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39 Fragen: 

Helge Malchow: Meine Zuversicht

23. Mrz 2007 08:12
Noch türmen sich die Bücher an der Leipziger Buchmesse...
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Im dritten Teil des Interviews erklärt Verleger Helge Malchow, wie es um das Buch im Zeitalter des Internets bestellt ist.

27 Wie viele unverlangt eingesandte Manuskripte bekommt ein Verlag in der Größe von Kiepenheuer & Witsch pro Jahr?

Vermutlich an die 1000. Aber für die Zusammensetzung unseres Programms sind sie nicht relevant. Es ist sehr, sehr selten, dass aus einem dieser Manuskripte mal ein Buch wird.

28 Das Internet ist voll von Texten, die vielleicht vor 15 Jahren noch unverlangt eingesandt worden wären. Haben Sie als Verleger Angst vor dem Internet?

Als reiner Sach- oder Fachbuchverleger hätte ich mehr Sorgen. Für das gezielte Lesen, das oft in der Fachliteratur gefragt ist, also für die Suche nach einem speziellen Buchkapitel oder nach ständigen Wissensupdates, da ist das Internet zur Konkurrenz und fast auch schon zu einem Ersatz für Buchveröffentlichungen, Periodika, Zeitschriften usw. geworden.
Die Fachbuchverleger sollten verstehen, dass sie Verleger von Inhalten sind, in welcher Form auch immer sie sie präsentieren. Wer da zu lange am Papier hängen bleibt, für den wird es gefährlich.

29 Aber Sie sehen Ihren Verlag nicht gefährdet.

Nein. Für mich ist das Internet ein interessantes, zusätzliches Medium. Wir alle arbeiten damit und profitieren davon. Es wird noch jahrelang neben der klassischen Buchveröffentlichung stehen – genauso wie das Theater neben dem Kino. Das Kino hat seine eigene Ästhetik entwickelt, nachdem es anfangs nur das Theater abgefilmt hat. Auch das Internet wird noch seine eigene Ästhetik in Bezug auf Texte entwickeln und es wird Bewegungen aus dem einen Medium ins andere geben – hin und her. Das Buch ist derzeit in vielerlei Hinsicht stark genug, um sich vom Internet nicht nennenswert erschüttern zu lassen.

30 Worin besteht die Stärke des Buches?

In der Haptik, in der Ästhetik, in der der visuellen Qualität, es ist von Energie unabhängig und kann bei jedem Lichteinfall gelesen werden. Erstaunlicherweise haben wir diese Stärken erst wieder neu entdeckt, als das Internet groß und bedeutend wurde.

31 In den späten 90er Jahren war die Angst vieler Verleger vor dem Internet deutlich spürbar. Vielleicht wurde deshalb von Verlagsseite vieles zur Zukunft der Literatur im Netz angekündigt. Aus den meisten dieser Ankündigungen ist nichts geworden.

Die Pioniere und Experten der Buchkultur können nicht gleichzeitig auch Pioniere und Experten der Netzkultur sein. Die Verlage sind derzeit nicht in der Lage, sich den allerneuesten Formen von Homepages anzupassen oder sich diese gar auszudenken. Da sind die Vertreter der neuen Intelligenz im Netz viel besser und vor allem viel schneller. Von dort kommen die großen Innovationen, und die sie hervorbringen, sind Angehörige einer jüngeren Generation. Das ist eine interessante Herausforderung, sie erzeugt Reibungen und Konkurrenzen. Und daraus können neue Themen für Bücher entstehen.

Wir fordern außerdem unsere Autoren schon jetzt auf, im Netz präsent zu sein oder auch mal spezifische Texte fürs Internet zu schreiben, die wiederum auf ihre Bücher verlinkt sind. Es ist so eine Art kleiner Grenzverkehr. Und den begreife ich als Bereicherung.

32 Sie wirken so optimistisch. Die meisten Zeitungsverleger haben derzeit große Angst.

Als Zeitungsverleger hätte ich auch Angst. Denn ein Großteil dessen, was sich heute in den Zeitungen findet, wird in fünf oder zehn Jahren im Netz gelesen werden. Nicht 100 Prozent, aber ein Großteil, der zudem auch noch ökonomisch relevant sein wird. Ich vermute mal, bei Büchern wird es von der Richtung her ähnlich sein, nicht aber beim Umfang.

