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Holm Friebe: Die Arbeit von gestern

24. Aug 2007 07:30
Vorne die neue, hinten die alte Arbeit: Holm Friebe, im Hintergrund die Zentrale von Ver.di
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Gibt es ein Leben ohne Arbeit? Was trennt Gewerkschaften und Freiberufler? Kehrt die New Economy zurück? – Dritter Teil des Interviews mit dem digitalen Bohèmien Holm Friebe.

27 Herr Friebe, ein Buch von Ihnen heißt «Wir nennen es Arbeit» und auch in unserem Gespräch geht es ständig um Arbeit. Sind Sie vom Thema Arbeit besessen?

Besessen nicht. Das Thema ist zu gut, um es anderen zu überlassen. Die Zentrale Intelligenz Agentur, in der ich mitarbeite, wollte anfangs nur gemeinsame, zweckfreie und nicht-kommerzielle Projekte machen. Wir haben überlegt, wie Firmenstrukturen aussehen sollten, in denen Leute miteinander arbeiten, die gewöhnliche Firmenstrukturen satt haben.

Das ist eine große Aufgabe, weil man dabei vieles neu erfinden muss. Für viele Antworten, die wir gefunden haben, gab es erst später technische Hilfsmittel, sodass wir einiges immer wieder anpassen und neu adaptieren mussten. Gleichzeitig merkt man, dass man mit solchen Fragen und Überlegungen nicht alleine ist. Der Stand der Produktionsmittel hat einfach ein Niveau erreicht, bei dem man sich fragt, warum es immer noch Leute gibt, die anders arbeiten.

28 Wir sitzen hier im Garten des Radialsystems in Berlin-Mitte gegenüber der Verdi-Zentrale, der Trutzburg der Arbeiterschaft. Für die ist ein Leben ohne Arbeit gar nicht denkbar. Gilt das auch für Sie?

Ich merke, dass ich darauf fixiert bin, ein paar selbst gesteckte Ziele zu erreichen. Nach einem geschriebenen Artikel, einer erledigten Arbeit, fühle ich mich besser. Das Programm des glücklichen Nichtstuns kommt für mich nicht in Frage – meine psychische und soziale Disposition lässt das nicht zu.

29 Warum nicht? Sich einfach zurücklehnen, das Leben genießen …

Dann stimmt bei mir die Ökologie des Gleichgewichts, die die frühen Glücksphilosophen beschrieben haben, nicht mehr. Ins süße Nichtstun muss sich das Produktive einsortieren, die Mischung muss stimmen.

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30 Das klingt fast so, als spräche hier ein Gewerkschafter.

Ich bin einer, wenn auch ein untypischer. Am Anfang von Monty Pythons Film «Der Sinn des Lebens» gibt es die schöne Szene, wo ein altes Behördenhaus einen neuen Konzern mit verspiegelter Fassade angreift. Alte Ärmelschoner tragende Beamte attackieren junge Manager mit Geodreiecken und Zirkeln.

Anders gesagt: Die alte Arbeitswelt lehnt sich gegen die neue auf. Es gibt nun mal unterschiedliche Modelle und Vorstellungen von dem, was Arbeit ist und wie die Zukunft der Arbeitswelt aussehen könnte. Auch unsere Häuser stehen sich auf den ersten Blick scheinbar unversöhnlich gegenüber.

31 Auf den zweiten Blick aber nicht?

Genau. Zum «9 to 5»-Kongress haben wir eine Gewerkschaftsfunktionärin eingeladen, die bei Ver.di die Arbeit der so genannten Freien organisiert und damit auch nicht immer einen leichten Stand hat.

Was die Gewerkschaft für ihre Klientel macht, ist wichtig. Es ist nur nicht unsere Klientel. Die Frage ist, ob unsere Klientel nicht die Gewerkschaftsklientel der Zukunft sein könnte. Oder müsste. Bisher werden Freiberufler und Selbstständige als latente Bedrohung und Konkurrenz für das Heer der abhängig Beschäftigten wahrgenommen. Dabei gibt es gerade unter den prekären Selbstständigen viele, die eine starke Institution im Rücken bräuchten, um ihre Interessen zu vertreten.

