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39 Fragen: 

«Kein Mensch übt seinen Akzent»

12. Dez 2007 07:12
Der Entertainer: Howard Carpendale
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Wo ist Howard Carpendale eigentlich zu Hause? Kann man Charisma lernen? Und warum muss man das Publikum manchmal ein bisschen enttäuschen? Einer der letzten Entertainer Deutschlands hat Sophie Albers 39 Fragen beantwortet.


Legende will er nicht hören, Howie schon gar nicht. Wie nennt man also jemanden, der seit Jahrzehnten fester Bestandteil des deutschen Showgeschäfts ist bei konstantem Erfolg? Der Abschied genommen hat, doch nach drei Jahren Golf spielen in Florida mit großem Triumph wieder gekommen ist? «Entertainer», schlägt Howard Carpendale vor.

So hat er schließlich auch angefangen, damals als Zwölfjähriger in Südafrika. Doch dann hat es ihn nach Deutschland verschlagen, wo er in den Siebzigern zum Star avancierte mit dem, was damals Schlager hieß und was ihm noch immer anhängt. Aus der deutschen Popgeschichte jedenfalls ist der Mann mit der weichen Stimme und dem englischen Akzent nicht wegzudenken. Genauso wenig seine Hits von «Du fängst den Wind niemals ein» bis «Hello again».

Im Büro seines langjährigen Managers sitzt der 61-Jährige auf einer Couch neben einem steinernen Buddha und erzählt mal entspannt und mal aggressiv davon, was es heißt, sein Leben mit diesem Typen namens Howie zu verbringen, mit dem er nach blutigen Kämpfen nun endlich Frieden geschlossen habe, wie er sagt.


1 Eigentlich ist es Zufall, dass Sie in Deutschland gelandet sind, oder?

Ja. Wahrscheinlich hätte ich damals auch in Italien anfangen können. Es war nur ein Ein-Monats-Engagement mit einer Rockband, und wir haben in Düsseldorf gespielt. Zufällig auch sehr gut daran war, dass ich diese Sprache viel schneller lernen konnte als irgendeine andere, weil ich durch mein Leben in Südafrika schon an eine Sprache gewöhnt war, die dem Deutschen ähnlich ist.

2 Afrikaans. Können Sie das noch fließend?

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Das konnte ich nie fließend, ich habe diese Sprache gehasst wie die Pest. Das tun die meisten englischsprechenden Menschen Südafrikas. Das ist eine harte Sprache und keine sehr romantische.

3 Würden Sie Deutschland Ihre Heimat nennen?

Das ist eine schwierige Frage. Ich habe ein Drittel meines Lebens in Südafrika, ein Drittel in Europa und ein Drittel in Amerika verbracht. Manchmal frage ich mich selbst, wo meine Heimat ist. Sie ist zu Hause, wo auch immer das ist.

4 Ist Südafrika Heimat?

Es war eine herrliche Kindheit, aber ich würde im Moment dort nicht unbedingt leben wollen. Das Land hat eine sehr ungewisse Zukunft. Es ist auch sehr weit ab vom Schuss. Von Deutschland oder Amerika aus ist es ein enorm langer Weg. Es wäre einfach nicht praktisch, da zu leben und gleichzeitig in Deutschland zu arbeiten.

Ich empfinde eine große Liebe zu meinem Geburtsland. Aber es hat sich seit der Wende zu einem Land mit hoher Kriminalität entwickelt, ein Land in dem es offensichtlich sehr viel Korruption gibt, und etwa jeder fünfte Mensch hat Aids. Das sind alles nicht sehr schöne Voraussetzungen für ein Leben dort.

5 Ist das Showgeschäft Heimat?

Auf der Bühne fühle ich mich sehr zu Hause, ja.

