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39 Fragen: 

Peter Glaser: Das Internet ist Magie

11. Mai 2007 07:14
 Das Logo des Chaos Computer Club. Peter Glaser ist Ehrenmitglied
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Dritter Teil des Interviews mit Peter Glaser über den literarischen Wert der Videospiele und die Lust am Hacken.

27 Wir wissen heute, dass das Internet das Buch nicht verdrängen wird. Aber so richtig zusammen finden diese beiden Medien auch nicht.

Entgegen der falschen Annahme von Kulturpessimisten, wenn etwas Neues komme, müsse etwas Altes weichen, sind in der Geschichte der letzten paar tausend Jahre nur ganz wenige Kulturtechniken komplett verschwunden.

Das Internet ist zwar, was Literatur, Sprache und Text angeht, mit dem Anspruch angetreten, für einen Kulturbruch zu sorgen und hunderte Jahre der Linearität im Umgang mit Texten schnell hinter sich zu lassen. Durch die Vernetzung und Links sollte alles anders sein. Es sind simple Querverbindungen, wie man sie auch in einem gedruckten Erzählband machen kann. Heute reiht sich das Schreiben im Netz in eine Art gehobener Linearität ein.

28 Was ist denn aus der viel gepriesenen Netzliteratur geworden?

Die meisten Autoren mussten für das Formale, die Technik usw. zu viel Energie aufwenden. Für die sprachliche Qualität blieb da nicht viel übrig. Und: Seien Sie bitte nicht so ungeduldig. Das Internet ist als Medium noch in der Steinzeit.

29 Sie kommen gerade von einer Lesereise aus den USA zurück. Wie steht es dort um die Verbindung von Netz und Literatur?

Nicht viel besser. Obwohl die literarische Tradition des Landes sehr eng mit dem Journalismus verbunden ist. Und der Journalismus funktioniert im Netz ja gut. Ich hatte in Chicago eine Diskussion mit einigen an deutscher Literatur interessierten Professoren über das einzige wirklich erfolgreiche Netzliteraturprojekt: Videospiele.

Man erkennt heute nicht mehr die Netzliteratur in ihnen, aber die Adventure Games haben als rein auf Text basierte Spiele begonnen, in denen man sich zwar vernetzt fortbewegen kann, aber das Prinzip heißt Text, Story, Plot. In ihrem ureigenen Interesse wäre die Literaturwissenschaft doch angehalten, sich dieses neue Genre zu krallen.

30 Wie würden Sie einem Menschen, der noch nie einen Computer oder das Internet gesehen hat, erklären, was genau er da vor sich hat?

Ich würde sagen: «Das ist pure Magie.»

31 Wie kommen Sie denn darauf?

Die Realität hat längst ein gutes Stück der Science Fiction übernommen. Spielen wir doch mal Zeitmaschine und lassen Goethe in ein Wohnzimmer des 21. Jahrhunderts stolpern. Was er sehen würde, wäre schiere Magie. Fernbedienungen, Telefone oder Bildschirme, die sich ihm als Fenster präsentierten, die irgendwohin führen, wo eigentlich gar nichts ist.

Oder ohne Zeitmaschine ausgedrückt: Professor Anton Zeilinger beamt Teilchen, Wissenschaftler erforschen die Antischwerkraft, Mauspfeile werden mit Gedankenkraft gesteuert. Da ist die Trennung von Zukunft und Gegenwart längst aufgehoben. Einiges davon mag selbst unter Experten noch exotisch klingen, aber man arbeitet fleißig daran.

32 Das klingt sehr optimistisch.

Finden Sie? Aber ich bin doch auch ein Skeptiker. An so manchen düsteren und nebligen Herbsttagen zweifle ich daran, ob eine von diversen Seite korrumpierte Wissenschaft dem neuen Ansturm des Glaubens überhaupt noch etwas entgegensetzen kann, ob Forscher nicht irgendwann all den Ratzingers und Ayatollahs unterlegen sein werden.

