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netzeitung.deHelge Malchow: Mein bestes Buch

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Holden Caulfield? Nein, Helge Malchow (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Holden Caulfield? Nein, Helge Malchow
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

strong { display: block; margin: 0; padding: 0; font: bold italic 15px/20px "times new roman", times, serif; } Morgen eröffnet die Leipziger Buchmesse. Helge Malchow kennt sie seit ihren alten DDR-Tagen. Maik Söhler sprach mit dem charismatischen Kölner Verleger.


Ja, die Leipziger Buchmesse: Die einen sprechen von der fantastischen Welt der Bücher, wandeln von Stand zu Stand und genießen Lesung auf Lesung. Andere wenden sich genervt ab - zu viel Kommerz und Trubel, zu wenig Dichter und Denker.

Wie auch immer, es ist die Zeit der Verleger. Einer von ihnen heißt Helge Malchow. Geboren 1950 in Freienwalde/DDR, ist er seit gut fünf Jahren verlegerischer Geschäftsführer des Kölner Traditionsverlags Kiepenheuer & Witsch. Zum Interview trafen wir uns Unter den Linden im Café Einstein.

1 Waren Sie vor 1989 öfter auf der Leipziger Buchmesse?

Mehrfach und mit allem, was dazu gehört. Wir haben Geschäftsgespräche mit DDR-Verlagen geführt, aber auch Kontakte zu Autoren aufgebaut und gepflegt. Anschließend wurde man dann manchmal an der Grenze aus dem Zug geholt und zwei Tage lang festgehalten.

2 Ist Ihnen das selbst mal passiert?

Ja. Fast jeder Besuch in Leipzig hatte eine sehr ambivalente, spannungsgeladene Beziehung zur DDR zur Folge.

3 Wie war die Messe damals?

Ganz anders als heute. Die Messe fand im Zentrum der Stadt statt und war zeitlich verknüpft mit irgendwelchen Industriemessen. Eine Messewoche bedeutete damals den Einfall tausender internationaler Menschen in die DDR-Welt. Und entsprechend sah es dann auch in Leipzig aus: massenhaft Zivilbeamte, Stasi-Kontrollen, Partys, bei denen man nie wusste, ob man für irgendwas benutzt wurde oder ob man dort halbwegs subversiv unterwegs war.

4 Man hört so oft von den berüchtigten DDR-Messehostessen. Die gab es doch nicht wirklich.

Ich erinnere mich an eine Party, das war in einem Leipziger Altbau. Die Wohnungsbesitzer waren DDR-Leute, der Champagner kam von Franzosen, der Kaviar von Russen und mein Verdacht war, dass die meisten Frauen aus der professionellen DDR-Szene stammten. Das war eine sehr unwirkliche Szenerie. Vor allem in den letzten Jahren vor 1989, als man schon den Boden unter den Füßen schwanken spürte und eine Endzeitstimmung zu spüren war. Aber auch Verzweiflung, weil man ja nicht absehen konnte, dass es tatsächlich zu Ende geht.

5 Das alles klingt um einiges interessanter als die aktuellen Messen mit ihrem business as usual.

So ist es immer, wenn irgendwo Druck oder Auseinandersetzungen zu spüren sind. Für die Literatur sind das die heißen Situationen und in ihnen bestehen ganz andere Möglichkeiten, als Stimme ernst genommen zu werden. Das ist auf jeden Fall anders als in den Zeiten, in denen wie heute die Kultur in die Bereiche der Unterhaltung und der Medien fällt.
Daraus ziehe ich jetzt aber nicht die Schlussfolgerung: «Je schlimmer die Zeiten, desto besser ist es für die Literatur.»

6 Haben Sie an einer Buchmesse überhaupt noch Spaß?

Ich habe Spaß daran, weil die Leipziger Messe ja eine interessante Alternative zur Frankfurter Messe geworden ist. In Frankfurt stehen der Handel mit Rechten und die Marketingshow im Mittelpunkt – die Präsentation von neuen Büchern und Autoren, auch im Hinblick auf das bevorstehende Weihnachtsgeschäft. Leipzig hingegen hat eine schöne Lücke gefunden, auch weil es für noch eine große Messe keine Notwendigkeit gab. Sie ist die Messe für Autoren, Lesungen und Debatten. Manchmal bekommt man das Gefühl, hier gehe es mehr um die Sache, um die Inhalte der Bücher, als in Frankfurt.

7 Darum geht es doch schon lange nicht mehr, auch nicht in Leipzig.

Doch. Natürlich steht auch die Literatur nicht außerhalb einer kommerzialisierten Welt. Aber man kann Literatur nicht schreiben, lektorieren, verlegen, wenn man nur von einem kommerziellen Interesse getrieben wird. Wen nur das interessiert, der sollte woanders hingehen, da kann mehr wesentlich mehr verdienen. Die Voraussetzung für Qualität ist immer auch ein Sachinteresse.
Es gibt eine ganze Reihe Verlage, die Bücher allein aus Umsatzgründen produzieren. Nur sind diese Bücher in der Regel eben nicht so gut wie die Bücher jener Verlage, bei denen das literarische Interesse den Ausgangspunkt bildet. Natürlich kommt auch bei ihnen der Punkt, an dem die Bücher verkauft werden müssen.

8 Schauen Sie bitte mal zurück: Welches ist das erste Buch, an das Sie sich erinnern?

Genau weiß ich es nicht mehr. Astrid Lindgren, Fünf Freunde – irgendetwas davon.

9 Der erste wichtige Roman in der Jugendzeit?

Komischerweise J.D. Salingers «Der Fänger im Roggen».

10 Warum komischerweise?

Weil ich damals noch nicht wusste, was Kiepenheuer & Witsch ist. Heinrich Böll hat den Roman übersetzt und in Deutschland erschien er eben bei Kiepenheuer & Witsch.
Dieses Buch ist ein Wunder, da es über so lange Zeit ohne jeglichen Verlust immer wieder auf jede junge Generation wirkt und dazu einlädt, sich überhaupt mit Literatur zu befassen. Wir haben den Roman vor drei Jahren neu übersetzen und in eine zeitgemäße Sprache übertragen lassen. Er verkauft sich immer noch gut.

11 Weil er in der Schule zur Pflichtlektüre gehört und tausende Eltern ihn kaufen müssen.

Auch, aber nicht nur. Die Verkaufszahlen gehen weit darüber hinaus.

12 Das beste Buch aller Zeiten?

So eine Generalisierung fällt mir schwer. Für mich, ganz subjektiv, gehört «Unterwelt» von Don DeLillo zum Besten, was ich je gelesen habe. Dieses eine Buch wird für lange Zeit den Rang und die Größe des Autors DeLillo definieren, egal, wie gut oder schlecht seine anderen Romane auch sind. Für «Unterwelt» hätte DeLillo den Nobelpreis verdient. Ähnlich ist es, um ein Buch aus einem anderen Verlag zu nennen, mit «Die Enden der Parabel» von Thomas Pynchon.

13 Das am meisten überschätzte Buch?

Hm. Ich würde schon sagen, dass die Verkaufszahlen bei Dan Brown in einem ungesunden Verhältnis zur Qualität seiner Bücher stehen.

Mit Helge Malchow spricht Maik Söhler. Lesen Sie morgen den zweiten Teil des Interviews.