6 Ist es egal, wo diese Bühne ist?

Nein, das ist nicht egal. Ich glaube, es gibt ein besonderes Verständnis zwischen mir und meinem deutschen Publikum. Wir haben einen Weg miteinander gefunden, und der hat zum Erfolg geführt. Ich habe seit 40 Jahren eigentlich nicht in Englisch gesungen. Ich bin ein deutscher Interpret. Vielleicht ist Deutsch eine Sprache, die mir einfach zum Singen sehr gut liegt, bei der alle notwendigen Elemente zusammen kommen. Irgendwie glaube ich schon, dass die deutsche Sprache für meine Art von Musik gemacht ist.

7 Nach mehr als 40 Jahren mit dieser Sprache haben Sie noch immer diesen Akzent. Pflegen Sie den?
Kennen Sie jemanden, der das verliert? Das gibt es nicht. Es gibt Leute, die leben seit 40 Jahren in Amerika und sprechen immer noch Englisch mit deutschem Akzent. Diese Frage höre ich seit 40 Jahren. Kein Mensch sitzt da und übt seinen englischen Akzent! Der bleibt immer. Es sei denn, man geht auf eine Schule und trainiert.

8 Ihre Stimme ist ja nun mal Ihr Instrument, Ihr Kapital, da könnte man sich vorstellen, dass Sie alles dafür tun. Diese Stimme ist Howard Carpendale.

Ich mach da nichts. Was sollte ich tun?

9 Atemübungen? Stimmübungen?

Nein. Bevor ich auf Tournee gehe, setze ich mich sehr oft ins Auto, fahre eine Stunde durch die Gegend und singe mit Musik. Aber ich mache überhaupt keine Übungen.

10 Und wie stehen Sie dann 76 Konzerte hintereinander durch?

Die Stimme schafft das. Das ist kein Problem, wenn man eine gute Tonanlage hat. Singen ist weniger anstrengend als Reden. Ich wundere mich über manche Sänger, die immer mit Schal rumlaufen, zum Warmhalten. Ich hab noch nie in meinem Leben etwas für meine Stimme getan. Ich glaube, je mehr Sorgen man sich macht, desto anfälliger wird man. Aber ich bin auch kein typischer Sänger. Ich wollte Sportler werden, meine Mentalität ist immer noch eher die eines Sportlers als die eines Musikers.

Musik und vor allem die Bühne sind etwas, für das ich eine sehr große Leidenschaft und sehr großes Verständnis habe. Aber ich bin kein Vollblutmusiker. Ich habe keine Ahnung von Harmonien und Tonarten. Das ist nicht mein Ding. Es gab viele Künstler aus der alten Schule, die so waren. Elvis Presley, mein größtes Idol, war auch kein Musiker, er war ein Entertainer. Er hat keine Lieder geschrieben oder nur ganz wenige. Ich habe dagegen 600 Lieder mit meinem Komponisten komponiert, aber mehr aus dem Kopf als aus dem Bauch heraus.

11 Ist Musik für Sie eher Handwerk oder eher Kunst?

Ich sehe sie als meinen Beruf an. Mit meinem Manager rede ich sehr viel über diesen Beruf, und auf der Ebene, wie wir über das Singen reden, würden die meisten Sänger da sitzen und sich fragen, wovon wir da eigentlich reden. Wir reden über Timing, Charisma, was auch immer das ist, wir gucken Shows zusammen an, wir haben ein absolutes Verständnis für das, was auf der Bühne passiert und was nicht passieren darf.

Das ist sehr schwer zu erklären, aber ich glaube, in Dieter Weidenfeld (Carpendales Manager, Anm. d. Red.) jemanden gefunden zu haben, den es nicht noch einmal in Deutschland gibt, und ich glaube, er würde das Gleiche über mich sagen. Meine Intelligenz auf allen anderen Gebieten ist ganz schön durchschnittlich, aber er findet, wenn es um künstlerische Intelligenz geht, habe ich diesen Beruf in mir.

Schon mit zwölf Jahren bin ich in Nachtclubs aufgetreten und habe Entertainment gemacht. Das Publikum war zum Teil besoffen, da lernt man sehr viel darüber, wie man mit den Menschen umgehen muss. Ich liebe meinen Beruf. Aber wenn ein Konzert zu Ende ist, gehe ich zurück zu meinen Musikern, und wir spielen Karten. Es geht bei mir nicht immer um diesen Beruf. Vollblutmusiker träumen häufig von ihrer Arbeit, ich tue das nicht.

