07. Apr 2006 07:15
Das große Interview. Im achten und letzten Teil bekennt sich Schmidt erstmals zu seiner Vergangenheit als Black Panther. Und er spricht über die Zukunft des Planeten.
94 Herr Schmidt, reden wir über den Kulturverfall.
Welchen denn? Ich habe drei Buchhandlungen in Gehabstand, wo ich alles bestellen kann, was ich möchte, und kann zusätzlich noch im Internet nachschauen. Das Programm der Kölner Philharmonie bricht aus allen Fugen - man muss nur hingehen. Der Ansatz, der nun folgt, kennen wir ja: Schwellenängste abbauen, unkomplizierte Virtuosen in Badehosen, um Jugendliche zu begeistern. Alles Quatsch. Es ist anstrengend, es ist Folter. Es ist unglaublich brutal, Klavier zu lernen. Es ist mit Prügel verbunden, gut, heute nicht mehr, aber mit Heulen.
95 Und wer lässt sich noch so quälen?
Meine Kinder. Ich verstehe das Geschrei um den angeblichen Verfall nicht. Es heißt, dass alle nur noch Playstation spielen. Viele spielen Playstation, sogar die meisten, aber nicht alle. Es gibt eben alles parallel. Da ist die Welt der Flachbildschirme: der Flachbildschirm ist le droit du peuple würde man als St.Just-Nachfahre sagen. Früher wünschte das Volk Baguettes, heute will es Flachbildschirme. Gib es ihm.
Und dann gibt es auch diese Welt: erstklassige Klavierlehrer, phantastische Geigenlehrer, sensationellen Ballettunterricht. Es gibt gute Schulen. Man muss nur hingehen. Es gibt gute Bücher. Man muss sie nur lesen. Aber das ist die Entscheidung des Einzelnen, nun rede ich schon wie Doktor Westerwelle, nie im Leben würde ich jemandem sagen, lies doch ein Buch.
96 Auch Ihren Kindern nicht?
Das ist etwas anderes, das sind meine Kinder. Ich rede ja von gewissen Schauspielern, die in stillgelegten Atomkraftwerken Rilke tanzen, in der Hoffnung, dass dann der Schlagstock weggelegt wird. Das ist nicht mein Ding. Aber im Privaten wird der ganze Kleinbürgerehrgeiz ausgelebt. Wir sind pünktlich da. Wir machen keine Schulden. Wir üben Klavier. So. Werte, Werte, Werte.
97 Nein, keine Werte, sondern...
...wieso schreibe ich dieses Buch eigentlich nicht «Sorge Dich nicht, spieße!»?
98 Ja, schreiben Sie es.
Nein, viel zu aufwändig.
99 Wieso? Sie haben doch schon mehr Bücher als Georg Büchner geschrieben?
Nicht wirklich geschrieben. Ich haben nur die «Focus»-Kolumnen zusammengepackt und auf den Markt geschmissen. Und ich bin ja auch etwas älter geworden als Büchner. Der arme Schorsch hat sich ja immer auch mit den Dramen so aufgehalten. Hätte er eine locker flockere Schreibe gehabt, Umwelt, Gletscher, Öko, dann hätte er sich dumm und dämlich verdient. Statt dessen diese Revolutionskisten, die auch noch so schwer zu spielen sind.
100 Gerade beim Schreiben sieht man doch: es geht nicht um Werte. Es geht um einen Aufwand, das Lustprinzip muss erst einmal zurücktreten, um dann vielleicht umso stärker zu wirken.
Ich habe mich durchgequält. Ich habe in kalten Kirchen Orgel geübt. Ich habe aber null Energie, wirklich null Energie, außerhalb meines privatesten Umfelds zu sagen: Entdecke doch die Schönheit eines Johann Sebastian Bach.
101 Man nahm solche Anstrengungen ja auch auf sich, weil man anders nicht reüssierte.
So ist es.
102 Aber es ist keine Freude, im Freibad lesen zu müssen, weil einem die Mädchen nicht anschauen. Und deshalb unternimmt die Gesellschaft alles, damit im Freibad nicht gelesen werden muss. Bildlich gesprochen.
Das römische Reich ist auch untergegangen. Dann kommt etwas anderes. Wenn die Afrikaner erst einmal in Mecklenburg-Vorpommern häuslich geworden sind, werden sie Fontane verschlingen. Die sprechen ja schon ein astreines Deutsch, wenn sie herkommen, weil sie es am Goethe-Institut gelernt haben, sofern das nicht vorher dichtgemacht wird. Völker gehen, Völker kommen, man nennt es Geschichte, gibt es auf DVD, mir fehlt eigentlich nur: Deutschland stirbt aus, was sagt das Ausland dazu?
103 Schön wäre: «Schade eigentlich, ihr seid gar nicht so schlimm.»
Oder: «Tut uns das nicht an!» Oder: «Wir drohen mit Sanktionen, wenn ihr aussterbt!» Allerdings ist vielen nicht klar, dass es dem Ausland am Arsch vorbeigeht. Man findet nicht statt. Und nochmals: das relativiert vieles. Ich kann ja verstehen, wenn es im Verdi-Streit um 38 oder 40 Stunden geht. Ich kann verstehen, dass die sagen «Ich habe keinen Bock, zwei Stunden mehr zu arbeiten für das selbe Geld oder weniger, wenn ich in der Zeitung lese, wer alles wohin in den Urlaub fährt». Nur ich glaube eben, dass die Zeiten nicht für diese Leute sind.
104 Man kann nichts tun?
Schauen Sie doch, was aus 68 geworden ist. 38 Jahre später ist das Projekt für absolut beendet erklärt worden: Patchworkfamilie stresst die Leute. Singles, Alleinerziehende, Kinderlose, öde Städte – Leute heiratet und pflanzt Euch fort. Wer sich damals groß aufgeregt hat, kann heute sagen: Den Stress hätte ich mir auch sparen können.
105 Vielleicht konnte man als denkender Mensch nicht anders?
Selbstverständlich nicht. Ich war ja auch Kommunist, Black Panther, Marxist, Vietnamkriegsgegner, Pfadfinder. Ich war das ja alles. Ich war fünf Jahre am Düsseldorfer Kommödchen und habe politisches Kabarett gemacht.
Robbenschlachten, Waldsterben, Nato-Doppelbeschluss, saurer Regen, Tschernobyl, jedes Thema in einem neuen Programm mindestens dreimal durchgearbeitet. Und was ist? Unsere gute alte Scheibe dreht sich immer noch.
106 Also verbringen Sie den Rest des Lebens in heiterer Gelassenheit?
Die Arten vergehen und entstehen. Bei Stephen Jay Gould habe ich gelesen, nur Viren und Bakterien werden überleben. Weil sie anpassungsfähig sind. Und ist es nicht eine Arroganz des Menschen zu glauben, er hätte mehr Rechte als so ein Virus?
Mit Harald Schmidt sprach Michael Angele