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39 Fragen: 

Als das Internet nach Deutschland kam

09. Mai 2007 07:12
Liebt SMS: Peter Glaser
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Können Sie sich noch erinnern, wann Sie zum ersten Mal vor einem Computer gesessen haben? Bei Peter Glaser ist die erste Sitzung fast 30 Jahre her. Maik Söhler sprach mit dem Hacker und Schriftsteller.


Peter Glaser, geb. 1957 in Graz, ist Schriftsteller, Journalist und Hacker. In den 80er Jahren hat er mit Büchern wie «Der große Hirnriss» und «Rawums» auf sich aufmerksam gemacht. In jener Zeit wurde er auch im Chaos Computer Club aktiv, dem er bis heute als Ehrenmitglied verbunden ist. Als Journalist hat Glaser über so gut wie jedes Netzthema geschrieben, er bloggt derzeit für die deutsche Ausgabe der «Technological Review» und ist Kolumnist von «Focus-Online». 2002 erhielt er für seinen Erzählband «Geschichte von Nichts» den Bachmann-Preis.
Wegen schweren Rheumas sitzt Peter Glaser seit Jahren im Rollstuhl. Zum Interview trafen wir uns bei ihm zu Hause in Berlin-Spandau.

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1 Herr Glaser, wie lange ist es her, dass Sie zum ersten Mal mit einem Computer zu tun hatten?

Knappe 30 Jahre.

2 Welche technische Errungenschaft haben Sie seither am meisten zu schätzen gelernt?

Ich liebe SMS, weil sie für etwas stehen, was die Computer mal versprochen haben und nicht gehalten haben: direkte Kommunikation, einfach zu erstellen und man muss kein Betriebssystem lernen. E-Mail und SMS sind die Wiederkehr des Telegramms mit modernen Mitteln. Die SMS hat gegenüber der E-Mail den Vorteil, dass sie ein Medium ist, das vergessen kann. SIM-Karten haben eine begrenzte Kapazität, man muss irgendwann Daten löschen. Im Zeitalter des allgemeinen Speicherwahns ein unbestreitbares Plus.

3 Sie haben Anfang der 90er in einem Aufsatz mal geschrieben, das Netz würde sich zur vollendeten Dienstleistung entwickeln. Ist es dazu gekommen?

Nein, vollendet nicht. Ja, Dienstleistung schon. Das ist ein großer Fortschritt. So etwas wie die Ladenschlussdiskussion gibt es im Netz nicht. Ich kann um vier Uhr nachts einkaufen, und zwar alles. Das Web ist das größte Schaufenster der Welt.

4 Für Sie hat Dienstleistung keinen negativen Beiklang?

Erstmal nicht. Es gibt in Europa seit einem Jahrhundert eine konservative Tendenz, den Begriff «Dienen» nicht zu mögen. In den USA oder Japan ist das ganz anders, da legt man auf eine gute Dienstleistung viel Wert. In Ägypten habe ich mal in einer Bar erlebt, wie mir der Barmann einen Eimer Eiswürfel und eine Kelle gereicht hat. Er wollte mich fachmännisch beraten und sicherstellen, dass ich ja den richtigen, den perfekten Eiswürfel bekomme. Das waren 30 Sekunden reiner Genuss.

5 Hätten Sie im Netz manchmal gerne auch so einen Dienstleistungsberater?

Nein. Da will ich mich selbst zurechtfinden. Alles andere stärkte die vermeintliche Allmacht des Internet. Die Digitaltechnik hat sich im letzten Jahrzehnt in einen unfassbaren Größenwahn hineingesteigert. Erst so langsam lernt das Internet, dass es nur ein Kulturinstrument unter vielen ist und eben kein Absolutum.

6 Das sehen viele im Netz aber anders.

Von dem fast schon wagnerianischen Getöse, mit dem hierzulande die digitale Revolution ausgerufen wurde, ist kaum noch was übrig.