32 Hatten Sie schon einmal eine Festanstellung?

Der erste feste Job war auch gleichzeitig der einzige – in einer Hamburger Unternehmens- und Trendberatung.

33 Wie kamen Sie denn dahin?

Mehr in der Netzeitung:
Über ein Praktikum. Die Schnittstelle von Feuilleton und Wirtschaft hat mich immer interessiert. Ich habe Volkswirtschaft und Kulturwissenschaften studiert. Im Wirtschaftsstudium fehlte die Kultur und in den Kulturwissenschaften fehlte die Wirtschaft. In der Trendberatung kam beides zusammen.

34 Und davor? Ferienjobs?

In den Ferien habe ich immer in der Steuerberaterpraxis meines Vaters gejobbt. Hängen geblieben ist davon aber nichts. Deswegen frage ich mich immer noch, wie man in Freiberufler-Strukturen, die eher amöbenhaft sind und sich kaum mit dem bürgerlichen Gesetzbuch in Deckung bringen lassen, mit so etwas wie Buchhaltung überhaupt umgehen kann. An die monatliche Umsatzsteuererklärung fürs Finanzamt überhaupt nur zu denken, ist eine große Herausforderung.

35 «Die Welt neu erfinden», heißt es im Faltblatt zum Kongress. Was für eine neue Welt ist das – eine ohne Umsatzsteuererklärung?

Eine Welt, in der alle Zahlungsvorgänge elektronisch über das Handy abgewickelt und gleich zum Finanzamt durchgemeldet werden. Die Institutionen kreativ an die Erfordernisse des Alltags anzupassen – das wäre schon mal was.

36 Klingt nach FDP.

Dieses liberale Gejammer gegen staatliche Schikanen ist furchtbar und negiert auch, dass der Staat einen Anspruch auf einen Teil der unternehmerischen Einkünfte hat. Schließlich stellt er ja die Infrastruktur bereit.

Schikanös ist allein die Antiquiertheit von Verwaltung. Ist es denn wirklich so schwer, ein wenig Web 2.0 in sich aufzunehmen? Wer einmal versucht hat, sich mit einem Mac-Rechner durch das Anmeldeverfahren zum Elster-Online-Formular zu hacken, der weiß, was ich meine. Geschmeidige Benutzbarkeit sieht anders aus und würde das Leben vieler Menschen einfacher machen.

37 Es gibt Schlimmeres. Es häufen sich in jüngster Zeit so einige Phänomene, die befürchten lassen, dass die New Economy zurückkehrt.

Ist mir auch aufgefallen. Vor allem was das Personal bei Meetings angeht. Von den Zauberformeln Web 2.0 und Social Commerce geweckt, erheben sich einige Zombies wieder aus dem Grab, verfallen gleich in heftige Betriebsamkeit und packen, als ob nie etwas gewesen wäre, ihre Excel-Sheets und Business-Pläne aus. Man muss sehr genau hinsehen, wer da was macht.

38 Und was sieht man dann?

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Die meisten Leute, denen man heute in diesem Geschäft begegnet, sind sympathischer als es selbst der netteste New Economy-BWLer je war. Die aktuelle Generation wurde im Netz sozialisiert und nicht im Wirtschaftsseminar oder im Manager-Crashkurs. Sie weiß, wie die Produktionsmittel funktionieren und muss Technik nicht delegieren. Bislang habe ich noch nicht gehört, dass die After-Work-Partys wiederaufleben. Von daher besteht Hoffnung.

39 Die Betriebsmassagen sind schon wieder sehr im Kommen.

Dann ist es ernst.

Mit Holm Friebe sprach Maik Söhler.



 
 
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