39 Fragen Spezial:
Harald Schmidt: So will ich den Fußball sehen
05.04.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Das macht ihn halt ausgewogener. Jeder spielt überall. Wenn man zufällig die Elfenbeinküste spielen sieht, wird man überrascht, dass da Didier Drogba spielt, den man ja von Chelsea kennt. Vielleicht gibt es jenes Denken noch ein wenig bei den Spielen gegen Holland. Aber auch da finden vorher Versöhnungsessen statt, und es umarmen sich Rudi Völler und Frank Rijkaard.
69 Schade eigentlich.
Das ist halt auch eine Generationenfrage. Aber da fällt mir gerade ein, Sie als Schweizer: Quali gegen die Türkei. Mit dabei die Kölner Alpay und Streller. Da hatten sie doch die Rivalität.
70 Die beiden haben sich längst wieder versöhnt. Alpay hat Streller sogar angeboten, sein Zimmerkamerad zu werden, was dieser allerdings abgelehnt hat. Den explosiven Cocktail aus Nationalismus und Fußball, wie er in der Türkei herrscht, will man natürlich auch nicht. Aber das zum Beispiel aus den Lokalderbys die Luft raus ist, ist eben doch schade.
Es sind ja auch die Zeiten vorbei, wo ein Trainer gut gefunden wurde, weil er sagte «Du musst auch mal eine Drecksau sein», oder «Ich will, dass die Jungs Gras fressen». Und in der Vereinsführung ist der jetzige Manager der Vernunftbetonte. Dietmar Beiersdorfer, der mit den Spielern spricht, der 1. FC Köln, der wirtschaftlich solide mit einem Etat von 34 Millionen in die zweite Liga geht.
71 Zum Glück gibt es noch Reiner Calmund.
Er hat nun eine Pressekonferenz gegeben, die alles übertraf, was ich je von einer Calmund-Pressekonferenz erwartet habe. Die sah ich live im Kölner Stadtfernsehen, das wiederum morgens zwischen 9 und 10 Uhr eine feststehende Kamera in einer Kölner romanischen Kirche hatte, dazu liefen gregorianische Choräle. Als ich das sah, habe ich sofort gesagt, Arte und 3sat können einpacken, dazu haben die nie den Mumm.
72 Ein Schmierenstück?
Ganz großes Theater. Thomas Bernhard: «Der Manager». Reiner Calmund zwei Stunden Monolog, inklusive Reinziehen der Journalisten, die er für Verbündete hält, inklusive Heulen - ganz großes Theater. Diese Pressekonferenz war sensationell. Für mich ist Calmund ein Künstler in einem Stück. Eine Kunstfigur.
73 Was hinter der Kunstfigur steckt, interessiert Sie nicht?
Überhaupt nicht. Ich will ja auch keinen Backstagebericht vom Fernsehen sehen, oder ein Hintergrundprobenbericht vom Theater. Ich will das Stück sehen.
74 Und dass einer volkstümlich daherkommt und möglicherweise auch ein Abzocker ist, interessiert Sie das?
Ich gehe davon aus, dass es so ist. Das Spannende für mich ist: wann kommt es wo und warum raus?
75 Und die Konsequenzen, interessieren die Sie?
Nein, dann bekommt man so eine Klassenkämpferattitüde. Nieder mit den Großkonzernen oder so.
76 Man kann ja auch nur fragen, wie Großkonzerne funktionieren.
Es ist klar, dass das Modell Calmund einmal zusammenbricht. Die Frage ist: in fünf, zehn oder in fünfzehn Jahren. Und natürlich ist auch der Typus Calmund theatralisch eigentlich durch.
Mein Lieblingspräsident ist immer noch der Bauunternehmer vom Typ Real Madrid. 500 Millionen Schulden, und ich kaufe sechs Galaktische. So will ich den Fußball sehen. Aber das wird langsam abgelöst durch den vernünftigen Sporthochschulabsolventen, der einem Spieler, statt ihn in die Spielhölle zu fahren, eine Therapie ermöglicht, um davon loszukommen.
77 Und welche Konsequenzen ziehen Sie? Eckhard Henscheid, der die Entwicklungen im kommerziellen Fußball bitter beklagt, geht angeblich zum Dorffußball.
Dorffußball interessiert mich nicht. Wie wir Gadamer-Schüler sagen: et illud fugit.
78 Aber für den Satiriker sind diese Entwicklungen doch tödlich. Sie müssen ja schon froh sein, dass sich Klinsmann ein bisschen renitent zeigt.
Deshalb habe ich mich ja von der WM verabschiedet. Das ist halt so. Es gibt ja zum Beispiel auch keine deutschen Ufa-Stars mehr. Dafür kommen neue Themen auf den Satiriker zu. Jetzt eben: Deutschland stirbt aus.
Bei der WM muss man halt nur erkennen, dass da satirisch nichts zu holen ist, und lässt die wursteln, die es nicht begreifen. Ich freue mich auf Ronaldinho und auf irgendwelche Überraschungsmannschaften. Ich weiß, wann die Spiele anfangen und wann sie aufhören.
79 Und vergessen das ganze Drumherum?
An diesem Drumherum finde ich ja toll, dass daraus eine neue Hysterie entstanden ist. Nun heißt es: Macht unsere WM nicht kaputt! Freut Euch!
80 Ich meinte ein anderes Drumherum. Das Kulturprogramm, die Witzigkeit, die es geben wird.
Das ist nicht auszuhalten, aber das ist ja klar. Ich mache es nicht aktiv mit, aber damit ist die Nummer für mich durch.
81 Sie würden nicht sagen: Leute, macht es wie ich.
Nein, das hätte ja etwas Pädagogisches, was ich völlig ablehne. Völlig.
Mit Harald Schmidt spricht Michael Angele. Lesen Sie am Donnerstag den siebten Teil des Gesprächs.