33 Es könnte zu einem Verdrängungswettbewerb kommen: Das Netz ist, was die Aktualität angeht, unschlagbar. Deswegen wählen Tageszeitungen verstärkt hintergründige Formate, was Wochenzeitungen und Magazine zu neuen Formen zwingt usw. Davon könnte irgendwann auch das Buch betroffen sein.

Die Schreibstile im Journalismus, im Netz und im Buch sind immer noch sehr unterschiedlich. Hinzu kommt das alte Problem des Internet: Informationen werden nicht hierarchisiert, wer nicht aufpasst, droht in einem Meer an Informationen zu ertrinken. Von diesem Strom der durchlaufenden Texte hebt sich das Buch deutlich ab.

34 Auch das Netz kann hierarchisieren. Und wie Sie eben selbst gesagt haben, es kann sich weiterentwickeln.

Ja, auch dort wird sortiert. Aber in den Buchverlagen ist eine andere Kompetenz bei der Auswahl von Texten vorhanden. Auswählen zu können, das ist es doch, was Verlage über Hunderte von Jahren gelernt haben. Genauso wie das einmal Ausgewählte anschließend mit Rückenwind in die Welt zu tragen.
Möglicherweise werden auch Buchverlage in einigen Jahren einen Teil ihrer Produktion im Netz stehen haben. Aber es wird ein gut ausgewählter Teil sein.

35 Rainald Goetz bloggt ja nun wieder. Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass das Schreiben fürs Netz und fürs Buch identisch sein kann.

Er ist ein Ausnahmefall. Für Goetz ist das vielleicht auch eine gute Tiefstapelei, um überhaupt wieder schreiben zu können. Bei ihm sieht man sehr schnell, dass er sein Blog mit Texten bespielt, die Tiefe haben und die diese Tiefe auch transzendieren; was er aktuell darin schreibt, geht weit über die Flüchtigkeit eines Blogs hinaus.

Später wird vermutlich ein Buch daraus werden, wie schon bei «Abfall für alle». Oder wie im Moment bei uns im Hause. Wir veröffentlichen gerade die Texte aus Jens Friebes Blog «52 Wochenenden» als Buch. Schon im Blog waren das gute Texte, im Buch aber, nachdem sie überarbeitet wurden, ergibt sich ein substanzieller Überblick über die Freizeitkultur des letzten Jahres.

36 War Friebes Blog von vornherein so angelegt, dass ein Buch daraus werden sollte?

Nein. Er ist ja Musiker und ich war von seiner Musik sehr beeindruckt. Dann hat mir jemand erzählt, dass er bloggt und so haben wir das erst entdeckt.

37 Seit das Buch in Arbeit ist, wird das Blog nicht mehr fortgeführt. Als Netz- und Blogleser finde ich das unfair.

Es kann ja sein, dass aus dem Buch heraus Themen entstehen, die dann im Netz wieder fortgeführt werden. Das wäre doch mal interessant.

38 Überlegt man sich als Verleger nicht, literarischen Bloggern selbst Platz zu geben?

Das überlegen wir auch und vielleicht wird das kommen, nicht bei Kiepenheuer & Witsch, aber innerhalb der Holtzbrinck-Gruppe, zu der wir ja gehören. Eigenartig dabei ist, dass die Gesichtspunkte, unter denen sich im Netz Ideen entfalten, meistens mit den Namen von Autoren und den Titel von Büchern verknüpft sind, aber nicht mit denVerlagen. Das könnte daran liegen, dass sich Netzautoren und -benutzer nicht von einem kommerziell orientierten Buchverlag missbrauchen lassen möchten.

39 Jetzt haben wir die ganze Zeit über Literatur gesprochen und so soll das Interview auf keinen Fall enden. Verraten Sie mir noch, was Sie gerne im Fernsehen sehen. Und sagen sie jetzt bitte nicht: Elke Heidenreichs «Bücher»-Sendung.

Die Sopranos.

Mit Helge Malchow sprach Maik Söhler.




 

Thema
  • Teil eins: Mein bestes Buch
  • Teil zwei: Mein größter Flop

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