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39 Fragen: 

Von Punk zu Second Life

10. Mai 2007 07:12
Das Mausklicken ist das Geräusch der Jetztzeit, meint Peter Glaser
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Zweiter Teil des Interviews mit Peter Glaser, dem Schriftsteller und Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs.

14 Herr Glaser, ein 1984 von Ihnen erschienener Text heißt «Rawums». Sagen wir mal, der Titel bezeichnet das Geräusch der 80er Jahre.

«Rawums.» Mit Punkt bitte. Kein Rufzeichen, das ist wichtig. Lakonie war in der Punk- und New Wave-Zeit ein hohes Ideal. Im Ratinger Hof, dem musikalischen Hauptquartier in Düsseldorf, wo ich damals lebte, kam am frühen Nachmittag der Punkmusiker Tommy Stumpf rein und bestellte für sich 20 Kölsch. Die Kellnerin brachte ihm die 20 Kölsch kommentarlos, Tommy arbeitete sie weg und keiner lachte darüber oder machte darum irgendeine Aufregung.

15 Und was hat diese Anekdote mit Ihrer Literatur oder Ihrem Leben zu tun?

Sie zeichnet - jetzt mal in einem kühnen Übergang - ein Bild dieser Zeit, das auch die Literatur prägte: weg vom Innerlichkeitspathos, hin zur Unmittelbarkeit, Selbstsicherheit, zum Schrägen, Witzigen, aber auch zur Affirmation, zur Kontur, zum Kommerz und zur Künstlichkeit.

16 Damals funktionierte Provokation noch.

Wir lebten inmitten von Kommerz und Künstlichkeit, warum sollte man das bekämpfen? Provokation steckte da auch drin, klar. Gerade beim Kommerz. Aber es war ja nicht so, dass wir uns jedem Unternehmen angedient hätten. Kommerz hieß erstmal, sich selbst zu vermarkten, in der Musik zum Beispiel Independent Labels zu gründen. Selbst mit einfachen Entertainment-Gesten konnte man damals noch provozieren.

17 Heute ordnet man Sie der Popliteratur zu. Haben Sie sich je selbst als Popliterat begriffen?

Nie. Das ist ein Kampfbegriff, der von der Gegenseite kommt. In den 80ern haben wir mehr über Punk als über Pop gesprochen, heute spricht niemand mehr über Popliteratur. Ich bin Schriftsteller, kein Popliterat.

18 In «Rawums.» heißt es, Langeweile, Lahmarschigkeit und Literatur seien identisch. Über den Schriftsteller der damaligen Zeit, haben Sie in einem Interview mal geäußert, dass man von Glück sprechen konnte, «wenn man nicht einen in die Fresse gekriegt hat.» Nun bezeichnen Sie sich selbst als Schriftsteller.

Ich hoffe nicht, dass ich deswegen langweilig und lahmarschig bin. Schriftsteller zu sein, hat schon damals zu meinem Selbstbild gehört. Aufgestanden sind wir in jener Zeit dagegen, dass Schriftsteller durch ihre Bräsigkeit die Literatur kaputt machen oder ihrem Publikum nichts zu bieten hatten. Oder auch gegen die strikte Trennung in hohe Literatur und Trivialliteratur.

19 Die gibt es heute zum Glück nicht mehr.

Denken Sie. Als ich 2002 für «Geschichte von Nichts» den Bachmann-Preis bekommen habe, fragte mich der sympathische Herr Scobel für 3Sat gleich, ob ich nach den langen Jahren in den Niederungen des Journalismus nun in die leuchtende Höhe der Literatur zurückgefunden hätte. Ich war konsterniert.

20 In einem anderen Text von Ihnen habe ich für die 90er Jahre das Geräusch des Rauschens gefunden.

Das bezieht sich auf das Pfeifen und Rauschen des Modems. Jede Epoche hat ihr Geräusch, oder besser: ihre Geräusche. Für die 80er können Sie auch dieses seltsame Jaulen nehmen, das entstand, wenn die Polaroid-Kamera ein Bild ausspuckte. Oder das Synthesizer-Fauchen. Oder für die 90er das Fiepen, mit dem ein CD-Player loslegt.