12 Kann man Charisma lernen?

Man muss erstmal wissen, was das ist. Meine größte Lehrstunde in Charisma war in einem Konzert von Dean Martin in Las Vegas. Da hat er am Ende eines Liedes sein Mikrofon auf den Barhocker gelegt und ist ganz langsam 20 Meter über die Bühne zum Klavier gegangen. Alle haben nur da gesessen und zugesehen. Ich dachte, da geht was schief. Dann hat er am Klavier einen Schluck aus einem Glas genommen und ist die 20 Meter zurückgegangen.

Da war eine Minute Stille. Alle haben gedacht, das macht man doch nicht. Aber er tat so, als habe er das Publikum nicht bemerkt. Er kam nach einer Minute wieder am Barhocker an, nahm sein Mikro und sagte «Mensch, das hat gut geschmeckt», legte sein Mikrofon wieder weg und machte das Ganze noch mal. Da ist mir klar geworden, was Charisma ist: Mach', was du willst, aber mach' es so selbstbewusst, dass das Publikum sich wohl dabei fühlt.

Man muss von der Bühne aus der Chef sein, sonst hat man keine Chance. Vielen Künstlern merkt man ihre Unsicherheit an. Ich bin vor dem Auftritt nicht eine Sekunde lang nervös! Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich komme in den Saal um zehn vor acht, ich sitze rum und rede mit ein paar Leuten, und ich würde da sitzen bleiben, wenn mein Assistent nicht käme, um zu sagen, dass es acht Uhr ist.

Dann, ob Sie es glauben oder nicht, springe ich unter die Dusche, wasche meine Haare, mache mich fertig und bin um zehn nach acht auf der Bühne. Ich gehe raus und mache das, was ich liebe, aber ohne zu zweifeln, wird es heute Abend gut gehen oder nicht. Es ist einfach eine Selbstverständlichkeit, die durch die Erfahrung kommt.

13 Das war aber früher sicher mal anders.

C: Ja, viel früher. Als ich 20, 25 war, war ich eigentlich nicht sehr weit. Das kam im Grunde erst durch die Arbeit mit Weidenfeld, der Schauspieler war und sehr viel von dieser Branche versteht, so als wäre er selbst Sänger. Wenn ich ein Konzert gebe, sehe ich ihn so auf der halben Strecke mit dem Rücken zu mir stehen. Er guckt das Publikum an und analysiert alles, was da passiert. Danach kommen manchmal unglaubliche Sätze wie: «Bei der nächsten Tournee müssen wir das Publikum manchmal etwas enttäuschen.» Als ich gefragt habe, was er damit meint, sagte er: «Die gehen viel zu selbstverständlich aus dem Saal. Sie sagen zu denen, die sie abholen: 'Ja der Howie ist gut wie immer'.»

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Also haben wir das Publikum bei der nächsten Tour eine halbe Stunde lang bewusst hingehalten. Da war ein weißer Vorhang, fünf Musiker davor, und ich habe Lieder gesungen, die ich sonst nicht im Programm habe. Wir haben das Publikum gereizt, bis es ein bisschen irritiert war. Es gab Höflichkeitsapplaus. Ich stand vor dem Vorhang, neben mir spielte eine Geigerin, alles ein bisschen auf kitschig, aber eben absichtlich.

Und plötzlich erscheint ein Bild von der ganzen Welt, der Vorhang geht hoch, und da steht ein riesiges Orchester. Gänsehaut! Da sind die Leute nicht rausgegangen und haben gesagt, das war ok. Die sind rausgegangen und haben gesagt, das war ganz anders. Und das ist viel wichtiger für mich.

Mit Howard Carpendale spricht Sophie Albers. Lesen Sie morgen den zweiten Teil des Interviews.


 
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