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netzeitung.deKurt Krömer: Geile Schweine in der Hochkultur

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Wenn Bilder 'berlinern' könnten: Kurt Krömer (Foto: Jens Kalaene dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Wenn Bilder 'berlinern' könnten: Kurt Krömer
Foto: Jens Kalaene dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Können Komiker auch schauspielern? Passen Theater und Fernsehen zusammen? Und wie reagieren Zuschauer auf «Kacke»? Dritter Teil des Interviews mit dem Berliner Kabarettisten Kurt Krömer.

27 Herr Krömer, bei Karstadt am Hermannplatz wäre es lustiger gewesen als hier in der Schaubühne. Warum wollten Sie sich nicht mit mir in Neuköllns berühmtem Kaufhaus treffen?

Weil ich gleich auf die Bühne rauf muss. Ansonsten bin ich gerne oben im Karstadt-Restaurant, weil das Essen sehr lecker ist. Unten die Lebensmittelabteiliung ist fast wie im KaDeWe, feinschmeckermäßig.

28 Besser als die Schaubühnen-Kantine?

Die Kantine hier ist auch gut.

29 In zwei Stunden geht’s los. Meldet sich jetzt das Lampenfieber?

Wenn du im Ensemble spielst mit 14 Leuten, hast du kein großes Lampenfieber. Das verteilt sich, weil ich weiß, nach zwei Minuten 30 geht die Tür auf, dann kommt Kollege Bading rein, und ich muss das Ding hier nicht alleine stemmen.

30 Wie fühlt man sich denn als Neuköllner an der Schaubühne?

Mir kommt es vor, als ob ich schon 20 Jahre hier bin.

31 Ist es denn wirklich so langweilig im Subventionstheater?

Überhaupt nicht, jede Vorstellung ist anders. Gestern war ich krank, so dass ich vorher eine Vitaminspritze kriegte. Das war dann, als ob man was geraucht hätte. Wirkte alles merkwürdig zeitversetzt, und die Kollegen hatten diesen komischen Gesichtsausdruck, sodass ich immer rumgaggern musste auf der Bühne.

Das sind schon alles sehr geile Schweine hier. Dass ich als Neuköllner Pflanze, als jemand, der aus dem Proletariat stammt und ein Fernsehfuzzi ist, hier so freundschaftlich aufgenommen werde, hatte ich gar nicht erwartet.

32 Von der Kritik sind Sie nicht mit ganz so offenen Armen aufgenommen worden. Kurt Krömer kann gar nicht richtig schauspielern, war zu lesen.

Bei der Premiere saßen vorne 80 Kritiker in einer Trauerveranstaltung. Man hat bei einigen schon gesehen, wie sie mit Wut in die Vorstellung reingingen und schon wussten, dass sie es nicht mögen, wenn die «Fernsehnase» jetzt in der Hochburg der Hochkultur mitmacht.

33 Das können Sie sehen von da oben? Sie sollen doch spielen.

Während der Analpenetration sitze ich an der Rampe und gucke ins Publikum. Wenn der Doktor gefesselt aus dem Klo kippt, habe ich nochmal zwei Minuten, wo ich mich genau umschauen kann.

34 Da Sie die Analpenetration selbst ansprechen - Ihre Schauspielerkollegen müssen ständig die Hosen runterlassen. Sie dürfen immer hübsch den Bademantel anbehalten. Wurden irgendwelche Sonderrechte vereinbart?

Nein, ich hatte sogar was in dieser Richtung angeboten. Aber vielleicht wollte keiner das Elend sehen. Es ist im Nachhinein auch gut so, da hätte sich die Boulevardpresse doch drauf gestürzt, mit Fotos in Nahaufnahme. Nee, besser nicht.

35 In der Premiere haben uns Sitznachbarn wütend angeschaut, weil wir so gelacht haben, als die «Kacke» durch die Gegend flog. Hat sich das Publikum nach der zehnten Vorstellung endlich locker gemacht?

Es ist doch klar, dass das Stück polarisiert. Es gibt immer fünf bis sechs Leute am Abend, die rausgehen, die dem nicht standhalten können, was da passiert. Wobei ich mich immer frage, was genau das sein soll. Aber vielleicht ist das so in der Hochkultur.

36 In der Hochkultur wird normalerweise auch nicht berlinert. Können Sie oder wollen Sie kein Hochdeutsch sprechen?

Josef Bierbichler redet ein breites Bayrisch. Das finde ich hervorragend. Genauso Thomas Thieme. Der sächselt in jeder Rolle, was ich schon mal lustig finde. Er zieht das auch den ganzen Molière, viereinhalb Stunden, so durch. Bayrisch reden darf man, Berlinern nicht? Das ist ein Gossenjargon, wurde immer gesagt.

37 Bierbichler, Thieme, Krömer, was wollen Sie denn? Die Schaubühne scheint doch auf dem besten Weg, eine Mundartbühne zu werden.

Müsste ich jetzt in einem Drama einen Psychopathen oder Frauenschänder spielen, hätte ich Wert darauf gelegt, dass die Figur nicht mit Kurt Krömer verbunden ist. Aber im Fall Gordon Miller ist völlig klar gewesen, Kurt Krömer spielt im Ensemble mit und ist auch Kurt Krömer.

38 Warum eigentlich? Der Mensch, den Sie spielen, heißt Miller und ist ein notorisch klammer Theaterproduzent.

Die Rolle ist zu 100 Prozent Kurt Krömer. Ich kenn die ganze Arie aus meiner Zeit in Neukölln. Da ging's darum, dass ich kein Gas bezahlen konnte. Mal kamen die Leute, die das Gas abgestellt haben, dann spazierte der Gerichtsvollzieher vorbei. Da hätte ich eine Drehtür einbauen können, weil die bei mir ein- und ausgingen.

39 Ich habe Sie lange für einen Ossi gehalten, der einen Neuköllner spielt. Bis ich dann gelesen habe, dass Sie ein Wessi sind, den viele für einen Ossi halten. Liegt's am Berliner Dialekt?

Ich denke schon. Nach der Wende hat mich ein Schauspielkollege auf eine WG-Party in der Nähe des Deutschen Theaters mitgenommen, wo ich lauter Künstler und Intellektuelle treffen sollte. Dann saß ich da in großer Runde, alle berlinerten - von wegen «Jibt man hier noch dat Bierchen rüber», «Marina! Roswitha!, kricht man hier och ma wat zum Essen?»

Ich habe mich den ganzen Abend gefragt, wo die Intellektuellen bleiben. Finde ich klasse, dass der Chefarzt in der Charité berlinerte und der Maurer auch und die Intellektuellen genauso. Im Westen wurde es den Leuten abtrainiert.

Mit Kurt Krömer sprach Heike Runge.