21 Welches Geräusch ist das der nuller Jahre, der Gegenwart?

Vielleicht das Klackern der Computertastaturen oder das Mausklicken.

22 Gefällt Ihnen die Kommunikationsgesellschaft mit ihren vielen Social Networks?

Im Prinzip ja. Aber wenn jeder mit jedem reden will, muss das nicht immer spannend sein, Langweiler gibt's ja in aller Welt. Außerdem haben sich Firmen des Social Networking angenommen und versuchen, die Nutzer in Datenkäseglocken einzuschließen. Zum Glück gelingt das nicht immer. Das Beispiel AOL zeigt, dass die User sich nicht mit einer vorgefertigten Netzumgebung zufrieden geben. Heute ereilt AOL das Schicksal eines Papiertaschentuchs im Wasser – es versinkt langsam in den Fluten.

Deswegen hat aber das freie Internet längst nicht gesiegt. Second Life macht deutlich, dass das Web 2.0 mit ähnlichen Methoden arbeitet. Second Life reproduziert die Schneekugelatmosphäre von AOL und sagt: «Ich bin alles. Du brauchst nichts von dem, was außerhalb meiner Welt liegt.» Hier kannst du einkaufen, reisen, kommunizieren, selbst den Puff haben sie nicht vergessen. Es gibt keine Links nach draußen. Fast alle Sozialen Netzwerke funktionieren nach diesem Prinzip. Das gefällt mir nicht.

23 Warum nicht? Es gibt doch Schlimmeres als einen zeitlich begrenzten Eskapismus der User.

Der Eskapismus ist nicht das Problem, sondern dass sich Leute mit so wenig, mit solchen Glasperlen zufrieden geben. Bedeutender ist aber, dass sie den Unternehmen auch noch freiwillig ihre Daten überlassen. Für Adress- und Datenhändler ist das geschenktes Geld, und zwar eine ganze Menge.

24 Das ist nicht schön, aber dieser Datenalarmismus nervt auch schon wieder.

Das ist kein Alarmismus. Für die meisten Leute ist Google der Zugang zum Internet. Das ist erstmal in Ordnung, auch wenn man schon hier bedenken sollte, was es bedeutet, wenn der Zugang zum Netz über ein Unternehmen vollzogen wird. Aber was passiert denn, wenn die Google-Aktien mal über einen längeren Zeitraum einbrechen? Was hat Google als Reserve für schlechte Zeiten, wenn es mal abwärts geht? Die Daten der User, die in den zig Google-Diensten von Gmail über Google-Maps bis -Groups aktiv sind oder waren.

25 So viele Daten kann doch niemand auswerten.

Noch nicht, aber dieses Unternehmen errichtet derzeit riesige Datenfarmen. Sollte der Wert der Firma wirklich mal sinken, dann fragen sich die Aktionäre sofort: «Was ist denn nun noch da, was man verscherbeln kann.» Und das Gold im Tresor von Google sind die Daten seiner User.

26 Ich bleibe dabei: Das ist Alarmismus.

Ich verstehe Ihren Einwand. Gerade die deutsche Linke hat über Jahre eine panische Angst vor der Steckdose gehabt. Ich bin ein eher affirmativer Mensch. Bevor ich etwas kritisiere, will ich wissen, was das ist und wie es funktioniert. So war das auch Ende der Siebziger, als es die ersten Computer gab. Die Linke hat gewarnt und «1984! Big Brother!» geschrieen. Der CCC war für mich der erste Laden, in dem es möglich war, den Spaß an einer Sache und die mögliche Kritik daran zu verbinden.

Mit Peter Glaser spricht Maik Söhler. Lesen Sie morgen den dritten Teil des Interviews.


 

Thema
  • Teil eins: Als das Internet nach Deutschland kam

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