23. Aug 2007 07:07
Geld verbrennen, von den 68ern lernen und Firmen gründen: Zweiter Teil des Interviews mit Holm Friebe, digitaler Bohèmien und Mitveranstalter des Kongresses «9 to 5 - Wir nennen es Arbeit».
14 Herr Friebe – lassen Sie uns über Geld sprechen. Was bedeutet es Ihnen persönlich?Da bin ich sehr konservativ und sicher kein klassischer Unternehmer. Ich würde nie Schulden machen, auch nicht, um eine Idee zu realisieren. So dreht man natürlich keine großen Räder.
Geld ist notwendig. Und Geld ist als Anerkennung interessant, als Rückmeldung anderer Menschen, die mich für meine Arbeit damit bezahlen.
15 Beim «9 to 5»-Kongress taucht Geld erstmal nur in der Form des Geldverbrennens auf. Wollen Sie etwa die New Economy zurück? Da wurde ja wahnsinnig viel Geld verbrannt.
Das Motto Geldverbrennen zielt auf die schöne und rätselhafte Aktion der Band KLF aus den Neunzigern. Nachdem Sie mit mehreren Nummer-Eins-Hits viel Geld verdienten, verbrannten sie auf einer schottischen Insel eine Million Pfund – kommentarlos, unter Ausschluss der Öffentlichkeit – und verließen das Musikgeschäft, um in die Kunst zu wechseln.
Gleichzeitig gibt es einen Link zur New Economy mit ihrer Burn-Rate, dem raschen Verbrennen von Marketing-Geld, um als Firma so schnellstmöglich zu wachsen. Aber für uns ist das Geldverbrennen mehr eine Chiffre, um das Feld zwischen Ökonomie und Kunst in den Blick zu nehmen.
16 Erklären Sie das bitte genauer. Ich verstehe immer noch nicht, was an verbranntem Geld eine Chiffre sein soll.
Im System der Kunst war die Aktion von KLF eines der ganz großen Statements. Es zeigt, dass es ums Geld allein nicht gehen kann, und schlägt der buchhalterischen Logik offen ins Gesicht.
17 Geld verbrennen geht gar nicht, solange es Armut gibt. Und: Ich weiß, wie spießig das für Sie jetzt klingt.Man sollte die Problematik des Erfolges nicht unterschätzen. Was macht man mit Geld? Wie geht man damit um? Wie weit lässt man sich vom Erfolg in bestimmte Strukturen pressen, die man nie gewollt hat? Geld verbrennen ist eine Möglichkeit, diese Fragen zu beantworten. Wenn auch meiner Meinung nach nicht die beste.
18 Sie haben den Begriff der digitalen Bohème mitgeprägt. Mal angenommen, jemand gibt Ihnen eine Million Euro. Der klassische Bohemien nimmt das Geld und feiert damit ein rauschendes Fest. Der prekäre Netizen [Net + Citizen, Anm. d. Red.] nimmt das Geld, um daraus ein neues Projekt aufzubauen. Wofür entscheiden Sie sich?
Ich würde es in eines unserer Vorhaben stecken – in die Verstetigung des Kongress- und Festivalgedankens. Also Büroräume mit Wlan zur Zwischennutzung für Freiberufler zu konzipieren; öffentliche Großraumbüros, die nach dem System von Fitness-Clubs via Mitgliedschaft organisiert sind und die es in möglichst vielen Städten geben sollte. Darein würde ich gerne Energie und, wenn vorhanden, auch Geld stecken.19 Dieses ganze Freiberuflertum, ist das jetzt nur eine Phase oder hat das Zukunft?
Es gibt eine links-sozialdemokratisch sozialisierte Generation, die durch 1968, antiautoritäre Erziehung und das süße Gift der Selbstverwirklichung eigentlich verdorben sein müsste für Verzicht, aufgeschobene Entlohnung und alles weitere, was klassische Arbeitsverhältnisse bieten.
Über lange Zeit hätte ich die Wette gehalten, dass nicht mehr alle rein wollen ins konventionelle System der Arbeit. Vor allem hätte ich gedacht, dass das Exklusivitätsdogma bröckelt, also dass man nur einem Arbeitgeber dienen kann. Mittlerweile bin ich mir unsicher geworden, glaube aber, dass die Anzahl der Leute, die nicht reinwollen, weiter anwächst.
