der Hisbollah nicht an.

Als der Libanon Gaza war

Dauern soll der Frieden zwischen den Religionen. Aber war das überhaupt ein frommes Gemetzel? Sicher schlagen fünfzehn Jahre lang Menschen aus fünf muslimischen und sechs christlichen Bekenntnissen aufeinander ein. Aber all diese Konfessionen gibt es vor dem Töten und nach dem Frieden auch. Sie mögen sich vorher und nachher nicht. Aber sie kommen miteinander aus.

Dafür gibt es etwas anderes vor dem Bürgerkrieg, das nachher nicht wiederkehrt. Die Libanesinnen der Jahre 1950 bis 1970 haben durchweg sechs Kinder und bescheren der «Perle des Orients» Schweiz einen tödlichen youth bulge (30 bis 40 Prozent aller männlichen Einwohner zwischen 15 und 29 Jahren). Der 1960 geborene Hisbollahführer Nasrallah ist eines von neun Geschwistern. Die Überzähligen dieser beiden Jahrzehnte dezimieren sich zwischen 1975 und 1990.

Damals ist der Libanon ein Gaza. Schon 1995 aber sackt die Geburtenrate auf 2,8 ab, wodurch ein wichtiger Grund für weiteres Töten entfällt. Deshalb wird es nach der militärischen Niederlage von Hisbollah zwar noch den einen oder anderen Schusswechsel, aber keinen Bürgerkrieg mehr geben. Die «arabische Schweiz» kann dann zurückkehren.

Keine Karrieremöglichkeiten

Weil der nachbarliche Bürgerkrieg nicht verstanden wird, zögert Israel die Neutralisierung der Hisbollah sechs Jahre hinaus und zahlt dafür jetzt teuer. Natürlich hätte die Welt gegen die Juden Israels vom Leder gezogen, wenn es den Aufbau der Kriegsmaschine an seiner Nordgrenze beizeiten unterbunden hätte. Aber es wäre nicht nur das Richtige gewesen, sondern hätte auch weniger Opfer gekostet.

Opfer von Hisbollahraketen in Haifa
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Stattdessen macht die Jerusalemer Führung denselben Analysefehler noch einmal. Man geht zum «Frieden» mit Arafat nach Oslo und doch fliegen einem alsbald die Brocken der zweiten Intifada um die Ohren. In jenem norwegischen «Heilsjahr» 1995 endet nämlich die Zeit, in der Israel zum letzten Mal wenigstens knapp so viele Männer zwischen 15 und 29 Jahren zur Verfügung hat wie die Palästinenser (610.000 gegen 690.000). Bei den Jungen unter 15 aber stehen heute 640.000 jüdische Jungen gegen 1,1 Millionen arabische.

Israel ist nicht mehr nur der David gegenüber dem islamischen Gesamt-Goliath, sondern sogar im eigenen Terrain. Frieden hätte damals demographische Abrüstung vorausgesetzt und nicht nobelpreiswürdiges Händeschütteln. Aber weitere eineinhalb Jahrzehnte garantiert die Weltgemeinschaft die Ernährung und Erziehung jedes palästinensischen Kindes.

Während alte Terrorstaaten von sechs auf weniger als zwei Kinder herunter gehen und dabei ruhig werden – Algerien (1,9 wie Libanon) oder Tunesien (1,7) – herrscht auf den Entbindungstationen der UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees) im Gazastreifen stetige Betriebsamkeit – ohne den Neugeborenen Karrieremöglichkeiten zu schaffen.

Tötungsintensivere Konflikte sind anderswo

Wer jetzt – wie für den Libanon – eine Friedenstruppe auch für Palästina fordert, kommt dort nur voran, wenn zugleich tunesische Geburtenraten erreicht werden. Aber selbst, wenn das in naher Zukunft gelänge, werden die Jungen, die in den nächsten fünfzehn Jahren «böse» werden, auf ihre Kämpfe nicht verzichten. Da nicht Israel das Problem ist, sondern der Pool zorniger junger Männer, kann von Israel auch keine Lösung kommen. Allerdings entschärft es in seinem Umfeld die Lage dadurch, dass es gezielt und nicht wahllos tötet.

Deshalb rangiert unter den 50 tötungsintensivsten Konflikten seit 1960 der Israel-Palästina-Konflikt auf Platz 46. In Algerien hingegen (von 6 auf 26 Millionen Einwohner zwischen 1941 und 1991), wo der gegenseitige Aderlass zwischen 1991 und 2005 abläuft, kann niemand irgendwelchen Juden die Schuld für den Konflikt in die Schuhe schieben. Weil hier keine der beiden Seiten an Mäßigung denkt, werden bei gegenseitigen Dörferabschlachtungen schnell über 150.000 Leichen erreicht.

Gefährlich wird es für Israel, wenn andere behaupten, es sei das Problem hinter den internen islamischen Massakern. Tödlich aber wird es, wenn auch im Westen so etwas ernsthaft geglaubt wird. Am Ende hat man dann die Juden geopfert, um sich anschließend in Gaza oder auf der West-Bank algerische Verhältnisse anschauen zu können.

Prof. Dr. Gunnar Heinsohn ist Leiter des Raphael-Lemkin-Instituts für Xenophobie- und Genozidforschung der Universität Bremen.

 
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