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Wie überlebt man als Überleber?

30. Mrz 2007 07:14
Georg Stefan Troller
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Es ist Zufall, wenn man die Shoah überlebt hat, sagt Georg Stefan Troller. Und Menschen schreiben Bücher und machen Filme, weil das Leben «so stinklangweilig ist». Der fünfte und letzte Teil des Interviews.

53 In Ihrem Gespräch mit Art Spiegelman [Comic-Zeichner von «Maus», Grafiker unter anderem für den «New Yorker»] haben Sie gesagt: «In Interviews gieren alle nach meiner Trauerarbeit.» Und dann sprechen Sie gleichzeitig bei Charlotte Salomon von dem Bewusstsein, «Ich hätte am selben Ort enden können wie sie.» Gibt es so etwas wie eine «Shoahsolidarität». Soll ich mich jüdisch fühlen, nur weil es die Shoah gab?

Das ist es doch. Es vergeht nicht ein Tag, wo ich nicht daran denke. Und wann haben bitte die anderen Herrschaften, mit denen ich mich Tag und Nacht abgebe, zum letzten Mal daran gedacht?

54 Geht das immer so weiter?

Spiegelmans Comic über die Shoah: 'Maus'
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Natürlich. Meine Kinder begannen sich auch wieder dafür zu interessieren. So ist es ja. Mit 25 oder so wollen die Kinder wieder da hinein, wovor man sie bewahren wollte. In Amerika kenne ich Geschichten, dass die Kinder, nachdem die Väter sich auf Amerikanisch umbenannt hatten, wieder den alten Namen haben wollten. Das hat nichts mit Rasse oder Blut zu tun, aber wo kann ich je diesen Zusammenhang wegleugnen, wenn ich noch so sehr wollte. Die Kinder spüren es doch.

55 Aber es kommt eben von außen.

Die Umwelt lässt einen das natürlich auch wissen. Das ist ja klar. Aber man weiß es auch innerlich. [Telefon klingelt, er spricht deutsch, es geht um die Postadresse, Troller legt auf] ... der Vater war bestimmt in der SS, oder der Großvater... [lacht]

56 So viel zu Kohls Gnade der späten Geburt.

Diesen Ausdruck habe ich immer gehasst. Gnade hat ja etwas Göttliches. Vielleicht Glücksfall der späten Geburt, die Chance der späten Geburt. Aber Gnade ist doch total verkehrt. Naja, ist ja wurscht. Sehen Sie, die nette Dame am Telefon habe ich zum Lachen gebracht, aber wer weiß, was der Vater oder der Großvater waren. Man hat keine Ahnung. Die hätten mich ja umbringen wollen, bestimmt.

57 Ist das für das Telefonat wichtig?

Man denkt daran.

58 Nach all dem, was Sie erlebt, gesehen, durchgemacht und erfahren haben, entwickelt man da eine Indifferenz, sieht man die Dinge entspannter? So etwas wie Flucht kann ich mir ja nicht mal vorstellen.

Ach nein. Ich bin von Natur aus allen anderen Menschen gegenüber immer verlegen gewesen und bin es noch heute. Und dass man entspannter wäre auch nicht. Außerdem: Was heißt hier Erfahrung? Ich zitiere mich immer wieder selbst: Erfahrungen sind nur ganz seltene Augenblicke, die man intensiv erlebt hat. Goethe sagte gegen Ende seines Lebens: «Wenn man alles zusammenzählt, so war ich vielleicht zwei Wochen meines Lebens glücklich.»

Also wenn man alles zusammenzählt, ist es mit diesen Erfahrungen auch nicht so weit her. Die meiste Zeit wird doch vertrödelt mit Nichts. Einer der Gründe, warum man diese Filme und Bücher fabriziert, ist doch, um sich spannende Augenblicke zu verschaffen. Darum geht's doch! Weil das Leben so stinklangweilig ist.

