30. Mrz 2006 19:34, ergänzt 31. Mrz 2006 10:22
Diese und kommende Woche spricht Harald Schmidt im großen Interview. Heute über eine wichtige Umfrage, die Gauloises Bleues auf dem Schulhof und das asiatische Jahrhundert.
27 Herr Schmidt, lassen Sie uns über Intellektuelle sprechen. Gibt es die überhaupt noch?Ich habe letzte Woche einen Anruf vom Magazin «Cicero» gekriegt. Ich bin in einer Umfrage auf Platz zwei der wichtigsten deutschen Intellektuellen gelandet, zwischen Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki.
28 Bravo.
Ich habe «Cicero» beglückwünscht zu diesem Ergebnis.
29 Mit Verlaub, Marcel Reich-Ranicki ist ein großartiger Kritiker, aber ein Intellektueller? Und Sie...
Ich bin auch kein Intellektueller. Aber als solcher bin ich abgestempelt worden. Als Fernseh-Intellektueller. Und im Zeitalter des Brandings ist so etwas sehr hilfreich. Ich widerspreche dem nicht.
30 Dabei würde man meinen, dass die Marke «Intellektueller» nicht besonders hoch im Kurs steht.
Das Kennzeichen des wahren Intellektuellen ist es, dass er in der Öffentlichkeit überhaupt nicht stattfindet. Wobei man natürlich Millionen von Schreiberlingen vor dem umgekehrten Glauben warnen muss: Nur weil ich kein Buch verkaufe, bin ich noch lange kein Intellektueller.
31 Was also ist ein Intellektueller?
Meine Vorstellung vom Intellektuellen: 90, blind, verschollen in einer Universitätsbibliothek in Buenos Aires oder Rom. Aber auf keinen Fall Talkshow-Teilnehmer oder Laudator bei irgendwelchen Wohlfühlawards.
32 In Frankreich gibt es allerdings eigene Gefäße für den Intellektuellen. «Apropos» und dergleichen.
Was? «Apostrophe» meinen Sie. Ach Quatsch, man versteht es nur nicht, hört diesen Sprachensingsang und es klingt wie Sartre. Als Deutscher ist man natürlich geneigt zu sagen, man hört das gerne. Das ist immer noch die Gauloises Bleues auf dem Schulhof.
33 Kommt es daher, dass wir einen Glucksmann sofort als einen Intellektuellen bezeichnen würden, einen deutschen Sachbuchbestsellerautor dagegen nicht?
Also, Glucksmann äußert sich doch zu allem und jedem. Das ist eine Art Botho Strauß für die zweite Fremdsprache.
34 In Deutschland gibt es immer noch verblüffend viele intellektuelle Zeitschriften, Periodika, Hefte, mindestens zwei Nachfolgetitel der legendären «Weltbühne»...
Die haben doch keine Auflage.
35 Genau. Die sind aus der Öffentlichkeit verschwunden. Und das macht die Autoren, die dort schreiben, nach Ihrer Definition möglicherweise zu wahren Intellektuellen.
Es gibt auf jeden Fall keinen Bedarf nach Intellektuellen in Deutschland. Das sehen Sie daran, wie mit jemandem umgegangen wurde, der zumindest in seiner Materie zuhause ist, mit diesem Professor, wie heißt er nur gleich? Kirchhof.
36 Ich dachte schon, Sie meinen Meinhard Miegel, den Verfasser der «Epochenwende».
Den ich übrigens gerne lese. Vom Infogehalt her. Für die schnelle Meinung zwischendurch. Schreibt seit Jahren immer das selbe: China macht uns fertig, die Renten sind am Ende, und bald sind wir alle 90.
37 Wieso lesen Sie das gerne, wenn Sie es schon kennen?
Ich mag bei all diesen Büchern, dass sie – bei 180 Seiten – auf Seite 160 eine Wende vollziehen: «Allerdings ist es noch nicht zu spät!» Das ist ja die deutsche Angst, auch mal negativ aufzuhören. Anstatt zu schreiben «Bestellen Sie sich ein reichhaltiges Mittagessen und drei Bier», wird immer die sozialdemokratische Hoffnung beschworen. Und die zieht das Ganze natürlich herunter.
Dabei ist es für mich ganz einfach. Frühere Generationen wurden von Menschen aus fremden Erdteilen bedient, wie wir aus Filmen wissen - «Sir, war der Tee in Ordnung?» Aber in Zukunft werden wir in diesen Ländern kellnern. Na gut, ich vielleicht nicht mehr.
38 In der Schweiz findet das schon statt. Da kellnern die Deutschen schon.
In der Schweiz habe ich eine Weltklassefigur entdeckt. Ein Holländer, der in einem Schweizer Bergrestaurant kellnert. Holländischer Akzent mit Schwyzerdütsch. «Kann esch seyn, dass ich dich us dem Fernscheh kenn?» Sensationell. Eine Sprache, die eigentlich nicht nachzuahmen ist.
39 Also kein Problem damit, dass die Deutschen entweder aussterben oder fremden Völkern dienen müssen?
Ich finde das alles überhaupt kein Problem. Ich finde sogar, dass die folgende These einmal herausposaunt werden müsste: Wer dagegen ist, dass jetzt das asiatische Jahrhundert kommt, der ist ein Rassist. Weil er ewig von diesen Völkern bedient werden möchte.
Mit Harald Schmidt spricht Michael Angele. Lesen Sie am Montag den vierten Teil des Interviews.