21. Feb 2007 09:49
Deutschlands erfolgreichste Teenie-Band veröffentlicht ihr zweites Album.
traf Tokio Hotel zum Interview.
Deutschlands erfolgreichste Teenieband, das sind vier Jungs aus Magdeburg, die als Schülerband angefangen, sich hochgespielt und mit dem Konzept des Anschreiens gegen die Pubertäts-Nausea unterlegt mit klarem Poprock den deutschen Popthron erklommen haben. Die Songs heißen «Schrei» oder auch «Rette mich». Nun kommen noch «Spring nicht» und «Ich brech aus» hinzu. Da in Deutschland bereits alle Rekorde gebrochen und Preise abgeräumt sind, ist nun Europa dran: Gerade hat ihr Debütalbum in Frankreich Goldstatus erreicht. Frontmann ist der 17-jährige Bill Kaulitz, ein morbid geschminkter, schlaksiger Junge mit auftoupierten Haaren. Sein Zwillingsbruder Tom, Dreadlocks und baggy pants gilt als schlimmer Junge der Band, spielt Gitarre und redet gerne über Sex. Gustav ist 18 und redet überhaupt nicht gern, wie es sich für einen Drummer gehört. Georg ist mit 19 der Älteste und bedient den Bass.
Berühmt gemacht hat die Band vor allen Dingen ihre Fangemeinde. Die besteht vornehmlich aus Mädchen, meist um die 13 Jahre alt, die in schrilles Schreien ausbrechen, sobald Tokio Hotel irgendwo auftauchen.
Wir treffen sie schließlich in einem Saal, wo sonst Orchesteraufnahmen gemacht werden. Stuhlkreis wie bei einer Selbsthilfegruppe, nur enger.
1 Kann man sich auf Ruhm vorbereiten?
Bill: [strahlend gut gelaunt, mit großem Silberkreuz um den Hals] Nee! Viele Leute haben versucht, uns auf Erfolg vorzubereiten und gesagt «Es könnte sein, dass das tierisch durch die Decke geht.» Letztlich hat aber keiner damit gerechnet, wie es wirklich wird. Auch wir nicht.
2 Es gibt doch so was wie Star-Trainining, Umgang mit Medien...
Bill: Da haben wir uns immer gegen gewehrt. Plattenfirmen versuchen das gerne, wollen dich irgendwie platzieren. Wir haben von Anfang an immer gesagt, dass wir so gut wie's geht, immer die Wahrheit sagen wollen. Wir wollten nicht in ne Schublade. Wir wollten rausgehen, gucken, was die Leute machen und so antworten, wie wir es immer tun.
3 Gab es Augenblicke, in denen Euch die Aufmerksamkeit überfordert hat?
Bill: Es gibt Augenblicke, da wünscht man sich die Öffentlichkeit weg! Was mich tierisch abnervt sind Paparazzi. Ich hätte mir das nie so vorgestellt. Früher, wenn Leute sich darüber aufgeregt haben, habe ich immer gedacht «Kommt jetzt, ist doch nicht so schlimm. Die Leute interessieren sich dafür.» Aber mittlerweile finde ich es richtig furchtbar.
Tom [breitbeinig auf den Stuhl gegossen, nuschelt in sein XXL-T-Shirt]: Die machen aber auch nur ihren Job.
4 Wie weit geht das denn bei Dir, Bill?
Bill: Mich haben sie zum Beispiel im Urlaub fotografiert, auf den Malediven. Auf dem Jetski abgeschossen. Oder wenn wir abends feiern gehen. Da haben sie uns dann fotografiert und tierisch die Geschichte draus gemacht, wie 17-Jährige abends mal feiern gehen. Was ja eigentlich normal ist...
Georg [vorgebeugt, interessiert]: Zeig mir einen Jugendlichen in Deutschland, der nicht feiern geht!
Bill: Das nervt schon, dass die Sachen so aufgeblasen werden....
5 Aber das ist wiederum Euer Job.
Tom: Genau.
6 Eine Frage für die Fans: Hat so ein zahnspangentragender Teenager überhaupt eine Chance, an Euch ranzukommen? Tom hat jüngst von einem Mädchen berichtet, das in sein Hotelzimmer gekommen ist...
Tom: Ich will jetzt keine Tricks verraten, aber... [Auf Wunsch der Plattenfirma haben wir Toms Tipps rausgenommen]
Bill: Bitte schreiben Sie das nicht!
