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Holm Friebe: Die Trends von morgen

22. Aug 2007 07:17
Trendforscher, Ökonom, Journalist: Holm Friebe
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Arbeit ohne Dienstplan und intellektuelle Problempornos - Holm Friebe sieht seltsame Dinge auf uns zu kommen. Maik Söhler hechelt mit dem Kulturjournalisten und digitalen Bohèmien einige Trends durch.


Holm Friebe, geboren 1972, ist einer der Gründer des Kultur- und Online Netzwerkes Zentrale Intelligenz Agentur, das schon einige Male den Ingeborg-Bachmann-Preis abräumen konnte. Friebe hat zusammen mit Sascha Lobo im vergangenen Jahr das Buch «Wir nennen es Arbeit» über die «digitale Bohème» der prekären Freiberufler veröffentlicht, ist einer der unzähligen Autoren im Weblog Riesenmaschine.de und veröffentlicht Artikel über Kultur, Internet und Gesellschaft in diversen Medien.
Wir treffen uns im Radialsystem in Berlin-Mitte. Hier wird am Donnerstag der mehrtägige und von Friebe mitveranstaltete Kongress «9 to 5. Wir nennen es Arbeit» beginnen. Gegenüber befindet sich mit der Zentrale der Gewerkschaft Verdi ein Bollwerk der organisierten Arbeiterschaft, die auf Begriffe wie «prekär», «Bohème» und «Freiberufler» immer noch empfindlich reagiert.

1 Ein Kongress steht an, auf dem es neben Arbeit, Geld und Weltverbesserung auch um unsere Zukunft geht. Sie selbst haben schon Trendkolumnen geschrieben. Lassen Sie uns bitte schnell einige Trends durchhecheln. Ich gebe Ihnen ein Stichwort und Sie sagen mir was kommt. Wir beginnen mit: Arbeit.

Rowe. Results Only Work Environment. Wird in den USA schon erfolgreich geprobt. Rowe hat nichts mit Gleitzeit oder der Vier-Tage-Woche zu tun. Die Leute arbeiten einfach so wie sie wollen. Sie müssen nur ihr Pensum schaffen und sich mit den Kollegen absprechen.

2 Internet.

Widgets natürlich. Egal ob als Bedienelement einer grafischen Oberfläche oder als kleine, in die großen Sozialen Netzwerke einbaubare Formate. Gerade ist ja alles Widget.

3 Design.

Spiegelnde Flächen, Logos auf glatten Oberflächen, überhaupt kristalline, klare Grundierungen.

Mehr im Internet:
4 Logo.

Nicht totzukriegen, wird aber kleiner und will nicht mehr angebetet werden.

5 Kultur.

Hm, vielleicht Stadtentwicklung als angewandte Kunst.

6 Stadt.

Ich bin gerade sehr im Bannstrahl von Tyler Brulé und seinem Heft «Monocle». Das Magazin ist widerlich, weil es den jetsettenden kultivierten Yuppie imaginiert, für den Geld sowieso keine Rolle spielt. Und es ist interessant, weil es sich um einen melancholischen Yuppie handelt, der weiß, dass das Leben, das er führt, nicht das ist, was er führen will.

Er hat Sehnsucht nach der perfekten Stadt und «Monocle» listet ihm die am meisten geeigneten Städte auf. Im letzten Heft war München die beste Stadt, Berlin tauchte in der Liste nicht mal auf. Daran sehen Sie, auf welches Publikum das abzielt. Der Trend in diesen Kreisen geht zum idyllischen Großdorf mit guter Flughafenanbindung.

7 Medien.

Fällt mir nichts zu ein.

8 Sex.

Das ist nun wieder spannender. In den Siebzigern gab es in Hollywood die Idee, dass Pornos etwas Emanzipatorisches hätten. Nach den ganzen voyeuristischen Privatfernseh-Exzessen der neunziger und frühen nuller Jahren sind wir nun an einem Punkt, an dem man ernsthaft und intellektuell anspruchsvoll über abseitige Sexfantasien und -praktiken reden kann. Das ist reizvoll und bringt einen zu der Überlegung, ob die Zeit nicht reif für Intellektuellen-Pornos wäre.

Internet-Check:
Startseite: Riesenmaschine.de

Online-Zeit pro Tag: Zwölf Stunden

Lieblings-Weblog: We make money not art

Online-Shopping: Ja

BlackBerry oder Handy: Handy

Netz-Vorteile: Einfach alles
9 Wie sähe so ein Porno denn aus?

Es gibt eine karge Küchensituation, wo ein Mann und eine Frau zähe Problemgespräche führen und zwischendrin wird gevögelt. Und es wird viel geraucht.

10 Haben wir noch ein wichtiges Trendthema vergessen?

Konsum. Körperpflege- und Milchprodukte nähern sich im Supermarktregal immer weiter an, manchmal bis zur Ununterscheidbarkeit. Etwas Grundlegender sollte man noch das Prosuming erwähnen, also Produkte, die man mithilfe des Internet selbst erstellen oder verändern kann.

11 Mir fällt auch noch was Absurdes ein: Politik.

Links. Gerade jetzt, da der Aufschwung anzieht und die Leute ihre nackte Existenzangst verlieren, wünscht sich die Mehrheit in Deutschland mehr soziale Gerechtigkeit und mehr Staat.

12 Was bedeutet für Sie links?

Auf dem Kongress «9 to 5 – Wir nennen es Arbeit» wird es eine Veranstaltung zur Frage «Was wäre ein linker Neoliberalismus?» geben. Deshalb hier und jetzt nur so viel: Wie mehr Freiheit in Arbeitsdingen zusammengeht mit mehr Staat, das könnte ein Ansatz sein. Ein anderer wäre, ganz banal und pathetisch, dass man gegen die Institutionen Unternehmen und Familie die Freundschaft stark macht und damit nebenbei auch noch der Bierwerbung die Freundschaft wieder entreißt.

Freundschaft braucht außerdem Orte, auch öffentliche Orte, das könnten zum Beispiel die Kieze sein. Die gute alte europäische Geselligkeit in einer moderneren Form, das wäre schon mal nicht schlecht.

13 Klingt wie CSU.

Das liegt jetzt an dem Wort Geselligkeit. Okay, bleiben wir bei Freundschaft und Loyalität, die nicht an Unternehmenshierarchien und Blutsbanden hängt.

Mit Holm Friebe spricht Maik Söhler. Lesen Sie morgen den zweiten Teil des Interviews.


 
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