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netzeitung.deKurt Krömer: Neukölln ist überall

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Respekt! Kurt Krömer (Foto: Daniel Porsdorf/Kurtkrömer.de<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Respekt! Kurt Krömer
Foto: Daniel Porsdorf/Kurtkrömer.de
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Taugt Harald Schmidts «Nazometer»? Wer ist eine «alte Kackbratze»? Gibt es einen spezifischen Problembezirkshumor? Zweiter Teil des Interviews mit dem Berliner Kabarettisten Kurt Krömer.

14 Herr Krömer, was halten Sie eigentlich von Harald Schmidts und Oliver Pochers «Nazometer»?

Den Nazometer fand ich nicht besonders lustig. Da hat Schmidt schon andere Dinger gebracht, über die man wirklich lachen musste. Ich mag die Sachen, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Als er Hitler als Bruno Ganz-Darsteller imitiert hat und die Schneeflocken rieselten - das war gruselig-lustig.

15 Hatten Sie selbst schon mal Stress wegen politisch inkorrekter Witze? Dann wäre ein Nazometer doch hilfreich.

Ich bin nun nicht der Florian Silbereisen der Comedy-Szene. Es schreien auch nicht alle «Hurra, da ist er wieder». Richtigen Ärger hatte ich aber nicht, Beschwerden gab es mal, weil ich in meiner Show geraucht habe. Da war dann einer, der wollte bis zum Bundesgerichtshof gehen.

16 Aha, Kurt Krömer ist Raucher. Als nikotinsüchtiger Anarchist stehen Ihnen demnächst im rauchfreien Deutschland schwere Zeiten bevor.

Privat rauche ich gar nicht. Es ging gegen diese Ausgrenzung der Raucher. Das wollte ich boykottieren.

17 Harald Schmidt denkt schon mal laut über seinen Rückzug nach. Sie gelten als junge Humor-Hoffnung. Was halten Sie als Newcomer denn von der Verjüngungskur der Harald Schmidt-Show mit Oliver Pocher als Nachwuchskraft?

Klar, das neue Konzept ist noch wackelig. Das muss sich noch einspielen. Die Aufgeregtheit, mit der alle sagen, das ist Scheiße, verstehe ich aber nicht. Das war doch immer so: Harald Schmidt war jahrelang Scheiße, und dann war er jahrelang Gott. Und dann kriegt Gott wieder einen Arschtritt. So funktioniert das Spiel.

18 Kann man Witze über den Nationalsozialismus und den Umgang damit machen?

Satire darf das. Harald Schmidt darf das. Die Pointe muss dann aber auch Weltklasse haben. Ist doch kacke, wenn ausgerechnet der Gag geschmacklos ist.

19 Was geht denn gar nicht?

Wenn Horst Mahler in der «Vanity Fair» Michel Friedman mit «Heil Hitler» begrüßt. Da weiß man einfach, jetzt ist es richtig böse und es gibt eine Anzeige. Das ist dann fast schon wieder eine Werbekampagne.

20 Auf mich wirken Sie geradezu liebenswürdig. In Ihrer Show schüchtern Sie die Gäste dagegen mit unverschämten Fragen ein. «Na, du alte Kackbratze» ist zu Ihrem Schlachtruf geworden.

Warum sollte ich denn unhöflich sein? Ich bilde mir ein, dass ich den Leuten mit Respekt begegne. Gepöbelt wird dann auf der Bühne, da kann ich die Sau rauslassen. Meine Masche ist, dass ich gern nach oben trete, aber nicht nach unten. Wenn ich mich lustig mache, dann nicht über Putzfrauen, sondern über meine Intendantin oder den Unterhaltungschef beim Fernsehen.

Was soll ich denn auch anderes sagen? Klingt doch blöd, wenn ich sage, privat bin ich ein Arschloch.

21 Kurt Krömer privat - gibt es den überhaupt? Wenn Sie Ihre Mutter anrufen, melden Sie sich dann mit Ihrem Künstlernamen und sagen «Hallo, hier ist Kurt?»

«Krömer» sag ich meistens. Auch Freunde nennen mich «Krömer». Das ist dann nicht «Herr Krömer» mit Siezen, sondern einfach «Krömer», nicht wie ein Nachname, sondern wie ein Phänomen. Krömer wie Spaghettisauce. «Da kommt der Krömer» eben ...

22 ... Krömer aus Neukölln. Da hab ich als Studentin auch mal gewohnt. Aber groß rumerzählt hab ich es nicht. Bei welcher Gelegenheit haben Sie gemerkt, dass man mit der Herkunft aus dem so genannten Problembezirk ganz gut kokettieren kann?

Ich habe immer dazu gestanden, dass ich aus Neukölln komme und berlinere und so rumlaufe, wie ich rumlaufe. Künstler-Kollegen haben mir immer gesagt, das darf man nicht machen. Das fand ich dann interessant, gegen den Strom zu schwimmen. Nur so entsteht eine Einzigartigkeit.

23 Mögen Sie es, wenn Sie als berühmtester Neuköllner in Berlin erkannt werden?

Auf jeden Fall. Ich wollte doch bekannt werden und jetzt ist es passiert. Andererseits bin ich auch nicht Thomas Gottschalk. Wenn ich am Flughafen Tegel stehe, bilden sich keine Trauben, so dass ich dann drei Flüge absagen muss und meine Frau Thea fleht, «jetzt aber, Thommy, komm endlich, bitte.»

Die Berliner sind überhaupt sehr cool. Die sagen kurz «Hallo, Herr Krömer!» und laufen dann weiter. Das ist so, als würde man zur Arbeit in die Betriebshalle fahren. Da heißt es dann auch nur «Mahlzeit» und fertig. Die Leute sehen mich doch nicht als den großartigen Künstler, der durch Kreuzberg schwebt. Ich bin einer von allen.

Manchmal bin ich fast schon verdutzt und denke, wat denn jetzt, werd ich mal angesprochen? Wird jetzt mal was durchdiskutiert? Wird jetzt mal danke gesagt, dass ich für euch arbeite? Aber dann sind die schon längst zu Hause und haben das vergessen.

24 Ach, Sie leben in Kreuzberg! Und aus welcher Ecke von Neukölln kommen Sie ursprünglich? Echtes oder so gennantes Neukölln?

Boddinstraße. Das ist Neukölln-City.
25 Machen Sie mal Reklame für den Kiez! Warum ist Neukölln attraktiver als Wilmersdorf? Was finden Sie toll?

Die Ehrlichkeit. Die Leute haben so viele Probleme mit sich selbst oder mit Jobs oder mit den Jobs, die sie nicht haben, dass sie keine Muße haben, irgendwas aus sich zu machen, was sie nicht sind. Dann mag ich das Multikulturelle. Das ist in Neukölln einzigartig.

26 Nun loben Sie bitte noch den Neuköllner Humor. Versteht man Ihren proletarischen Witz in anderen Bezirken überhaupt?

Die Leute lachen doch alle gleich. Ob in Neukölln oder in Kiel oder in Freiburg.

Meinen ersten Auswärtstermin hatte ich vor vier Jahren in Ingolstadt - und das lief. Wenn ich sage, ich komme aus Neukölln, wissen die Leute überall Bescheid. Neukölln gibt's auch in Ingolstadt. Vielleicht nicht gleich einen kompletten Bezirk, aber auch in Ingolstadt gibt's einen Straßenzug oder mindestens eine Sackgasse, die als unfein gilt. Zu sagen, genau da komme ich her, um diese Grundhaltung geht es doch.

Mit Kurt Krömer spricht Heike Runge. Lesen Sie morgen den dritten Teil des Interviews.