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netzeitung.deHelge Malchow: Mein größter Flop

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Kann auch über seine Flops lachen: Helge Malchow (Foto: privat<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Kann auch über seine Flops lachen: Helge Malchow
Foto: privat
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

strong { display: block; margin: 0; padding: 0; font: bold italic 15px/20px "times new roman", times, serif; } Als ein Sachbuch noch die Welt bedeuten konnte: Zweiter Teil des Interviews mit Helge Malchow, dem Verleger von Kiepenheuer & Witsch.

14 Herr Malchow, wenn Sie als Leser die Wahl zwischen einem Roman und einem Sachbuch haben, wofür entscheiden Sie sich?

Heute oder früher?

15 Heute.

Weiß ich nicht. Kommt drauf an, zwischen welchen beiden Büchern ich konkret wählen soll.

16 Und früher?

Früher auf jeden Fall für das Sachbuch. In den späten 60er und den gesamten 70er Jahren haben mich die politischen Bücher viel mehr interessiert als die Literatur. Marcuse, Reich, Adorno, Habermas, Popper, der Positivismusstreit – einige dieser Bücher sind in Raubdrucken erschienen –, das hat mich gefesselt und in die Welt der Bücher getrieben. Obwohl ich auch Germanistik studiert habe, ist meine Auswahl der Belletristik bis in die frühen achtziger Jahre meistens politisch begründet gewesen.

17 Marcuse, Adorno – dagegen ist der aktuelle Sachbuchmarkt ganz schön gleichförmig.

Das stimmt nicht. Es gibt doch Sloterdijk, Theweleit, Ulrich Beck und viele andere.

18 Das ist doch was anderes.

Was an Ihrer Aussage stimmt, ist, dass aktuelle Sachbücher nicht mehr mit der Utopie der Subversion verknüpft sind und nur noch ein Segment unter anderen darstellen. Dennoch gibt es weiterhin eine reichhaltige politisch-theoretische Welt der Sachbücher, gerade zu aktuellen politischen Themen. Hinzugekommen ist die ganze Welt des kritischen Journalismus, die sich auch in Büchern artikuliert. Nur die Verwegenheit und Sprengkraft von damals, wie Sie sie eine Zeit lang beispielsweise in der Edition Suhrkamp fanden, sind nicht mehr da.

19 Vermissen Sie das?

Nein. Man muss das vor dem Hintergrund einer ganz speziellen zeitgeschichtlichen Konstellation verstehen. Die heutige Situation ist mit Sicherheit genauso interessant. Und einiges ist ja auch geblieben: der gemeinsame Nenner von damals und heute ist die Wahrheitssuche. Nur findet sie heute unter ganz anderen Bedingungen statt.

Ich bin kein Nostalgiker, sondern ein neugieriger Mensch. Mich interessiert, wie sich Autoren heute mit der globalisierten und von den Medien vollständig durchleuchteten Welt auseinandersetzen. Globalisierung und Medien bezeichnen strikte Gegensätze zu früher, als die Welt der Wirtschaft oder Kultur zum Beispiel noch meist im nationalen Rahmen interpretiert wurde und Autoren mit Enthüllungsbüchern die Welt erschüttern konnten. Damals war vieles einfacher, selbst die Provokation war einfacher. Heute hat sie ihren Stellenwert fast verloren, weil sie überall präsent ist.

20 Welcher war der erfolgreichste Titel bei Kiwi, seit Sie Verleger sind?

Frank Schätzings «Der Schwarm». Dicht gefolgt von Günter Wallraffs «Ganz unten» in den 80er Jahren. Von den aktuellen Titeln haben die Bücher von Bastian Sick gute Chancen aufzuschließen. All diese Bücher sind oberhalb der Kategorie Bestseller angesiedelt.

21 Der größte Flop? Das müssen Sie jetzt auch sagen.

Zurückgefragt – ökonomischer oder verlegerischer Flop?

22 Beides.

Das Programm eines Verlages setzt sich unter Verkaufsgesichtspunkten aus drei Gruppen zusammen. Mit einem Drittel verdient man das Geld für den gesamten Verlag und sein Programm. Das zweite Drittel der Bücher trägt sich ökonomisch selbst. Und das dritte Drittel ist defizitär. Das sind nicht gerade wenige Bücher. Da jetzt eines herauszugreifen, fällt mir schwer.

23 Bitte - ein konkreter Titel.

Der letzte Erzählband des US-Schriftstellers David Foster Wallace hat sich bisher nur 2000 mal verkauft...

24 ...ein großartiges Buch...

...nicht wahr? Es verkauft sich schlecht, aber ich würde deswegen nie überlegen, keine weiteren Bücher dieses Autors zu veröffentlichen. Enttäuschender sind Bücher, etwa im Bereich Unterhaltung, von denen man hohe Verkaufszahlen erwartet, die sich dann aber nicht erfüllen. Dann überlegt man: War das Thema falsch? Oder der Autor?

25 Ich gebe keine Ruhe, bevor Sie nicht ein konkretes Beispiel genannt haben.

Vor zehn Jahren haben wir mal einen sehr erfolgreichen Unterhaltungsroman mit dem Titel «Ein Jahr Mallorca» verlegt. Das Buch zielte auf die Leute, die in Mallorca am Strand liegen und schlechte Bücher lesen, und sollte unterhaltsam, aber auch lehrreich von der Insel selbst erzählen. Von diesem Buch haben wir mehr als 100.000 Exemplare verkauft und so haben wir anschließend gesagt, das machen wir jetzt für alle Feriengebiete, in denen Deutsche unterwegs sind. Die Bücher, die dann entstanden, waren fast alle Flops. Nach zwei Jahren haben wir die Serie eingestellt.

26. Nochmal: Der größte Flop in Ihrer Zeit als Verleger, bitte nennen Sie einen Titel.

Okay, okay. Für mich war der größte Flop das Buch «Wer einmal fälscht... - Die Geschichte eines Fernsehjournalisten» von Michael Born, der kurz zuvor als Fälscher von Fernsehbeiträgen bekannt geworden war. Es war ein Fehler, dieses Buch zu veröffentlichen. Denn er war der falsche Zeuge für den Niedergang der politischen Magazine im Fernsehen und das Buch hat sich schlecht verkauft.

Mit Helge Malchow spricht Maik Söhler. Lesen Sie morgen den dritten Teil des Interviews.