20 Das mag für Menschen in einer bestimmten Altersspanne gelten. Wer 25 ist, ist flexibler als jemand mit 45.
Wir erfinden das Rad nicht neu. Auf dem Kongress wird es auch darum gehen, 68er mit ihren Erfahrungen zu Wort kommen zu lassen, die das alles schon einmal durchexerziert haben: Ökonomie, besseres Leben, anders wohnen, anders arbeiten. Solche Verbindungslinien sind viel stärker als jene innerhalb einer Altersgruppe, wo viele immer noch das Sicherheits- und Karrieremodell wollen.
21 Ein Rückblick auf 1968 und die Folgen birgt die Gefahr, frustriert zu werden.
Man kann auch etwas lernen. Zum Beispiel was mit Organisationen passiert, wenn sich aus ihnen heraus Firmenstrukturen bilden und plötzlich einer den Chef gibt. Einige der Experimente aus den Siebzigern sind daran gescheitert, dass sie ökonomisch nicht funktionierten. Andere sind daran gescheitert, dass sie ökonomisch zu gut funktionierten und zu dem wurden, wogegen sie sich immer gewandt hatten.
Mit den aktuellen technischen Mitteln, etwa bei Abstimmungen, sollte doch die Möglichkeit bestehen, heute zu Organisationsformen zu kommen, die professionell, aber nicht hierarchisch sind.
22 Gibt es ein Beispiel dafür, wie das aussehen könnte?
Sehr viel von heute erkenne ich wieder, wenn ich Bernd Cailloux’ Buch «Das Geschäftsjahr 1968/69» lese. Vor allem, was seine Erfahrungen mit der Muße-Gesellschaft angeht, die sich aus dem Kunstschulen-Umfeld gebildet hat. In Deutschland lief man damals noch mit Pepita-Hütchen rum, während aus den USA schon die psychedelische Revolution rüberschwappte. Das Programm der Muße-Gesellschaft war es, den Stroboskop-Blitz nach Deutschland zu bringen und daraus ein marktfähiges Produkt zu machen – mit dem erklärten Ziel, die psychedelische Revolution voranzubringen und damit die Gesellschaft in den Grundfesten zu verändern.Wegen des großen Erfolges mündete das Ganze dann in etwas, was sehr viel mit den Verlockungen des Geldes und Marketings zu tun hat …
23 … in Unternehmertum …… ja. Und daran zerbricht die Muße-Gesellschaft dann auch.
24 Es ist also ein Negativ-Beispiel. Oder ist reines Unternehmertum etwa Ihr Ziel?
Interessant ist vielmehr, dass Leute, die sich früher allein politisch oder künstlerisch zusammengefunden hätten, nun geneigt sind, über die Organisationsform der Firma nachzudenken. Superflex, eine dänische Kunstgruppe, stemmt nun lauter Firmen in die Welt, die als angewandte Kunstprojekte gedacht waren. Sie haben gemerkt, dass sich Wirkmacht erst so richtig in der Firma entfaltet.25 Wenn Sie mal zurückdenken – können Sie sich schneller an Ihren ersten Job oder an Ihr erstes Unternehmen erinnern?
An das Unternehmen, auch wenn damals der Unternehmergedanke nicht im Vordergrund stand.
26 Was für eins war es?
Ich gab in Münster ein Fanzine mit dem Titel „Luke & Trooke“ heraus, eine Vorstufe zur Zentralen Intelligenz Agentur, teilweise sogar mit denselben Leuten. Wir haben mit den Mitteln des Comics, der Literatur und der Theorie auf die deprimierende Eintönigkeit des Münsteraner Studentenlebens geantwortet. Über Anzeigenerlöse haben wir zumindest manchmal kostenneutral gearbeitet.
Wenn Sie so wollen, handelte es sich dabei um erste Schwimmversuche im Nichtschwimmerbecken des Unternehmertums.
Mit Holm Friebe spricht Maik Söhler. Lesen Sie morgen den dritten Teil des Interviews.