59 Sie haben mal die Frage aufgeschrieben: Wie überlebt man als Überleber?

Ist eh alles nur Zufall. Es gibt diese schöne Geschichte, die ich so gerne erzähle: Ich ging in Paris als Emigrant schon unter der deutschen Besatzung in eine Grafikschule. Eines Tages kam ich raus, und ein Polizist verhaftete mich. Du kamst damals nach Drancy und dann nach Auschwitz. Er brachte mich auf die andere Straßenseite, wo eine Frau aus dem Fenster sah, ebenerdig. Und der Polizist fragte: «Ist er das?» Ich fragte, was das soll, da meinte er «Die Frau hat Sie denunziert als Spanner.» Es war so eine hässliche, ältere Frau. «Sie hätten bei ihr reingeschaut, wie sie sich ausgekleidet hat.» Und er fragte die Frau «Ist er das?», und die Frau sagte: «Wissen Sie, in meinem Alter sehen alle Männer gleich aus!» [lacht] Französischer Witz! Pariser Witz! Der Polizist sagte: «Monsieur, vous pouvez disposer» [Sie können gehen}]. Und ich haute ab.

Deportationslager Drancy. Hier 'sammelte' die Vichy-Regierung französische Juden, um sie in die Vernichtungslager zu schicken.
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Drancy – Auschwitz, wie mein Onkel Victor. Jetzt steht er angeschrieben auf der Mauer vor diesem jüdischen Gedenkzentrum da. Da hätte ich auch dabei sein können. Wo gibt es da einen Gott oder ein Schicksal oder irgendjemanden, der so etwas lenkt? Warum ich? Reiner Zufall! «Monsieur, vous pouvez disposer». Er hätte auch sagen können: «Kommen Sie mit aufs Kommissariat zur Aufnahme Ihrer Personalien», was Polizisten üblicherweise taten. Und schon wäre es passiert. Ich hatte ja keine Personalien.

60 Warum nicht?

Wir waren 19 Monate lang interniert von den Franzosen. Und als die Deutschen kamen, sagte der Kommandant des Lagers: «Eure Volksgenossen sind eben dabei einzutreffen, Sie können sich jetzt ihnen anschließen.» In all den Monaten hatte der nicht begriffen, wer wir waren. Alles Flüchtlinge. Ich und zwei Freunde rannten davon. Unsere Idee war – auch ne Schnapsidee - wir müssen vor die Front. Aber dass die Front so schnell ging - war ja ein Blitzkrieg - haben wir nicht gewusst. Also: Wie kommen wir vor die Front? Indem wir uns an den Straßenrand stellen, so [hebt den Daumen] und uns von den Deutschen mitnehmen lassen.

61 Gute Güte!

Der eine war Gandhi, der war eh ein Deutscher. Der andere war Heimann, blond, blauäugig, sah aus wie ein richtiger Nazi. Und da war ich. Und ich sah weiß Gott nicht aus wie ein richtiger Nazi. Ich kam auf einen Motorradfahrersitz. Der Mann sagte «Ich nehm Sie mit, ok.» Und ich sagte «Entschuldige Kamerad, ich muss schnell mal austreten.» «Ja, aber mach schnell, wir sind im Vormarsch.» Und da war ein Wäldchen, ich ging rein und zerriss alle meine Papiere. Hatte ja Angst. Dann hätten die ja gewusst, wer ich bin.

Wir fuhren los. Dann kamen ein paar Motorräder aus der Gegenrichtung, Kuriere und so, und die machten so [zieht sich eine lange Nase], und der Deutsche sagte «Die denken alle, du bist ein Jude, nur weil du so eine lange Nase hast.» [lacht]

Gandhi haben sie geschnappt. Heimann entkam glaube ich. Heimann - unglaublich so was - wurde als Maskottchen von den deutschen Truppen angestellt. Er kam mit der Armee nach Aachen zurück, mit den deutschen Truppen, und irgendjemand kam ihm auf die Schliche. Der Kommandant sagte in seiner Ansprache «Hier stinkt es nach Jude», und der Heimann schaute, dass er abhaute, so schnell er konnte.