7 Nein, keine Sorge.
Tom: Das ist ja nicht so schwer. Wir werden häufig gefragt, ob wir uns vorstellen können, einen Fan als Freundin zu haben. Auf jeden Fall...
8 Ich meinte jetzt eher, wie die an den ganzen Sicherheitstypen vorbeikommen sollen...
Bill: Natürlich haben wir Sicherheitsvorkehrungen, wenn wir unterwegs sind. Aber wenn wir auf dem Zimmer sind, sind wir richtig alleine, ohne irgendwelche großen Bodyguards. Und die stehen auch nicht vor unserer Tür.
Georg: Die schlafen auch nicht bei uns in der Dusche.
Bill: Bei vielen Sachen, die wir gerne machen würden, bestimmen die Sicherheitsleute. Aber das ist eine Sache, wo wir uns durchsetzen. Ich will das nicht. Ich will nicht kontrolliert werden, nicht erklären, wo ich hingehe, weil das einschränkt. Ich habe sowieso schon sehr wenig Privatsphäre, und da will ich machen, wozu ich wirklich Lust hab. Ich will diese Kontrolle nicht.
9 Wenn Fans dann wirklich vor Euch stehen, kriegen die überhaupt ein Wort raus?
Bill: Meistens nicht viel. Denen fällt dann immer nichts ein. Das kann ich aber auch verstehen. Wenn ich mit zehn Jahren Nena getroffen hätte, wäre es mir genauso gegangen...
Tom: Deshalb sammle ich schon seit Jahren Fragen, für den Fall, dass ich Angelina Jolie mal treffe...
10 Eigentlich funktionieren diese Mädchen auch ohne euch. Die schreien ja auch, wenn ihr nicht da seid.
Bill: Ja, aber ich hoffe, dass sie auch schreien, wenn sie einen neuen Song von uns hören. Schreien ist auch so ein befreiendes Gefühl!
Tom: Du schreist ja auch, wenn du glücklich bist.
11 Fühlt Ihr Euch frei in Euren Entscheidungen?
Tom: In den Entscheidungen auf jeden Fall ja.
Georg: Definitiv.
Bill: Das haben wir uns auch so ein bisschen erkämpft. Gerade wenn man jung ist, wird man schnell nicht ernst genommen. Wie früher in der Schule. Ältere sagen dann: «Ach komm ey, ich hab schon so viel Erfahrung.» Man sollte immer auf das hören, was man gerade fühlt. Gerade auch junge Leute haben eine ehrliche Meinung.
Tom: Vor allem gehört das Fehlermachen einfach dazu. Das wollen die meisten Leute immer ausschließen, aber...
Bill: [überschreit ihn, machen sie dauern gegenseitig] Wir haben von Anfang an gesagt, wir entscheiden alles selber, und wir wollen wirklich überall mit einbezogen werden, Songs Konzerte, wir machen das Bühnendesign selber...
12 Ist ja eine beliebte Legende unter Popstars, dieses «Wir machen alles selbst...»
Bill: Ja, aber wir sind wirklich so.
Tom: [überschreit ihn] Das ist echt son Klischee, gerade wenn man irgendwelche Plastikkünstler fragt, die irgendwie zusammengewürfelt wurden «Macht ihr denn alles selber?» «Ja klar.» Das sagt wahrscheinlich jeder...
Bill: Aber bei uns kann man das besser zurückverfolgen, weil auch unsere Vorgeschichte bekannt ist. Und wie man sieht, war das schon immer so der Style. Ich habe mich von Anfang an dagegen gewehrt, wenn irgendwelche Leute gesagt haben «Hey hört zu, wir wollen das so und so...»
13 Hat denn schon mal jemand ganz konkret das Aussehen bestimmen wollen? «Schneid dir die Haare ab, das ist besser fürs Image?»
Bill: Als ich die Haare anders gemacht habe, als ich die zum Beispiel kurz hatte und dann lang, da war ein tierisches Geschrei! Die Plattenfirma meinte «Bist du bescheuert», und alle ringsum meinten «Nein, dein Markenzeichen, das kannste nicht machen. Oh Gott, was sagen denn die Leute». Dann gab es neue Fotos, und alle machten sich tierische Sorgen, und ich dachte so «Ey, ich habe gerade Lust drauf, wird schon gut werden.» Ich bin da so ein Bauchmensch. Ich entscheide das dann einfach und frag da auch keinen nach. Da ist das Geschrei dann manchmal groß.
Mit Tokio Hotel spricht Sophie Albers. Lesen Sie morgen den zweiten Teil des Interviews.