7 Woran liegt das?

Das hat vielleicht damit zu tun, dass die kulturellen Entwicklungen dem rasenden Tempo der so genannten Visionäre im Web zum Glück nicht folgen konnten. Vielleicht aber auch damit, dass alle Teilnehmer die Grundzüge der Spielregeln überhaupt erstmal lernen mussten und teilweise immer noch müssen. Das Netz wird derzeit zwangsdemokratisiert, und deswegen ist es – wie die Wirklichkeit – langsam und träge.

8 Bedauern Sie das?

Internet-Check:
Startseite: Google
Online-Zeit pro Tag: 6 bis 10 Stunden
Lieblings-Weblog: Bildblog
Online-Shopping: Zuletzt ein Album der Fehlfarben
BlackBerry oder Handy: Handy
Netz-Vorteile: Zeit- und Ortsunabhängigkeit, ist gleichzeitig auch der größte Nachteil
Nein, ich bin froh darüber. Das bedeutet doch, dass Normalität eingekehrt ist und sich die Hysterie wieder gelegt hat. Ich habe mich schon öfter gefragt, warum es, als das Telefon eingeführt wurde, nicht so einen Hype gegeben hat wie beim Internet. Damals wäre es absurd erschienen, von einer Telefonbewegung zu sprechen oder 50 neue Telefonzeitschriften herauszubringen oder von einem Erweckungserlebnis der Menschheit zu sprechen.
Der Kollaps der New Economy, all dieser Firmen mit zwei x im Namen, hat mich sehr erleichtert.

9 Neu ist ja auch, dass das Netz nun beginnt, eine eigene Historie zu haben.

Ich recherchiere derzeit eine Geschichte über den Tag, an dem das Internet nach Deutschland kam. Durch meine Zeit beim Chaos Computer Club kenne ich viele Leute, die dabei gewesen sein müssen. Ich weiß welche Klamotten sie getragen haben, welchen Joghurt sie am liebsten gegessen haben und wo sie waren als das Internet über New York und Amsterdam schrittweise näher kam.

10 Wissen Sie schon, welcher Tag genau das war?

Nein. Das kommt noch.

11 Der Vorteil des Netzes ist ja, dass es alles bereit stellt und Sie nur noch auswählen müssen, was davon wichtig ist.

Quatsch, es gibt viele Probleme mit den Quellen. Denn große Teile dessen, was wir in der Computerszene der 70er und 80er Jahre am Bildschirm gesehen haben, ist heute nicht mehr da. Die meisten Daten jener Zeit – da gab es zwar noch kein Internet, aber schon riesige Netze - lassen sicht heute eben nicht googeln. Vieles davon gehörte ja zum militärisch-industriellen Komplex.

12 Was haben Sie denn damals erwartet, was aus diesen Netzen mal wird?

Sehr vieles von dem, was heute daraus geworden ist. Anfang der 90er, auch da gab es das Internet noch nicht, hat ein Holländer mitten aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg sein Kriegstagebuch veröffentlicht – in einem Homecomputernet. Ich habe das vom Englischen ins Deutsche übersetzt und hier in die Netze gestellt.

Ich fand es toll, mit solchen Nachrichten dem Alleinherrschaftsanspruch der Tagesschau etwas entgegenzusetzen. Die Tagesschau sagt ja: „Guten Abend. Ich bin die Wirklichkeit.“ Real aber ist sie nur eine von vielen Möglichkeiten des Sprachgebrauchs. Als Schriftsteller erlebe ich in solchen Momenten einen gewissen Ingrimm. Dann sage ich: „Ich bin doch auch die Wirklichkeit.“ Und nun lag plötzlich mit diesem Kriegstagebuch ein anderer, subjektiver und demokratischer Bericht vor.

13 Ein Vorläufer der Weblogs.

Ich habe dann versucht, eine Art europäisches Tagebuch in Gang zu bringen, das Einträge aus allen europäischen Ländern versammelt und damit die Tagesschau- und Nachrichtenagentur-Wirklichkeit erschüttert. Damals wurde nichts daraus, heute heißt das Ganze Blogosphäre und Millionen Leute beteiligen sich daran.

Mit Peter Glaser spricht Maik Söhler. Lesen Sie morgen den zweiten Teil des Interviews.


 
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