62 Was für Zeiträume sind das?

Das fand alles innerhalb von Wochen statt. Gandhi war von den Franzosen als Nazispion verhaftet worden - er war ja Deutscher - und wurde an die Präfektur ausgeliefert, die inzwischen schon deutsch war. Also die Nazis bekamen ihn als Nazispion und wussten natürlich sofort, der war aus'm KZ entkommen. Das war das Ende. Wir konnten ihn dann nur noch abholen, also eine blutige Rolle Klosettpapier, auf der er seine letzten Worte geschrieben hatte, bevor er sich aufgehängt oder umgebracht hat durch Aufschlitzen...

63 Was hat er geschrieben?

Abschiedsworte an seine Freundin – mit seinem eigenen Blut, auf einer Rolle Klopapier! Ich ging mit ihr hin da. Rue du Cherche-Midi. Das Gebäude stand noch eine Zeit lang. Das war der Gestapo-Knast in Paris.

Für das «Pariser Journal» machte ich einmal eine Sendung, eine ganz irrsinnige Sendung, ich weiß nicht mehr, was das Thema war. Jedenfalls bekam ich einen Brief aus Deutschland: «Sehr geehrter Herr Troller, es würde mich doch interessieren, was aus meiner alten Dienststelle geworden ist, Rue du Cherche-Midi... [Pause] Ja ja, das sind so die Dinge, die einem diesen Humor geben.

64 Als Sie mit Gandhis Freundin dorthin gegangen sind und die blutige Papierrolle bekommen haben, wie sind Sie mit dieser Situation, mit diesen Gefühlen fertig geworden?

Ja, immer dieses Gefühl, ich habe überlebt. Aber warum habe ich eigentlich überlebt? Wieso habe ich überlebt und nicht andere? Bin ich nur ein Zufallsprodukt? Hat mein Leben überhaupt einen Sinn oder Zweck oder so was? Ist ja nicht so, dass man sich nachher sagt, ich muss jetzt besonders gut sein, um dessen wert zu werden. Nee, aber dieser knirschende groteske Humor, den ich ja doch habe, mörderischer Humor, der kommt eben aus diesen Dingen.

65 Was würde der 17-jährige Georg Stefan Troller sagen, wenn er Sie jetzt sehen könnte?

Das Cover von Trollers neuem Buch 'Lebensgeschichten'
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Total verblüfft! So wie mein Vater immer sagte: «Schorschi, dass aus dir was geworden ist. Ich versteh's ja nicht.» [lacht] Es wächst sich durch von außen nach innen, aber nicht von innen nach außen. So, das heißt, diese ganzen Filme und Bücher und Artikel, die über einen geschrieben werden, sind natürlich eine Kompensation... auch nicht das richtige Wort... sind ein äußerlicher Beweis dafür, dass man es geschafft hat. Der innerliche Beweis, das ist etwas völlig anderes. Es ist schön, dass es das gibt, und ich kann mir tagtäglich sagen «Guck mal an, da steht schon wieder ein netter Artikel über mich.» Aber im Grunde weiß ich natürlich, dass das alles eigentlich nichts damit zu tun hat. Dass ich also eigentlich die Jugendträume nicht gerechtfertigt habe.

Aber sind Träume überhaupt realisierbar? Außer man ist ein Genie. Es hat sich eben nicht von innen nach außen durchgewachsen, wie ich erwartet hatte, sondern von außen nach innen. Auch eine Möglichkeit zu überleben – ist ok. Aber nicht das, was mein jugendliches Selbst erwartet hat.

Mit Georg Stefan Troller sprach Sophie Albers.
 

Thema
  • Teil 1: «Frauen lügen wie gedruckt»
  • Teil 2: Beim Mann geht's raus, bei der Frau geht's rein
  • Teil 3: «Ich hasse den Hass»
  • Teil 4: Der Führer ist blond

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