39 Fragen:
Julia Seeliger: Meine Politik
27. Jul 2007 10:28
 |  Im Netz eine Piratin. Und in der Politik? Julia Seeliger | Foto: Privat |
|
«Justizministerin Zypries weiß nicht, was ein Browser ist» - der dritte Teil des Interviews mit Julia Seeliger über die Generation Internet, Technikmuffel bei den Grünen und moderne Politik im Netz.
27 Neulich war im Netz ein Video zu sehen, auf dem Kinder Bundestagsabgeordnete über ihre Computerkenntnisse befragten. Ihr Parteikollege Christian Ströbele sah da ganz alt aus. Über Computer wusste er gar nichts.Es gibt viele Beispiele, an denen deutlich wird, wie gering die Kenntnisse über Computer und Netze in der Politik manchmal sind. Nehmen sie nur unsere Justizministerin. Sie weiß nicht, was ein Browser ist, obwohl sie maßgeblich über die Zukunft des digitalen Raums mitentscheidet. Paradox, nicht wahr?
28 Ist das bei den Grünen – Ströbele ausgenommen – denn anders?
Natürlich nicht. Manchmal müssen mich Parteikollegen erst mit der Nase darauf stoßen, dass alles, was ich über die Chancen und Möglichkeiten des Internet weiß, in der Partei erstmal vermittelt werden muss. Viele geben offen zu, dass sie davon nichts verstehen. Sie sind in einer anderen Zeit aufgewachsen und fordern nun zu Recht, dass wir Jüngeren ihnen helfen.
29 Aber im Bundstag über den Hackerparagrafen oder das neue Urheberrecht abstimmen, müssen die schlecht informierten Parlamentarier dann doch. Die Grünen tragen dort Entscheidungen mit, die nicht gerade Ihre politische Meinung widerspiegeln dürften.
Ich muss ja nicht mit allem einverstanden sein, was meine Partei im Bundestag mitentscheidet. Und umgekehrt muss sie auch nicht jeden meiner Gedanken teilen.
Wichtig ist, dass die Bedeutung und der Umfang der digitalen Welten in der Partei endlich ernst genommen werden. Auch auf Besonderheiten kommt es an: Die Ökonomie immaterieller Güter muss nicht nach denselben Regeln funktionieren wie die Ökonomie materieller Güter.30 Erklären Sie das bitte genauer.
Für eine MP3-Datei, die man ohne Verluste millionenfach kopieren kann, muss man vielleicht ein anderes Wirtschaftsmodell finden als für eine Schallplatte. Die Idee beim neuen Urheberrecht war ja, Innovation und Kreativität anzuregen.
31 Herausgekommen ist eine Strafandrohung für Tauschbörsenbenutzer. Die Grünen haben nicht dagegen gestimmt, sondern sich der Stimme enthalten.
Ja. Wichtige Fragen sind im parlamentarischen Diskussionsprozess einfach untergegangen: Wie lange braucht man einen Urheberrechtsschutz? Kann etwas, dass 70 Jahre nach dem Tod eines Autors noch gilt, den Autor motivieren, weitere Werke zu schaffen? Wohl kaum, er ist ja tot.
32 Das sind interessante Fragen, gewiss. Aber eine Stimmenthaltung im Parlament ist etwas anderes als eine Ablehnung.
Da haben wir Vertreter eines modernen Urheberrechts zu wenig Zeit gehabt, um die Stimmung zu beeinflussen. Leider muss ich immer wieder die Erfahrung machen, dass ich trotz meiner Kompetenzen in diesen Themen nicht eingebunden werde – das ist, wie man sich denken kann, auch nicht gerade motivierend.
33 Beim Hackerparagrafen hat die Fraktion sogar zugestimmt. Verzweifeln Sie da nicht?
Was soll ich dazu sagen? Ja, es ist zum Verzweifeln. Nach fünf Jahren bei den Grünen finde ich die Grundausrichtung aber immer noch richtig und ich weiß, dass man mit Engagement in der Partei auch etwas bewegen kann. Fragen Sie mich in fünf Jahren noch mal, vielleicht bin ich dann resigniert.34 Wer steht Ihnen näher: Junge politische Blogger, auch wenn sie einer anderen Partei angehören, oder ältere Grüne, die dieser ganze Technikkram nicht interessiert?
Meistens ist mir der ältere Grüne lieber. Alles andere klingt so nach «Generation Internet» oder einer ähnlichen inhaltsleeren Floskel.
35 Sie kann ja auch inhaltsvoll sein. Junge Grüne und junge Liberale dürfte doch beim Thema Online-Durchsuchungen einiges verbinden.
Auf Demokratie24.de gibt es ein Unterportal, wo Blogs von Politikern nebeneinander stehen. Läuft nicht so gut, glaube ich. Wenn man das aber an Netzpolitik festmachte, dann könnte es durchaus seinen Charme haben.
36 Wie erklären Sie sich, dass politisches Bloggen in Deutschland nicht so weit verbreitet ist wie in anderen westlichen Ländern?
Vielleicht vertrauen die Bürger hier der Politik mehr als in anderen Ländern. Oder die Wut auf die Herrschenden ist kleiner als anderswo. Oder man tut sich hier einfach mit dem Netz und der Technik schwerer. Ich weiß es nicht.
37 Ich glaube, es liegt daran, dass viele Blogger in Deutschland es gern harmonisch mögen. Wo Politik ins Spiel kommt, ist der Streit nicht weit.
Das kann sein. Vor allem ist die Blogger-Szene unglaublich selbstreferenziell. Viele Blogger berichten nur übers Bloggen und über Blogs.
38 Sie haben das Medienwatchblog «Spiegelkritik.de» mitgegründet. So wie sich das «Bildblog» mit den Fehlern der «Bild»-Zeitung beschäftigt, will dieses Blog auf Schwächen des «Spiegel» aufmerksam machen. Gab es einen Anlass?
Es war nicht die Titelgeschichte «Volksdroge Cannabis» und es war auch nicht «Der Windmühlen-Wahn», sondern ein schrecklicher Artikel über die Zukunft Deutschlands. Sinngemäß ging es darum, dass die Deutschen im Höchstfall nur noch ein Kind kriegen, die Migranten aber zwölf und dass deswegen der Untergang des Abendlandes droht. Gegen diese polemische Meinungsmache wollte ich was unternehmen.39 Aber Einträge von Ihnen finde ich auf «Spiegelkritik» nicht.
Ich habe mich anfangs um die Technik gekümmert, habe aber keine Zeit mehr. Da sind jetzt auch eine ganze Menge engagierter Menschen. Und letztens habe ich sogar mal wieder einen kleinen Artikel geschrieben.
Mit Julia Seeliger sprach Maik Söhler.