33 Das wiederum klingt sehr pessimistisch.

Nicht pessimistisch, skeptisch. Schon in den 70ern hatten die Hippies eine starke esoterische Ader, da kam langsam New Age auf. Heute ist New Age Mainstream. Es ist eine fehlgeleitete Art von Literatur: Phantasie, die für wahr gehalten werden möchte.

34 Naja, was ist schon New Age gegen den von Computern generierten Fortschritt.

Als Junge wollte ich immer Naturwissenschaftler werden. Später gab es einen Bruch, als ich feststellen musste, dass Mädchen Jungs mit Gitarren der organischen Chemie vorziehen. So kam ich zur Kunst. Ein Popstar ist aus mir nicht geworden, aber ich habe angefangen zu schreiben und mich mit Computern beschäftigt. Computer haben mich euphorisiert, genauso wie Punk. Es gab Monate, in denen man morgens aufgestanden ist und das Gefühl hatte, dass die Luft brennt. Als Gegenkraft zur Euphorie brauche ich aber den Skeptizismus. Der erdet so schön.

Peter Handke hat mal in seinem Frühwerk eine kurze Notiz geschrieben: «Abends im Bett gelegen und eine Rede an die Menschheit gehalten.» Handke ist ja völlig humorlos. Ich habe 30 Jahre Handke gelesen und noch nie gelacht. Der meint das also ernst. Gegen dieses Schwärmerische setze ich die Skepsis und die genaue Beobachtung.

35 Gibt es etwas, dass der Glaube dem Wissen voraus hat?

Die große Tragödie der Aufklärung ist, dass die Irren immer die besseren Geschichten erzählen. Geschichten von fremden Mächten, großen Plänen, unfassbaren Geheimnissen. Die Aufklärung ist oft schlicht und ernüchternd.

36 Mein Eindruck von Ihnen ist, dass Sie alles was Sie tun, spielerisch machen.

So ist es. Von Nietzsche stammt der Satz: «Man muss als Mann den Ernst wieder finden, den man als Kind beim Spielen hatte.» Meine große Sympathie für den CCC kommt auch daher, dass der CCC extrem verspielt ist. Alle hatten von Anfang an eine kulturelle und gesellschaftliche Perspektive und die Maschine bot eine Möglichkeit, einen Spielraum dafür. Der CCC hat in Deutschland noch einen anderen Spielraum geöffnet: Hacken als Spiel.

Da gab es diese großen Computernetze, von deren Existenz vor 20 Jahren nur Experten wussten. Wir wollten da auch mitspielen. Hacken ist wie ein Videospiel. Die Herausforderungen nehmen zu und es geht immer ein Level höher.

37 Jetzt brechen Sie das Hacken aber sehr weit runter.

Natürlich ging es auch um was Anderes. Etwa darum, dass aus öffentlichen Mitteln finanzierte Netze der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung standen. Das wollten wir ändern und diese Netze der Öffentlichkeit zeigen. Oder darum, am Gesellschaftsleben in den Netzen teilzunehmen. Aber es hatte schon auch viel von «Jugend forscht». Und, um im Bild des Videospiels zu bleiben, ging es auf dem letzten Level manchmal darum, die Mitspieler rauszukicken.

38 Würden Sie sich selbst als Hacker bezeichnen?

Ich weiß, wie das geht. Aber ich war immer nur der Beifahrer.

39 Was macht eigentlich «Die Nase der Sphinx», jener schon vor dem Erscheinen legendär gewordene Roman, an dem Sie seit Jahren schreiben?

Vor etwa 15 Jahren habe ich von Kiwi meinen ersten Vorschuss für den Roman erhalten und ich kann dazu heute nur dasselbe sagen, was ich damals gesagt habe: Er ist in Arbeit.

Mit Peter Glaser sprach Maik Söhler.

 

Thema
  • Teil eins: 'Als das Internet nach Deutschland kam'
  • Teil zwei: 'Von Punk zu Second Life'

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